Soventix-Chef Thorsten Preugschas: "Es müsste Hunderte von uns geben"

Interview Thorsten Preugschas, Soventix-Chef : „Es müsste Hunderte von uns geben“

Ein Unternehmer aus Kamp-Lintfort glaubt, dass Solarenergie Afrikas Wirtschaft nach vorne bringt und die Flüchtlingskrise bewältigen hilft.

Thorsten Preugschas projektiert und baut mit seinem Unternehmen Soventix Solaranlagen außerhalb von Europa. Seit einigen Wochen wächst das Interesse auch der lokalen Politik an seinem Unternehmen. Die Parteien gehen ein und aus und wollen von Preugschas Antworten auf Klimathemen.

Eines der von Preugschas umgesetzten Projekte: Eine Solaranlage des deutschen Unternehmens Siemens in Afrika. Der Weseler Unternehmer hofft auf weitere Investoren. Foto: Soventix

Herr Preugschas, Deutschland diskutiert in diesem Sommer über das Klima und regenerative Energien. Ihr Unternehmen Soventix befasst sich seit Jahren mit Strom aus Sonnenenergie. Wie nehmen Sie die gegenwärtige Debatte wahr?

Eine Solaranlage von Soventix in Simbabwe. Der Weseler Unternehmer Thorsten Preugschas glaubt an die Zukunft der Solarenergie in Afrika. Foto: Soventix

Thorsten Preugschas Der Klimawandel ist menschengemacht. Dessen werden sich die Bürger immer bewusster. Ich fühle mich in dem, was ich mit meinem Unternehmen mache, bestätigt. In 30 Jahren wird es keine Kohle- und Atomkraftwerke mehr geben. Die Energie werden wir trotzdem benötigen. Energie aus Sonne war schon immer ein wichtiger Teil der Lösung. Dass sie in den letzten Jahren zu einer der günstigsten Energieressourcen avanciert ist, macht deutlich: Um den Klimawandel wirkungsvoll zu bekämpfen, müssen wir die Sonne noch effizienter als Energiequelle nutzen.

Es gab schon einmal einen Solarboom 2003 bis 2010. Was wurde da denn falsch gemacht?

Preugschas Die anfänglichen Subventionen waren richtig und nötig, um den Solarunternehmen in der Anfangsphase auf die Beine zu helfen. Heute sind Subventionen für Solarenergie nicht länger notwendig. In den letzten Jahren wurde eine Reihe politischer Fehler begangen. Beispielsweise wurden Einfuhrzölle auf chinesische Produkte erlassen, um deutsche Solarfirmen zu schützen. Dadurch blieben die Anlagenpreise hierzulande hoch oder erhöhten sich sogar. Parallel sanken die Einspeisevergütungen überproportional. Das führte zu erheblichen Problemen. Hierzulande ist die Solarbranche fast komplett zusammengebrochen. 80 Prozent der Projektentwickler kamen in finanzielle Schwierigkeiten und konnten diese Zeiten wirtschaftlich nicht überstehen. Deutsche Unternehmen waren einst Weltmarktführer in der Solarbranche. Heute haben sie einen Marktanteil von weniger als einem Prozent am Weltmarkt. Dabei hätte Deutschland in der Solarbranche ähnlich führend bleiben können wie in der Automobilindustrie. Die Chance wurde leider verpasst.

Was haben Sie anders gemacht als andere?

Preugschas Das Unternehmen wurde in eine Konsolidierungsphase hinein, nach dem Solarboom in 2011, gegründet und hat sich damit antizyklisch entwickelt. Wir konzentrieren uns bei Projekten nicht auf Deutschland und Europa, sondern auf die sogenannten Emerging Markets – insbesondere in Afrika. Unser Geschäft ist die Entwicklung und der Aufbau von Anlagen und darin liegt auch das Wesen dieser Branche. Ich glaube, dass wir noch sehr viel stärker auf eine dezentrale Art der Stromversorgung setzen müssen. Das heißt, dass der Strom dort produziert wird, wo er auch gebraucht wird – und dafür ist Solarstrom prädestiniert.

Es gab das große Projekt Desertec, bei dem Strom aus der Sahara transportiert und nach Europa gebracht werden sollte. Von diesem Projekt hört man nichts mehr.

Preugschas Dem Projekt Desertec liegen aus meiner Sicht mehrere Falschannahmen zugrunde. Es war riesig dimensioniert. Die Region, in der es angesiedelt werden soll, ist politisch instabil. Es gibt zu hohe Stromverluste, wenn dieser Strom per Kabel nach Europa transferiert werden soll. Von den äußeren Bedingungen ganz zu schweigen: So beeinträchtigt beispielsweise der Sahara-Staub die Leistung der Module und führt zu einem schwächeren Ertrag der Solaranlagen. Zudem werden die Anlagen durch Sandstürme fortwährend beschädigt. Es ist wirtschaftlicher, den Strom an dem Ort zu produzieren, wo er genutzt werden soll. Auch in Deutschland.

Sie setzen aber vorwiegend auf Afrika. Aus welchem Grund tun Sie das?

Preugschas Das Potenzial liegt in der Projektentwicklung. Solaranlagen können viele Unternehmen bauen. Die Projektentwicklung ist jedoch deutlich komplexer: Man muss Flächen finden, Stromabnehmer finden, komplexe Verträge verhandeln und nicht zuletzt die gesamten Genehmigungsverfahren inklusive Umweltverträglichkeitsprüfung erarbeiten. Eine solche dezentrale Energieversorgung in Afrika erfordert keinen gigantischen und kostenintensiven Netzausbau. Mit diesem Ansatz wird das Stromnetz sogar entlastet, weil der Strom direkt am Ort abgenommen wird. Soventix konzentriert sich bei den Projektentwicklungen auf die Gegend der südlichen Sahara. Beispiel Nigeria: Es ist mit mehr als 200 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas und benötigt rund 55 Gigawattstunden Stromproduktion. Weniger als zehn Prozent des Stroms werden aber über die Netze transportiert. Stattdessen produzieren viele Verbraucher in Nigeria Strom mit Diesel- oder Gasgeneratoren. So entstehen natürlich riesige Emissionen. Wenn wir es schaffen, dass hier künftig stärker auf Solarenergie gesetzt wird, wäre das ein wichtiger Schritt für den Klimaschutz. Ein Aspekt, der mich an eine positive Entwicklung in diesem Bereich glauben lässt, ist, dass dies vollkommen subventionsfrei und auch ohne Entwicklungshilfe umgesetzt werden kann. Investitionen, auch aus Europa heraus, lohnen sich in Afrika.

Bringt es aus Ihrer Sicht also mehr, das Klima in Afrika als in Europa zu schonen?

Preugschas Jede installierte Kilowattstunde Solarstrom in Afrika, schafft deutlich mehr Klimaschutz als in Europa. Wir haben nur eine Klimahülle auf der Welt. Und wir müssen ganzheitlich denken: Wo kann man am effizientesten die CO2-Emissionen mit neuen Solaranlagen reduzieren? In afrikanischen Ländern mit einer CO2-intensiven Stromerzeugung und exzellenten Rahmenbedingungen für Solarenergie lässt sich natürlich sehr viel mehr erreichen als in Deutschland. Dabei ergeben sich sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Vorteile – dennoch passiert zu wenig. Die ersten hoffnungsvollen Projekte starten. Für Siemens haben wir gerade eine Anlage in Südafrika gebaut. Die ersten Firmen erkennen die Chancen. Die Bundesregierung hat einen Marshallplan für Afrika beschlossen, der muss aber endlich konsequent umgesetzt werden – insbesondere mit dem Mittelstand.

Glauben Sie an eine Chance durch eine neue EU-Politik?

Preugschas Warum flüchten die Menschen aus Afrika? Oft handelt es sich um Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich ausreichend zu versorgen. In Afrika hat der Klimawandel sehr viel stärkere Auswirkungen als in Deutschland. Nur ein Teil der Flüchtlinge flieht vor Krieg und Verfolgung. Der weitaus überwiegende Teil sind mittlerweile tatsächlich Klimaflüchtlinge, die in der Diskussion in Deutschland oft fälschlich als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden. So erschwert der Klimawandel in weiten Teilen Afrikas den Zugang zu Trinkwasser und Nahrungsmitteln. Energie gilt in diesem Zusammenhang als ein wichtiger Schlüsselfaktor mit dem Wasser erzeugt werden kann – über Pumpen, über Meerwasserentsalzung oder sogar über Wassergewinnung aus der Luftfeuchtigkeit. Die Verfügbarkeit von Wasser wiederum bedeutet die Möglichkeit der Nahrungsmittelproduktion vor Ort. Damit können wir das Problem bei der Wurzel packen. Es gibt viele Chancen und die EU-Politik muss endlich einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit dem Klimawandel und den daraus resultierenden Fluchtursachen finden.

Was kann Deutschland, was kann Europa konkret machen? Es muss schließlich im Interesse unseres Kontinents liegen, Afrika stark zu machen, Flüchtlingsbewegungen zu verhindern.

Preugschas Genau das, wir können helfen. Und ich rede nicht von Subventionen. Wenn wir es trotz höherer lokaler Risiken schaffen, Investoren aus Europa für Solarenergie in Afrika zu gewinnen, könnten wir nachhaltige und messbare Veränderungen erreichen. Die Risiken in Afrika sind natürlich höher. Es kann beispielsweise nicht ausgeschlossen werden, dass ein großer Energieversorger oder Staat auf einmal seine Stromrechnungen nicht mehr bezahlt, oder dass im Extremfall Anlagen sogar enteignet werden. Hier sehe ich Deutschland und Europa in der Pflicht, sinnvolle Absicherungen zu liefern. Dann wird auch die Bereitschaft von Investoren steigen, in solche Projekte zu investieren.

Ist das nicht dennoch eine Form der Risikoabsicherung, also Subvention? Warum Europa? Könnte das nicht auch eine Aufgabe für die Afrikanische Union sein?

Preugschas Vielleicht geht es gemeinsam, aber Europa muss sich mit dem Problem der flüchtenden Menschen ebenfalls auseinandersetzen. Letztendlich soll es darum gehen, die Situation in den Heimatländern der Menschen zu verbessern. Zudem verfügen wir über die notwendigen Mittel und Fähigkeiten, um zentrale Fluchtursachen zu bekämpfen. Was ich in diesem Kontext mit Soventix machen kann, ist übrigens nur ein ganz kleiner Teil. Es müsste Hunderte von uns geben, um spürbare Auswirkungen zu erreichen.

Die letzte Wirtschaftsnachricht aus Ihrem Weseler Unternehmen ist die eines sogenannten Management Buy-out. Das bedeutet konkret, dass Sie als Geschäftsführer die Anteile übernommen haben. Die Investoren wollten nicht mehr. Wirtschaftlich sind das keine guten Nachrichten.

Preugschas Das muss man in einem größeren Kontext erklären. Zum Start 2011 hat sich ein luxemburgischer Investmentfonds an uns beteiligt. Insgesamt wurde mit dem Fonds in 30 wachstumsstarke Unternehmen investiert. Diese Investments waren zeitlich befristet. Mittlerweile wurden die meisten Unternehmen aus dem Fonds verkauft. Das galt auch für uns. Somit bot sich eine gute Chance für einen Einstieg. Daher habe ich zugeschlagen und bin sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Ich glaube zu 100 Prozent an erneuerbare Energien. Deshalb ist es eine große Chance, die sich mir geboten hat, das Unternehmen für 4,75 Millionen Euro zu kaufen. Langfristig hat dieses Unternehmen großes Potenzial.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass der nächste Solarboom glückt?

Preugschas Die Solarindustrie hat die Kosten für die Solaranlagen in den letzten zehn Jahren um 85 Prozent reduziert, man zahlt also heute 85 Prozent weniger für den gleich produzierten Strom. Wir müssen politisch einen Paradigmenwechsel in unserer wirtschaftlichen Denkweise vollziehen. In der Zukunft sollte ein Unternehmen nur dann profitabel sein können, wenn es nachhaltig agiert und nicht, weil es blind für gesellschaftliche und klimatische Auswirkungen, auf Teufel komm raus auf Wachstum setzt.

(sep)
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