Sorgen um mehr und längere Güterzüge auf der Betuwe-Strecke

Bürgerinitiative ist alarmiert : Sorgen um mehr und längere Güterzüge

Neue Vereinbarungen des Bundes mit den Niederlanden beunruhigen die Weseler Betuwe-Bürgerinitiative. Es wächst die Befürchtung, dass viel mehr Verkehr über die Schienen rattern wird, als den Schallberechnungen zugrunde lag.

Selbst wer nur ganz beiläufig die Geschichte der Betuwelinie seit 1992 verfolgt hat, dürfte immer wieder an neue Nachrichtenlagen gewöhnt sein. Gert Bork von der Weseler Bürgerinitiative „Betuwe – so nicht“ hat mal wieder welche entdeckt und ist wenig begeistert. Denn in einer Absichtserklärung von Staatssekretär Enak Ferlemann und seiner niederländischen Amtskollegin Stientje van Veldhoven vom April zur gemeinsamen Stärkung des Schienengüterverkehrs lauern Fallstricke.

Da ist von einem „grenzübergreifenden Testfeld für den automatisierten Zugbetrieb“ die Rede und von einer „Beschleunigung der Einführung von 740-Meter-Zügen auf grenzüberschreitenden Strecken“.

Bork und seine Mitstreiter sind alarmiert. Denn die Ausbauplanung auf deutscher Seite (Stichwort drittes Gleis) sieht 300 Züge mit jeweils maximal 500 Metern Länge am Tag vor. Bisher. Aus besagter Erklärung lassen sich für Experten nun täglich gut 600 Züge mit zudem deutlich mehr Waggons herauslesen. Laut Bork ist eine solche Auslastung aber nicht Bestandteil der Schallberechnung, was im ewigen Streit um den Schutz der Anwohner vor Lärm ja nicht unerheblich ist.

Die Initiative hat sich an den Weseler Bundestagsabgeordneten Bernd Reuther (FDP) gewandt, der gleich in Berlin nachfragte, ob die Bundesregierung beabsichtige, den Takt auf der Strecke zu erhöhen und welche Auswirkungen dies auf die Berechnung des Schallschutzes habe. Antwort: Die Streckenbedienung obliege den Eisenbahnunternehmen beziehungsweise den Aufgabenträgern der Länder, der Bund könne zu Takterhöhungen nichts sagen, Lärmschutzmaßnahmen seien im Rahmen der gesetzlichen Regularien zu berücksichtigen. Für Bork ist das vor dem Hintergrund verbindlicher Vorgaben aus dem Verkehrsministerium mehr als nur inhaltsleer.

Der zweite Dauer-Knackpunkt im Ringen um Verbesserungen ist neben dem Lärm die Sicherheit. Hier zieht die Initiative zunächst das positive Fazit, dass Wesels Feuerwehrchef Thomas Verbeet erfolgreich um mehr Zugänge zur Strecke gekämpft hat. Zwölf sollte es geben, gut 90 wollte er haben, 82 werden die Retter nun bekommen. Das hört sich prima an, doch ist laut Bork immer noch offen, wie im Ernstfall gehandelt wird.

Denn eklatante Mängel in der Kommunikation, wie sie am Beispiel des verheerenden Zugunglücks in Meerbusch Ende 2017 zutage getreten waren, sind noch nicht abgestellt. Eine Regionalbahn mit 180 Passagieren war mit einem Güterzug kollidiert. 90 Minuten mussten damals die Menschen, darunter 50 Verletzte, im Zugwrack ausharren, bis die herabhängende 15.000-Volt-Oberleitung geerdet war und Retter sie versorgen und bergen konnten.

Diskutiert wurde anschließend unter anderem über die Meldekette, die laut Bork für den Raum Wesel weiterhin so aussieht: Fahrdienstleiter informiert Notfallleitstelle Duiburg, diese dann die Weseler Kreisleitstelle, die dann die örtliche Feuerwehr in Kenntnis setzt. Mit welchen Substanzen – 50 Prozent der hier transportierten Ladungen gelten als Gefahrgut – die Retter dann zu tun haben, wissen sie nicht. Schlimmstenfalls muss auf ein Fax aus Rumänien gewartet werden, das Leute wie Verbeet dann irgendwann auf ihr Handy bekommen und sich zur Entzifferung erstmal auf dem Display großziehen müssen. „Die Wehr bekommt aus Duisburg aus Datenschutzgründen keine schnellen Infos zur Ladung des Bahnkunden; Telefon und Fax sind Vorschrift“, sagt Bork. Dabei müssten die Rettungskräfte doch heutzutage sofort alles Nötige auf ein Tablet geschickt bekommen.

Zum Schluss noch einmal zurück zu den Nachfahren der Vertragspartner von Warnemünde 1992: Das dritte Gleis auf deutscher Seite hätte 2007 zeitgleich mit der Betuwe-Linie der Niederländer fertig sein sollen. Enak Ferlemann will sich für Beschleunigung einsetzen. Stientje van Veldhoven hat trotzdem die Befürchtung, dass es länger dauert als 2026. Planfeststellungsbeschlüsse für die Abschnitte Dinslaken und Voerde sollen im dritten Quartal kommen, für Wesel nicht vor 2020.

Mehr von RP ONLINE