Sorge wegen Ausbreitung von Windpocken im Kreis Wesel

Kreis Wesel : Sorge wegen Ausbreitung von Windpocken

Die Zahl der Windpockenfälle im Kreis Wesel nahm im vergangenen Jahr stark zu. Mediziner wie der Weseler Kinderarzt Björn Nehlsen machen sich für eine Impfpflicht stark – auch wegen der zunehmenden Masernfälle.

Die Zunahme ist signifikant – und wird auch unter den Experten im Kreis Wesel diskutiert: Die Zahl der Windpockenfälle steigt deutlich: 2017 gab es 142 Fälle von Windpocken im Kreis Wesel, 2018 schon 176. Seit Jahresbeginn registrierte Martin Binder, Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen beim Kreis Wesel, bereits 107 Fälle von Windpockenerkrankung. Im identischen Zeitraum von 2018 waren es nur 89 Fälle. Bei Masern sehen die Zahlen anders aus: Dort gab es im gesamten Jahr 2018 zwei Fälle, in diesem Jahr noch keinen.

Unter vielen Medizinern im Kreis Wesel gilt die Steigerung bei den Windpocken-Zahlen als ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich für eine solche stark gemacht; mit Verweis auf die steigende Zahl an Masernfällen. „Ich würde eine solche Impfpflicht begrüßen“, sagt Björn Nehlsen, einer der bekanntesten Jugendmediziner im Kreis Wesel. „Ähnlich wie ich sehen es viele andere Mediziner im Kreis Wesel.“ Unsere Redaktion fragte auch die Gesundheitsverwaltung des Kreises Wesel. Martin Binder von der Kreis-Gesundheitsaufsicht, hält eine Impfung generell für „sinnvoll“, will sich aber zur Frage einer Impfpflicht und etwaigen Bußgeldern nicht äußern. Das sei „eine politische Frage“, sagt Binder.

Auf das Thema Windpocken hatte die Krankenkasse IKK classic mit Verweis auf aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts aufmerksam gemacht. „Man sollte diese Krankheit nicht unterschätzen, Windpocken sind bei Kindern zwar meistens relativ harmlos, bei Erwachsenen besteht aber die Gefahr von Folgeerkrankungen wie Gehirnentzündung oder Leberentzündung“, sagt Michael Lobscheid.

Bundesweit gibt es seit Längerem eine durch sogenannte Impfgegner entfachte Debatte um Impfungen. Die Zahl der Masernfälle steigt. 3000 Fälle gibt es allein schon in diesem Jahr in Deutschland. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will deshalb für Eltern, die bei ihrem Kind eine Masern-Impfung ablehnen, Geldstrafen von bis zu 2500 Euro und einen Ausschluss vom Kita-Besuch durchsetzen. „Unter uns Medizinern wird eine solche Maßnahme stark diskutiert. Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass es richtig wäre“, sagt Björn Nehles. Auch bei ihm gebe es Patienten, die Impfungen verweigern. Anders als andere Mediziner würde er sie aber dennoch behandeln. Die zwei Masernfälle im Kreis Wesel waren beide Erwachsene. Mediziner wie Björn Nehlsen verweisen darauf, dass mit einer Impfung Krankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und Windpocken verhindert werden können.

„Die Entscheidung, ob Eltern ihr Kind impfen lassen, kann ihnen natürlich niemand abnehmen. Es ist jedoch wichtig, dass sich Eltern mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen, zum Schutz ihrer Kinder und dem Dritter“, sagt Michael Lobscheid von der IKK classic. Der Impfschutz wird im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen vom Kinderarzt überprüft. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die erste Impfung für Kinder im Alter von elf bis 14 Monaten. Die zweite Impfung sollte in einem Lebensalter von 15 bis 23 Monaten erfolgen. Die Impfung kann zudem zu jedem Zeitpunkt nachgeholt werden, wenn sie nicht im empfohlenen Alter erfolgte, und wird von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Dass der Kreis im Vergleich zu anderen Regionen noch gut dasteht, liegt laut Martin Binder an den guten Impfraten. Bei einer Quote von 95 Prozent geimpften Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung rede man von einer Herdenimmunität. Bei der ersten Impfung erreicht der Kreis Wesel aktuell 98,4 Prozent, bei der zweiten 95,5 Prozent. „Es geht immer noch mehr, dennoch ist das eine gute Zahl“, sagt Binder. „Bei mir zu Hause sind die Kinder geimpft, genauso wie ich geimpft worden bin, der Nutzen überwiegt eindeutig gegenüber Komplikationen.“

(sep)