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Schermbecks Bürgermeister im Interview

Interview mit Bürgermeister Mike Rexforth : „Keine Insel der Glückseligkeit“

Schermbecks Bürgermeister Mike Rexforth spricht im Interview offen Probleme der Gemeinde an – auch Chancen.

Bald ist Mike Rexforth seit fünf Jahren Bürgermeister der Gemeinde Schermbeck. Für die Redaktion hat sich der 49-Jährige die Zeit genommen, zu einigen wichtigen aktuellen Themen Stellung zu nehmen.

Herr Rexforth, eines der emotionalsten Themen der vergangenen Monate war sicher die Wölfin „GW954f“. Fluch oder Segen?

Rexforth Das ist kein Thema, das ich als Person in meiner Funktion überhaupt beeinflussen kann. Das Tier ist naturschutzrechtlich unter Schutz gestellt, das Land hat – auch durch den Lanuv unterstützt – Schermbeck als Wolfsgebiet klassifiziert. Damit ist durch den Gesetzgeber also vorgegeben, was zu tun ist. Man guckt natürlich trotzdem als Bürgermeister interessiert auf dieses Thema, deshalb beschäftige ich mich auch mit den Sorgen, Ängsten und Nöten der Bürger.

Wird der Umweltskandal im Mühlenberg nie komplett aufgeklärt, können die Bürger in Gahlen nach dem Machtwort der Umweltministerin („Die Pellets bleiben für immer im Mühlenberg.“) wieder beruhigt schlafen und werden die Verantwortlichen überhaupt noch zur Rechenschaft gezogen?

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Rexforth Hier ist die Handlungsfähigkeit einer Gemeinde sowie auch des Bürgermeisters und damit die Einflussnahme rein rechtlich nicht da. Da schaut man aber natürlich schon mit Interesse hin und fragt sich: Was ist passiert? Die Aussage der Umweltministerin ist ja erstmal klar. Es geht nach aktueller Meinung die geringst mögliche Gefahr durch ein Verbleiben der Pellets in dieser Fläche aus. Man muss sich am Ende auch auf die vielen Gutachten und deren Ergebnisse verlassen. Irgendwann muss dann auch Bürgerschaft und Politik akzeptieren, dass die geringste Gefahr für die Bevölkerung durch einen Verbleib ausgeht – ob es dann richtig ist, wird uns die Zukunft zeigen. Die Menschen mit dieser hohen Kriminalität, die skrupellos Leib und Leben, Umwelt und Natur gefährden, die das zu verantworten haben, müssen mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft und zur Rechenschaft gezogen werden.

Ein weiteres, brisantes Thema: Die AfD-Ortsverband-Gründung im Frühjahr und ein „Info-Stand“ im Herbst in der Mittelstraße sorgten für Irritationen. Unter anderem deshalb: Die AfD fühlte sich von Mitarbeitern der Verwaltung hintergangen, weil diese angeblich der CDU einen Tipp gaben, die dann schneller einen Antrag stellte und den zunächst gewünschten Platz „blockierte“. Ist an diesen Vorwürfen etwas dran?

Rexforth Diese Vorwürfe sind völliger Blödsinn, abstrus und unverschämt. Und was mich daran wieder stört, ist diese Opferrolle, die die AfD ja auch im Land spielt. Die Partei hat die gleichen Rechte und Pflichten wie jede andere demokratische Partei. Wenn sie einen Info-Stand in Schermbeck machen möchte, dann darf sie einen Info-Stand machen, aber: Sie muss sich natürlich an die Spielregeln halten und wie jede andere Partei auch entsprechende Anträge stellen. Zur Wahrheit gehört auch, dass der gewünschte Platz privat ist. Und was sich Mitarbeiter in diesem Zusammenhang hier im Hause vom Ortsverband der AfD anhören mussten, finde ich schon mehr als grenzwertig – das ist nicht der politische Stil, der in Schermbeck gepflegt wird.

Der Staatsschutz hat in den vergangenen Monaten mehrfach Ermittlungen aufgenommen (Flugblatt, Drohungen sowie Erpressungsversuch gegen Ratsfrau Eva-Maria Zimp­rich). Zudem gab es Diskussionen und Verwirrung um die Polizeiwache vor Ort. Wie sicher ist Schermbeck?

Rexforth Ich glaube schon, dass Schermbeck sicher ist, aber Schermbeck ist auch keine Insel der Glückseligkeit. Dazu gehört auch das Thema Drogen und Drogenmissbrauch – auch bei Jugendlichen. Man muss diesen Bereich der harten Drogen im Auge haben und diejenigen, die damit Leib und Leben riskieren, verfolgen. Zum Thema Staatsschutz: Im Moment sind wir sehr sensibel – ob jede Schmiererei allerdings geeignet ist, daraus einen Staatsschutzfall zu machen, weiß ich nicht. Völlig abscheulich und überhaupt nicht zu dulden ist es, wenn Einzelpersonen mit anonymen und mit unwahren Beschuldigungen diffamiert werden.

Zwei schlechte Nachrichten aus 2018: Das Ende der Interfraktionellen Gespräche sowie das Aus für den Bürgertreff. Sind diese Entscheidungen endgültig?

Rexforth Das Aus der Interfraktionellen Gespräche ist soweit endgültig, wie sich die anderen Fraktionen des Rates der Gemeinde Schermbeck nicht mehr bereiterklären, sich mit in dem Fall der BfB – mit Klaus Roth – an einen Tisch zu setzen. Ich lade halt jetzt größer ein. Zum Bürgertreff: Das ist natürlich unglaublich schade, weil er sich in den vergangenen Jahren als eine fes­te Institution hier in Schermbeck etabliert hat. Vor allem hat er sich an Menschen gerichtet, die aus unterschiedlichsten Gründen Hilfe benötigten – von daher finde ich das Aus sehr bedauerlich. Mir macht Hoffnung, dass durch andere Organisationen Teile auch wieder angeboten werden – zum Beispiel von der Katholischen Kirche ein Frühstückangebot, das auch wieder super angenommen wird. Andere Sachen wie Tanztreff oder Klönnachmittage müssen wir unbedingt wieder reaktivieren. Im Moment ist der Bürgerteff ja auch nicht aufgelöst, vielleicht können wir ja 2019 eine Renaissance des Bürgerteffs erleben – ich würde es mir wünschen.

Neustrukturierungen wurden und werden in Kürze umgesetzt: Die Neuordnung der Bücherei, eines soziokulturellen Zentrums und der Grundschulen-Verbund – wie wichtig sind diese Weichenstellungen?

Rexforth Für mich unglaublich wichtig – ich habe ja auch persönlich mit viel Engagement an diesen Themen gearbeitet. Die Bücherei war in den ehemaligen Räumen nicht mehr zukunftsfähig – viel zu groß, viel zu teuer. Wir sind jetzt deutlich attraktiver, das merkt man auch an den Leserzahlen. Das ist ein Supererfolg. Durch den Freizug der Bücherei haben wir dort jetzt einen ganz anderen Spielraum, etwas zu tun – wir haben hier Bedarfe, haben Familien die hilfeaufsuchend sind, haben Suchtproblematiken und Nachfragen zu gewissen Beratungen. Man muss sich den gesellschaftlichen Veränderungen auch stellen. Wir werden demnächst eine Anlaufstelle haben – niederschwellig, wo man einfach mal seine Sorgen loslassen kann. Der Grundschulverbund ist die Konsequenz aus den Entwicklungen der letzten Jahre – wir hatten zu Spitzenzeiten fast 700 Schüler, jetzt allerdings nur noch unter 400. Dann muss und darf man sich auch die Frage stellen, ob diese Form der Betreuung unserer Grundschüler in zwei Gebäuden, die nicht unbedingt in einem Topzustand sind, noch zeitgemäß ist.

(jok)