Schermbecker Walter Vieth bastelt Tempolimit-Sticker

Schermbecker Walter Vieth : Rentner bastelt Tempolimit-Sticker

Walter Vieth hat einen Aufkleber kreiert, mit dem Autofahrer ihre Bereitschaft signalisieren können, sich für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h auf Autobahnen einzusetzen.

Walter Vieth wird so langsam ungeduldig. Die Diskussion über eine Tempobegrenzung auf Autobahnen tritt auf der Stelle und teilt die Nation. Die Gegner befürchten den Untergang des Abendlandes, wenn dem Auto Fesseln angelegt werden, die Befürworter sehen Menschen und Natur in Gefahr. In diesem Spannungsfeld traut sich der Verkehrsminister nicht an eine gesetzliche Regelung zur Tempobegrenzung heran.

„So bleibt Deutschland weiterhin das einzige Industrieland, das keine Tempobeschränkung auf Autobahnen vornimmt“, bedauert der Schermbecker, der seit 67 Jahren hinter dem Steuer eines Fahrzeugs sitzt und in seiner Aufgabe als führender Mitarbeiter mehrerer Supermärkte und Discounter viele Jahre hindurch jährlich um die 100.000 Kilometer auf deutschen Straßen unterwegs war.

Walter Vieth ist Realist. In den vergangenen Jahrzehnten hat er beobachtet, dass zwar die Mehrheit der Deutschen eine generelle Begrenzung der Geschwindigkeit befürwortet, doch die unterschiedlich besetzten Bundesregierungen sich weigern, dem Mehrheitswillen der Bevölkerung zu folgen, weil die Autolobby einen zu starken Einfluss ausübt. „Dabei gibt es genügend Belege für Vorteile eines Tempolimits“, argumentiert Walter Vieth gegen die Untätigkeit des Verkehrsministeriums in Sachen Geschwindigkeitsbeschränkung. Er verweist auf die Chance, die Zahl der Unfälle mit Todesfolge zu reduzieren.

Die vom Statistischen Bundesamt herausgegebenen Unfallstatistiken betrachtet Vieth skeptisch. Zwar werde die nicht angepasste Geschwindigkeit als eine Haupt­ursache für Unfälle genannt, aber in Wirklichkeit sei sie noch viel größer. Abstandsunfälle und Unfälle durch Missachtung der Vorfahrt seien nämlich häufig indirekt auf eine nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen. Weitere Vorteile eines Tempolimits sieht Walter Vieth in der Verringerung des Treibhausgasausstoßes, in der Abnahme von Verkehrsstaus und in der Chance, den Wettbewerb um die Produktion schnellerer Autos zu beenden.

Wenn ein Weg nicht funktioniert, muss man eben einen andern beschreiten. Nach diesem Motto, das Walter Vieth im Berufsleben sehr erfolgreich praktizierte, will er nun Bewegung in das festsitzende Bemühen um ein Tempolimit bringen. Sein neuer Weg setzt nicht auf ministerielle Entscheidungen zum Wohle des Klimaschutzes oder zur Reduzierung der Verkehrsopfer, sondern auf die Freiwilligkeit der Bürger. Er hat einen Autoaufkleber mit der Aufschrift „freiwillig 130 max.“ entworfen, den er in möglichst großer Zahl in Umlauf bringen möchte.

Als Geschäftsführer von großen Betrieben hat Walter Vieth gelernt, dass man durch hohe Auflagen die Kosten senken kann. So schickte er Anfang Februar hoffnungsvoll dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit ein Muster seines Aufklebers mit der Frage: „Sehen Sie eine Möglichkeit zu einer Kooperation in dieser Sache? Sie sorgen für die Verteilung, ich für die Beschaffung.“ Drei Stunden nach seiner Anfrage kam die knappe Antwort des Ministeriums: „Ihren Aufkleber können wir nicht verteilen. Das hat unter anderem vergaberechtliche Gründe und da wir andere Schwerpunkte haben.“

Nicht nur der Umweltminister zeigte kein Interesse an der Unterstützung der Freiwilligkeits-Kampagne des Schermbeckers, sondern auch der Bundesverkehrsminister. Auch vom Naturschutzbund Deutschland gab es kein Kooperationsangebot. Zwar schlug der Nabu in seiner Antwort an Walter Vieth vor, er möge vielleicht sogar für Tempo 120 werben, aber eine Kooperation in Sachen Vertrieb des Aufklebers wurde abgelehnt, obwohl Vieth bereit gewesen wäre, für den Nabu eine Spende in den Aufkleber einzukalkulieren.

Die Grünen bedankten sich bei Walter Vieth für einen Vorschlag „zur Lösung aktueller Probleme. Das hilft uns sehr bei unserer politischen Arbeit.“ Die Bundesgeschäftsstelle in Berlin verwies jedoch „aus Gründen der Arbeitskapazität“ auf die fehlende Bereitschaft zur Unterstützung des Schermbeckers, versicherte jedoch, seinen Vorschlag an die Experten im eigenen Hause weiterzuleiten.

Walter Vieth hat mit Erstaunen die fehlende Unterstützung zur Kenntnis genommen, ist aber nicht mutlos geworden. In der bilanzierenden Betrachtung der Reaktionen der Behörden und Verbände fließt urplötzlich die Bewunderung für die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg ein. Das Mädchen bewundert Walter Vieth für sein konsequentes Auftreten zur Stärkung des Klimaschutzes.

Auch ohne überregionale oder sogar bundesweite Unterstützung hält Walter Vieth an seinem Aufkleber fest. In den nächsten Wochen wird er mit dem Vertrieb in Schermbeck beginnen. Derzeit laufen Gespräche mit Betrieben, die bereit sind, den Vertrieb zu übernehmen. Von der Volksbank Schermbeck gab es eine spontane Reaktion, die Walter Vieth sehr gut gefallen hat. Sie hat 70 Aufkleber zum Preis von jeweils zwei Euro für ihre Mitarbeiter geordert.

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