SChermbeck: Nur noch wenige in Gahlen sprechen Plattdeutsch

Schermbeck: Gahlen macht mit bei Platt-Atlas

Bürger beantworten Fragen zum  „Göhlzen Platt“: Bis 2032 entsteht der „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“.

Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Die Zahl der Menschen, die noch Plattdeutsch sprechen, geht rapide zurück. Die noch lebenden Personen sind daher wertvolle Mitarbeiter auf dem Weg zur Erstellung einer Dokumentation mit dem Titel „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ (DWM). Die Universitäten Siegen, Münster, Paderborn und Bonn haben im Jahre 2016 mit den Arbeiten für den DWM begonnen. Die systematische und umfassende Dokumentation der Sprachvarietäten in Nordrhein-Westfalen soll bis zum Jahre 2032 abgeschlossen werden.

In der ersten Phase der 16-jährigen Forschungsarbeit werden etwa 3000 Bewohner in insgesamt 1000 Ortschaften interviewt. Dazu wurde Nordrhein-Westfalen in Planquadrate zerlegt, aus denen jeweils ein Ort ausgewählt wurde, der zwischen 500 und 8000 Einwohner besitzt. Im regionalen Planquadrat an der rheinisch-westfälischen Grenze wurde Gahlen mit seinen etwa 2000 Bewohnern ausgewählt. Gesucht wurden Gewährspersonen, die mindestens 70 Jahre alt sein mussten, im jeweiligen Erhebungsort geboren, aufgewachsen und bis heute durchgehend dort ansässig waren.

Über den Heimatvereinsvorsitzenden Jürgen Höchst kam der Kontakt zwischen der Universität Siegen und den Gahlener HV-Mitgliedern Gerd Becks und Elsbeth Klein zu Stande. Die 81-jährige Leiterin der HV-Mundartgruppe und der 74-jährige Leiter Gerd Becks haben in ihrer Kindheit und Jugendzeit noch intensiv Plattdeutsch gesprochen. Sie gehören zu den wenigen Gahlenern, die das Göhlzen Platt noch heute intensiv pflegen. Beide sind Mitglied der seit den 1930er-Jahren bestehenden Gahlener Laienspielschar, die seither regelmäßig zu Veranstaltungen mit plattdeutschen Theaterstücken, Sketchen und Gedichten einlädt. Elsbeth Klein ist Leiterin der Laienspielschar. Gerd Becks hat vor zehn Jahren die Arbeitsgemeinschaft „Proatköster“ an der Gemeinschaftsgrundschule gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Gahlener Platt zu tradieren.

Laienspieler und Proatköster können dabei auf die zahlreichen Publikationen des Gahlener Heimatdichters Paul Heckermann zurückgreifen, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg das Alltagsleben in Gahlen in seinen mundartlichen Schriften ausführlich beschrieben hat. Seine Werke sind Zeugnisse des nord-niederfränkischen Dialektes, der im gesamten Gebiet des Niederrheins und in den benachbarten Niederlanden gesprochen wurde. Entstanden ist dieser Dialekt seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert, als die Römer sich aus der niederrheinischen Region zurückzogen und den Raum freigaben für die germanischen Großstämme, zu denen im hiesigen Raum die Franken gehörten.

Mit einer kurzen Darstellung der sprachgeschichtlichen Entwicklung im Gebiet des so genannten Rheinischen Fächers, der die Verbreitung der unterschiedlichen fränkischen Mundarten beiderseits der sprachlich bedeutsamen Uerdinger ek-ich-Linie, der Benrather make-mache-Linie und der Bad Honnefer Dorp-Dorf-Linie umfasst, begann Petra Solau-Riebel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Siegen, ihre vierstündige Befragung Gerd Becks’. Petra Solau-Siebel hat Germanistik studiert und bereits bei den Vorarbeiten für den Siegerländer Sprachatlas in den Jahren 2011 bis 2013 Erfahrungen in der Mundart-Dokumentation sammeln können.

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Die Befragung wird im Hinblick auf die Vergleichbarkeit in den 1000 Orten nach demselben Schema durchgeführt. Bei laufendem Tonaufzeichnungsgerät stellte Petra Solau-Giebel 680 Fragen zu einzelnen Begriffen aus den Bereichen Haus und Hof, Mensch, Natur. In den geplanten Atlas fließt beispielsweise das Wort „Ehkatte“ als Gahlener Bezeichnung für Eichhörnchen ein. Der „Möllendick“ meint den Mühlenteich und das „angebetten Dubbel“ steht für eine angebissene Brotscheibe, das „Köckensiff“ für ein Küchensieb und die „Bossel“ für eine Bürste. Ein „Osse“ ist ein kastrierter männlicher Bulle und ein kleiner Ort wie Gahlen wurde von den Altvorderen als „Dörp“ bezeichnet.

Es wurden aber nicht nur Begriffe benannt, sondern auch regionale sprachliche Besonderheiten erfasst wie Schimpfwörter, Spitznamen für die Bewohner benachbarter Ortschaften und Kinderspiele aus alten Zeiten. Ein Teil der Fragen diente zur Erfassung grammatikalischer Besonderheiten. Wie heißt die Mehrzahl eines Begriffes? Wie heißen die Befehlsformen für einzelne Verben? Gerd Becks’ Augen leuchteten, weil er mal wieder so richtig tief eintauchen durfte in seine Göhlzen Sproak.

In dem geplanten Atlas werden auf der Basis der Befragungen die jeweiligen Namen in die Planquadrate eingetragen, sodass man später genau die Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Bezeichnungen festlegen kann. So wird man sehen, dass Gahlen zu den Orten gehört, in denen der Plural von Kuh in plattdeutscher Sprache „Köje“ heißt.

Interessant dürfte auch sein, wie der vom Sprachwissenschaftler Wenker vorgegebene Satz „Man muss laut schreien, sonst versteht er uns nicht“ in unterschiedlichen Regionen in Nordrhein-Westfalen heißt. Gerd Becks hat jedenfalls schon seinen Beitrag für das Gahlener Platt geliefert: „Man mutt laut blöken, süss versteht he uns nich“.