Hamminkeln: Sägen für den Kiebitz

Hamminkeln: Sägen für den Kiebitz

"Entkusselung" heißt das, was in der Dingdener Heide passiert. Zugewachsenes Gelände wird offengelegt. Wat -und Wiesenvögel finden so eine Heimat.

Direkt hinterm Schild "Naturschutzgebiet" brechen Männer im Warngrün ins Unterholz. Sie werfen die Säge an und arbeiten sich lärmend durch Gebüsch und schneiden Kopfweiden aufs Minimum zusammen. Radikal wird eine große Fläche in der Büngernschen/Dingdener Heide auf den Stock gesetzt, wie die Fachleute sagen. Was sich dort tut, wird mit einem klangvollen, bodenständigen Begriff bezeichnet: "Entkusselung". Das meint die Entfernung aufkommenden Gehölzes zugunsten einer offenen Landschaft rund um und zwischen den Blänken. Was wiederum temporäre Kleingewässer meint. 52 solcher künstlicher wasserführender Senken sind verteilt im Heidegebiet. Die aktuellen Arbeiten sollen den verlorengegangenen Offenland-Charakter wiederherstellen.

Das hat zwei Gründe: Zum einen mögen Wat- und Wiesenvögel die verbuschten Flächen nicht. Fuchs, Iltis und Beutegreifer könnten sich hier für einen Angriff tarnen. Ist das Gestrüpp weg, kommen allerdings Kiebitz und Großer Brachvogel gerne. Zum anderen gilt der Eingriff in die Landschaft der Verwirklichung des Projekts "Dingdener Heide - Geschichte einer Kulturlandschaft". Dafür gibt es Fördergelder. 50.000 Euro für die Entkusselung werden benötigt, 90 Prozent davon gibt die EU. Den Eigenanteil trägt die Stiftung Dingdener Heide.

Im Heidegebiet war Milchviehwirtschaft Tradition. Im Konzept der Zeitreise durch die Kulturlandschaften wird diese "Zeitzone" durch das heutige Naturschutzgebiet Dingdener Heide repräsentiert. Hier wird seit 1987 durch entsprechende Bewirtschaftungsmaßnahmen versucht, große, extensiv genutzte Feuchtwiesenflächen zu erhalten, in denen viele vom Aussterben bedrohte Wiesenvögel (wie zum Beispiel der Große Brachvogel, der Rotschenkel oder die Uferschnepfe) brüten. Ein Rückgang der Arten ist aktuell im Schutzgebiet bemerkbar, dem soll auch die offene Landschaft entgegenwirken. Stiftungs-Geschäftsführer Joachim Fuchs und Thomas Traill von der Bio-Station des Kreises Wesel sagten gestern: "Damit die Vögel brüten und sich wohlfühlen, muss weg, was zugewachsen ist." Sie wissen aber auch, dass Naturfreunde sensibel reagieren, wenn die Säge kreischt. "Deshalb informieren wir über die Arbeiten, die rund eine Woche laufen", sagte Fuchs. Dafür wurde eine Fachfirma beauftragt.

Besonders wichtig sind Gewässer, die auch Amphibien Raum im wichtigsten Schutzgebiet seiner Art in NRW geben. Die Laubfrosch-Population ist enorm. Wasserbüffel, zwar nicht standortgerecht, aber ideal, um die Landschaft freizugrasen, tummeln sich ebenfalls an den Blänken. Verschwunden sind die Zäune, die früher die Beweidung regulierten. Heute weiß man, dass frei herumziehende Tiere sich die richtigen Stellen mit der besten Wirkung aussuchen. Mit der aktuellen "Entkusselung" hofft die Stiftung, Ruhe für etwa zehn Jahre zu haben, was wiederum von der Beweidung abhängt. Die Vogelwelt und insbesondere die gefährdeten Arten sollen ihren Lebensraum so lange wie möglich behalten.

(RP)