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Hamminkeln: Ruhe unterm grünen Dach

Hamminkeln : Ruhe unterm grünen Dach

In Hamminkeln lässt sich’s gut leben. Wer dort zu Hause ist, weiß das. Welchen Erst-Eindruck das Dorf auf einen Auswärtigen macht, erzählt RP-Mitarbeiter Jörn Lotze, ein waschechter Großstädter.

Plötzlich tauche ich hinein mitten ins Grüne: Eine herrliche Allee breitet sich vor mir aus – zu den Seiten hohe, kräftig gewachsene Bäume. Linden sind es, glaube ich. Daneben Wiesen mit saftigem Gras. Der Himmel ist kaum zu erkennen, er verschwindet fast hinter einer Decke aus grünem Laub.

Was für ein Kontrast. Gerade noch tuckere ich auf der Bundesstraße 473 mit Tempo 60 einer Kolonne Lkw hinterher. Überholen? Undenkbar – auf der Gegenfahrbahn rauschen die Autos im Sekundentakt an mir vorbei. Hektik pur. Doch dann biege ich nach links ab – in die Blumenkamper Straße, nach Hamminkeln. Der Ort, den ich für die RP aus der „Perspektive eines Fremden“ erkunden werde.

Und auf einmal diese Stille. Und dieses Straßenschild am Ortseingang: 30er Zone – auf der Hauptverkehrsachse eines Stadtzentrums. Für mich, der ich Zeit meines Lebens in Großstädten wohnte, erst in Hannover und jetzt in Düsseldorf, wirkt das geradezu skurril. Aber auch am Niederrhein habe ich das noch nicht gesehen. Hier rast nicht ständig Durchgangsverkehr durch den Ort – kein Lärm, keine stinkenden Abgase. Selbst eine Ampel suche ich im Ortskern vergebens. Hier herrscht Ruhe.

Der Eindruck verfestigt sich, als ich meinen Wagen abgestellt habe und meinen Rundgang beginne. Ach ja, einen Parkplatz habe ich auf Anhieb gefunden – kostenlos. In Düsseldorf unvorstellbar.

„Bin gleich wieder da“

Von der Raiffeisenstraße aus schlendere ich an den Geschäften der Diersfordter Straße entlang, weiter in die Molkereistraße bis zum Molkereiplatz. Nur wenige Leute sind um die Mittagszeit unterwegs. Ein paar Schüler fahren auf ihren Rädern nach Hause, und eine kleine Gruppe Jugendlicher sitzt draußen vor der Eisdiele Venezia zusammen. Hamminkeln scheint ein junger Ort zu sein. Ein Blick in die Schaufensterscheiben erklärt die Ruhe: „Geschlossen von 12.30 bis 14.30 Uhr.“ Hamminkeln hat Mittagspause.

An einem kleinen esoterischen Trödelladen stoppe ich. Alte Bücher liegen dort aus. „Bin in drei Minuten zurück“, steht in Handschrift auf dem Schild an der Ladentür. „Kann ich Ihnen helfen?“, ruft eine junge Frau von der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Inhaberin, im Schlepptau ihre zwei Hunde. Sie gehe nur mal eben Gassi mit ihren Tieren, sei aber gleich wieder im Laden, sagt sie. Immer wenn sie mal kurz was erledigen müsse, hänge sie das Schild raus. Sie sei ja sonst die ganze Zeit über da. In Hamminkeln hat man eben Zeit oder man nimmt sie sich einfach.

Ich setze meinen Spaziergang fort, gehe an den Kirchen vorbei , an der Brauerei, am Rathaus und wieder zurück zum Molkereiplatz. Hamminkeln hat Charme, denke ich. Neue Häuser fügen sich nahtlos in die Reihe der alten Bauwerke ein. Alle haben eines gemein: roten Backstein. Kein babylonisches Wirrwarr an architektonischen Stilen, kein Grau neben Braun, kein Glaspalast neben Betonfassade – alles wirkt aufeinander abgestimmt – harmonisch, ländlich, ruhig.

Hier lässt sich’s leben, denke ich. Und als ich auf der Rückfahrt an den vielen kleinen Einfamilienhäuschen vorbeifahre, bin ich mir sicher: Ich bin nicht der Einzige, der so denkt.

(RP)