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Rainer Neu Autor aus Wesel schreibt neues Buch über Willibrord

Ein neues Buch über den Heiligen : „Willibrord ist auch ein Apostel der Niederrheiner“

Der Theologe und Buchautor Rainer Neu hat sich intensiv mit der Geschichte des Heiligen befasst, der vor Ort viele Spuren hinterließ. Wie kam es dazu und warum wurde der angelsächsische Missionar eigentlich so verehrt?

Der Name Willibrord ist überall am Niederrhein gegenwärtig: Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und vieles mehr sind nach dem angelsächsischen Missionar benannt. Er lebte von 658 bis 739, seither ranken sich viele Legenden um den Heiligen. Doch brachte Willibrord tatsächlich das Christentum an den linken und rechten Niederrhein? Fragen wie diesen widmet sich der Weseler Theologe Rainer Neu in seinem neuen Buch „Willibrord und die Christianisierung Europas im Frühmittelalter“, das bereits erschienen ist.

Wann sind Sie erstmals auf Willibrord aufmerksam geworden?

Neu Schon im Konfirmandenunterricht wollte ich wissen, wer Willibrord war, bekam aber keine befriedigende Antwort. Als Student kaufte ich dann ein umfangreiches Kompendium der Kirchengeschichte. Dort fand ich nur drei Zeilen über Willibrord, was nicht weiter verwundert, weil die frühe Kirchengeschichte in der evangelischen Theologie kein großes Thema war. Als ich später eine Luxemburgerin heiratete, wuchs mein Interesse weiter, da Willibrord in Luxemburg begraben liegt und der Nationalheilige Luxemburgs ist.

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Was hat Sie dazu veranlasst, jetzt ein Buch über Willibrord zu schreiben?

Neu Irgendwann dachte ich, dass es vielleicht meine Aufgabe ist, die Geschichte und das Werk dieses wenig bekannten Missionars zu erforschen. Als ich vor fünf Jahren in den Ruhestand ging, schien mir die Zeit gekommen. Meine Frau und ich hatten bis dahin schon viele Reisen unternommen, um die Wirkungsstätten Willibrords kennenzulernen. Zudem hatte ich seit Jahren schriftliches Material gesammelt und die historischen Quellen studiert, in denen Willibrord erwähnt wird. Der Lockdown während der Corona-Pandemie gab mir die nötige Ruhe und die Zeit, um meine Forschungsergebnisse aufzuschreiben.

Welche Aufzeichnungen hat Willibrord hinterlassen?

Neu Uns trennen 1400 Jahre von Willibrord. Es sind keine Briefe, keine Predigten und keine Bücher erhalten geblieben. Es gibt nur ein Evangeliar, an dessen Rand er mit eigener Hand einige Worte geschrieben hat. Es gibt nur noch wenige Schriften, die wohl zu Willibrords privater Bibliothek gehörten. Die Originale liegen in der französischen Nationalbibliothek in Paris und sind kaum zugänglich. Ich konnte mit Faksimiles von hervorragender Qualität arbeiten, die im Abteimuseum in Echternach ausgestellt werden.

 In der Schatzkammer von St. Martini werden Reliquien des Heilgen Willibrord aufbewahrt.
In der Schatzkammer von St. Martini werden Reliquien des Heilgen Willibrord aufbewahrt. Foto: Markus Balser

An welchem Ort fühlten Sie sich Willibrord besonders nah?

Neu Die Krypta des Klosters Ripon in England, in dem Willibrord als junger Mensch lebte, ist bis heute erhalten geblieben. Es war für mich ein sehr erhebender Moment, an diesem Ort zu sein und zu denken, dass Willibrord dort vor rund 1450 Jahren gestanden haben muss. Seine Gebeine ruhen in der Krypta der Abtei von Echternach und sind noch in einem recht guten Zustand. Wir haben aber auch ein wunderbares Monument hier am Niederrhein: den Mars-Camulus-Stein in der katholischen Kirche von Kleve-Rindern. Das war ein Altarstein aus römischer Zeit, der jedoch zu einem christlichen Altar umgewidmet wurde. Andere Forscher und ich sind überzeugt, dass diese christliche Weihe von Willibrord vorgenommen wurde. Repliken dieses Altars gibt es im LVR-Niederrhein-Museum in Wesel und im Museum Arenacum in Rindern.

Welche Biografen haben sich schon mit Willibrord beschäftigt? Wodurch unterscheidet sich Ihre Arbeit von früheren Forschungen?

Neu Im frühen Mittelalter gab es zwei Persönlichkeiten, die über Willibrord geschrieben haben: zum einen der englische Mönch Beda Venerabilis in seiner „Kirchengeschichte des englischen Volkes“. Er war ein Zeitgenosse Willibrords, hat ihn aber nie persönlich getroffen, weshalb seine Informationen nur aus zweiter Hand stammten. Zum anderen schrieb Alkuin, der Hoftheologe Karls des Großen, über Willibrord. Das geschah aber erst nach Willibrords Tod, als sich schon viele Legenden um ihn rankten. Alle Texte müssen also sehr kritisch gelesen werden. Diese beiden Quellen sind seit dem 19. Jahrhundert gut erforscht und publiziert. An meiner Arbeit ist neu, dass ich diese Texte als Soziologe und Religionswissenschaftler in einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang betrachte und sie in einem breiten gesellschaftlichen Kontext deute.

Willibrord wird „Apostel der Niederlande“ und „Apostel der Friesen“ genannt. Inwieweit war er auch ein „Apostel der Niederrheiner“?

Neu Willibrords Tätigkeitsfeld reichte von Friesland über Belgien und Luxemburg bis Nordfrankreich und vom Ärmelkanal bis an die tschechische Grenze. Diese für damalige Verhältnisse erstaunliche Weite ist in früheren Darstellungen oft übersehen worden. Insofern ist Willibrord auch ein „Apostel der Niederrheiner“, zumal Teile dieser Region in damaliger Zeit zum Bistum Utrecht gehörten, in dem Willibrord Bischof war.

Welchen Anteil hatte Willibrord an der Christianisierung der Gebiete in den heutigen Kreisen Kleve und Wesel?

Neu Einzelne Tätigkeiten Willibrords am Unteren Niederrhein nachzuweisen, ist kaum möglich. Die christliche Weihe des Mars-Camulus-Steins in Rindern ist da ein herausragendes Ereignis. Es gibt auch Aufzeichnungen, die belegen, dass das Kloster Echternach, das von Willibrord gegründet wurde, Besitzungen im heutigen Kreis Wesel hatte, in Gahlen und im Bereich von Spellen. Diese Eigentumsrechte gehen aber wohl nicht bis in die Zeit Willibrords zurück.

Ihr Buch stellt infrage, ob Willibrord jemals in Emmerich war. Woher kommen Ihre Zweifel?

Neu Gleich mehrere Willibrord-Legenden ranken sich um Emmerich. Ein uns ansonsten unbekannter Marcellinus schmückte im Mittelalter Informationen, die er in Bedas „Kirchenge­schichte“ fand, mit fantasievollen Details aus und bezog sie auf Emmerich. In der Mitte des 16. Jahrhunderts griff dann der Emmericher Kirchmeister Arnold Berck diese Behauptungen auf und ergänzte sie durch weitere Ausschmückungen. Später wurde diesen Geschichten oft historischer Wert beigemessen. Natürlich ist es denkbar, dass Willibrord durch das Gebiet reiste, in dem heute Emmerich liegt. Damals bestand der Ort aber bestenfalls aus wenigen Gehöften. Für eine Kirchengründung durch Willibrord gibt es keinen Beleg.

Werden die Kultgegenstände in der Emmericher Kirche St. Martini zu Recht Willibrord zugeschrieben?

Neu Der Reliquienschrein aus St. Martini wird seit dem 17. Jahrhundert „Arche des Heiligen Willibrord“ genannt. Form und Verzierungen dieses Eichenkästchens lassen auf seine Entstehungszeit um das Jahr 1000 schließen. Darin befinden sich angeblich Reliquien, die Willibrord bei seiner Bischofsweihe in Rom von Papst Sergius in Empfang genommen und nach Emmerich gebracht hat. Bei einer Öffnung des Kästchens im Jahre 1950 waren die einzelnen Reliquien in Stoffe eingehüllt, die sich bei späterer Untersuchung als Zeugnisse mittelalterlicher Textilkunst erwiesen. Zwei dieser Stoffe sind sehr alt und könnten durchaus mit Willibrord in Verbindung gestanden haben, während alle anderen Stoffe erst später in die Sammlung gelangt sind. Insgesamt gehört der Reliquienschrein der Zeit an, in der die Kirche St. Martini errichtet wurde, um 1040. Es ist denkbar, dass der Bischof von Utrecht einige Reliquien aus der Zeit Willibrords hinzufügte. So beweist die „Arche des Heiligen Willibrord“ zwar kein persönliches Wirken des Missionars in Emmerich, belegt aber das hohe Ansehen, das Willibrord schon im Mittelalter am Niederrhein genoss.

Welche Verbindung gibt es zwischen Wesel und Willibrord?

Neu Weseler Stadthistoriker haben sich oft auf eine undatierte Schenkungsurkunde Karl Martells an die Mönche in Echternach berufen, in der von einer „Kirche in Wesel“ die Rede ist. Diese Stelle gehört aber gar nicht zum eigentlichen Textkorpus der Urkunde, sondern wurde auf dem rechten Rand des Blattes vermerkt. In diesem Nachtrag unterlaufen dem Verfasser gleich mehrere sachliche Fehler, die zu erkennen geben, dass der Text nicht zur Zeit Karl Martells und Willibrords verfasst worden sein kann. Es handelt sich um eine wesentlich später verfasste Ergänzung und somit um eine Fälschung der Urkunde.

In Wesel gibt es den Willibrordi-Dom, in Xanten-Wardt und in Kleve-Rindern die Pfarrkirche St. Willibrord, in Kleve-Kellen steht die Alte Kirche unter Willibrords Patronat. Wie kommt es zu dieser Häufung am Niederrhein?

Neu In den Orten entlang des Niederrheins lebten im Mittelalter niederländische Schiffer und Fischer. Ich gehe davon aus, dass sie die Verehrung des Willibrords mitbrachten und auch in Deutschland allmählich heimisch machten. Für Wesel ist jedenfalls davon auszugehen, dass Willibrord wohl erst um 1300 zum Schutzpatron der Kirche wurde. 1466 stellte die Stadt Wesel dann eine Anfrage an das Kloster Echternach und bat um die Überlassung von Willibrord-Reliquien. Ähnliches lässt sich bei der Verbreitung des Nikolaus-Kults entlang des Rheins beobachten, der ebenfalls von den Niederlanden ausging. 

(ms)