1. NRW
  2. Städte
  3. Wesel

Prozess gegen "Spirituellen Führer" aus Wesel: Keine psychische Störung

Prozess vor dem Landgericht Duisburg : „Spiritueller Führer“ aus Wesel hat offenbar keine psychische Störung

Der Prozess gegen den „spirituellen Führer“ des Balance Recovery-Life-Centers, dem Sexual- und andere Gewaltdelikte vorgeworfen werden, neigt sich dem Ende. Ein Sachverständiger schließt eine Wiederholung der Gewalttaten nicht aus.

Der Prozess gegen den „spirituellen Führer“ des Balance Recovery-Life-Centers biegt auf die Zielgeraden ein. Am siebten Verhandlungstag wurde am Dienstag vor dem Duisburger Landgericht ein Sachverständiger gehört, der sich mit der Psyche des Angeklagten auseinandergesetzt hatte. In Gesprächen mit dem 57-jährigen Niederländer war für ihn nicht auszumachen, dass bei dem Mann eine psychische Störung vorgelegen habe, die womöglich Auslöser für die Taten gewesen seien, die dem Angeklagten vorgeworfen werden.

„Er hat die Taten über einen längeren Zeitraum begangen und dabei ein ausgeklügeltes System der Kontrolle angewendet“, so der Sachverständige über die Vorgehensweise des Angeklagten. Eine Psychose sei bei ihm nicht auszumachen. Auch im Vorfeld der Taten deutete nichts auf eine derartige Störung hin. Auch eine Alkohol- oder anderweitige Suchtproblematik liege bei dem Angeklagten nicht vor, so der Zeuge. In den Gesprächen mit ihm habe er ihn als „sehr still“ wahrgenommen. „Er antwortete nur spärlich und zähflüssig“, sagte der Sachverständige.

  • Ab Donnerstag darf im „life-ness“ wieder
    Freizeit in Radevormwald : Schwimmbad im „life-ness“ ab Donnerstag geöffnet
  • Die angeklagte Mutter spricht mit einem
    Haan : Angeklagte verschickt Foto von blutverschmiertem Messer
  • Richter Jochen Kötter richtete eindringliche Worte
    Prozess um fünffachen Kindsmord in Solingen : Mutter soll ältesten Sohn zum Selbstmord gedrängt haben

Angesprochen auf die Gründe für die Allmachtsfantasien, die der Angeklagte offensichtlich gehabt habe, hatte der Zeuge zwei Hypothesen parat: „Zum einen könnte dies daran gelegen haben, dass es mit dem Balance Recovery-Life-Center immer mehr bergab ging und er zur Rettung des Centers zu extremeren Mitteln griff. Zum anderen setzte er diese ganz gezielt nur bei den Personen ein, die dies mit sich machen ließen und die er dazu bewegen wollte, nicht wegzulaufen.“ Ein System, das offenbar funktionierte, denn seine Opfer hatten vor Gericht ausgesagt, dass sie Angst vor den Konsequenzen hatten, wenn sie aus dem System ausbrechen würden.

Das anfänglich sehr aggressive Verhalten des Angeklagten in der Justizvollzugsanstalt – der Niederländer sitzt seit rund einem Jahr in Untersuchungshaft – führte der Sachverständige auf die für den 57-Jährigen neue Situation der Isolation zurück. „Er hat anfangs in der Zelle randaliert, fühlte sich bedroht. Das wurde erst besser, als er kurzzeitig ins Krankenhaus der JVA verlegt wurde. Anschließend machte er auch optisch auf mich einen besseren Eindruck“, so der Sachverständige.

Auch zur Reizbarkeitsschwelle des Angeklagten gab der Zeuge eine Einschätzung ab. Er glaube nicht, dass der Mann wahllos gewalttätig werden würde, dass er in Haft oder auf offener Straße einfach zuschlagen würde. „Aber wenn er wieder in eine vergleichbare Situation käme und erneut als spiritueller Führer auftreten könne, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er wieder gewalttätig wird“, sagte der Sachverständige.

Nachdem nun sämtliche Zeugen gehört sind und der Prozess am 20. Juli fortgesetzt wird, gab auch das Gericht gestern noch eine Einschätzung ab. Ohne der Staatsanwaltschaft vorgreifen zu wollen, sagte der Vorsitzende Richter: „Hinsichtlich der vorgeworfenen Körperverletzungen können wir uns, glaube ich, auf die von dem Angeklagten gestandenen Taten konzentrieren.“ Zehn Delikte, bei denen der 57-Jährige mit Gegenständen aller Art auf seine Opfer eingeschlagen hatte, stehen dabei im Raum.

Problematischer wird es laut Gericht bei den Sexualdelikten, die dem Angeklagten zur Last gelegt werden. „Eine Strafbarkeit ist hier aus unserer Sicht nicht feststellbar. Es geschah nichts gegen den ausdrücklichen Willen der Gruppenmitglieder“, sagte der Vorsitzende Richter. Die Tatsache, dass die Betroffenen so weit manipuliert waren, dass sie alles freiwillig mitmachten, weil sie davon überzeugt waren, dass es ihnen hilft, macht eine Verurteilung fast unmöglich. Einzige Ausnahme bildet hier der sexuelle Kontakt zu einem 15-jährigen Jungen, da dieser eben noch minderjährig ist. „Anders läge die Situation, wenn es sich um psychisch kranke Menschen gehandelt hätte oder der Angeklagte als Psycho-Therapeut aufgetreten wäre und diese Funktion für sich ausgenutzt hätte. Aber das ist hier nicht der Fall“, sagte der Vorsitzende Richter.

(me)