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Hille Ammenwerth: "Patienten sind mir ans Herz gewachsen"

Hille Ammenwerth : "Patienten sind mir ans Herz gewachsen"

Die langjährige Schermbecker Landärztin Hille Ammenwerth nimmt Abschied von der Praxis. Am Ende ihrer Berufslaufbahn blickt sie zurück.

Schermbeck In den vergangenen Tagen musste Hille Ammenwerth in der Arztpraxis Burgstraße 4 viele Hände drücken und Umarmungen erfahren - auch manche Träne floss. Schermbecks dienstälteste Ärztin, 75, verabschiedet sich nach 41 Jahren ärztlicher Tätigkeit Ende des Monats. Mit einem Blumenstrauß und einem Schermbeck-Gutschein bedankte sich am Donnerstag Bürgermeister Mike Rexforth bei Hille Ammenwerth für ihre Dienste zum Wohl der Menschen. "Den Menschen als Gesamtheit zu betrachten, dafür hatten Sie stets das notwendige Gespür", sagte Rexforth und ergänzte: "Ich bin froh, dass es Ihnen gelungen ist, Ihre Familie für die Fortsetzung der Praxis zu gewinnen."

41 Jahre sind ja eine kleine Ewigkeit. Was hat Sie damals bewogen, den sehr anspruchsvollen Beruf eines Arztes zu ergreifen?

Ammenwerth Ganz sicher war meine Großmutter Vorbild für mich seit meiner Kindheit, durch ihr Pflichtbewusstsein und ihren bedingungslosen Einsatz als Hebamme. Mit dem Fahrrad bei Wind und Wetter, oftmals auch bei Nacht, leistete sie fast täglich Geburtshilfe, da in ländlichen Gegenden damals Hausgeburten die Regel waren.

Wie sind Sie Ärztin geworden?

Ammenwerth Ich habe Humanmedizin studiert, verbrachte dann Semester in Innsbruck und Würzburg und schloss das Studium im Dezember 1967 in Hamburg ab. Als Medizinalassistentin war ich anschließend an verschiedenen Hamburger Kliniken tätig, wo ich 1968 promovierte. Und von 1970 bis 1976 absolvierte ich die Facharztausbildung für Innere Medizin im Albertinen-Krankenhaus in Hamburg.

Und was zog Sie nach Schermbeck?

Ammenwerth Während meines Studiums lernte ich 1963 Wilhelm Ammenwerth kennen. Aber erst nach dem Ende der Facharztausbildung in Hamburg stieg ich 1977 als praktische Ärztin in Schermbeck in seine Praxis ein.

Als Ihr Mann 2008 starb, hätten Sie mit 65 Jahren ja eigentlich in den Ruhestand gehen können. Warum sind Sie in der Praxis geblieben?

Ammenwerth Ich wollte gerne, dass die mittlerweile 33 Jahre bestehende renommierte Schermbecker Praxis mit vielen Stammpatienten von unserer Familie weitergeführt wird. Unser Sohn Helge befand sich Ende 2008 allerdings noch in der Weiterbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin. Da auch seine Frau Philine Ärztin in Weiterbildung war, konnte ich die Praxis natürlich noch nicht verlassen.

Warum haben Sie sich jetzt entschieden, in den Ruhestand zu treten?

Ammenwerth Ich glaube, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, nachdem mein Sohn sich von seiner schweren Krankheit erholt hat und ab dem 1. Juli voll einsteigen wird. Die Praxisgemeinschaft wird dann mit ihm, mit meiner Schwiegertochter Philine Ammenwerth und mit Frau Katja Thiehoff wieder drei erfahrene Ärzte aufweisen und den jahrzehntelangen Einsatz der Praxis fortsetzen.

Der Abschied scheint Sie auch ein wenig melancholisch zu stimmen.

Ammenwerth Ja, der Abschied fällt mir schwer. "Meine" Patientinnen und Patienten sind mir sehr ans Herz gewachsen. In dieser langen Zeit entstanden Freundschaften, großes gegenseitiges Vertrauen, ja, echte Zuneigungen. Es gibt Weniges, das dem Zufriedenheitsgefühl - manchmal sogar Glücksgefühl - eines verantwortungsvollen Arztes näher kommt als dankbare Blicke eines geheilten Patienten. Ein langer gemeinsamer und gewonnener Kampf gegen bösartige Krankheiten zeigte mir immer wieder die Sinnhaftigkeit meines Lebens, wofür ich sehr dankbar bin. Und der Abschied fällt mir auch schwer, weil ich über Jahrzehnte mit einem außergewöhnlich engagierten, mir zugeneigten, hochqualifizierten Team zusammenarbeiten durfte. Auch aus diesem Teamgeist konnte ich viel Kraft schöpfen.

Hat sich die Arbeit in den 41 Jahren in der Praxis seither merklich verändert?

ammenwerth Oh ja, die Praxis war in den ersten 30 Jahren durch die chirurgische Arbeit meines verstorbenen Mannes und vorhandene Röntgeneinrichtung anders ausgerichtet. Damals kamen wesentlich mehr verunfallte Patienten zu uns. Für sie als Schermbecker ergaben sich ja "kurze Wege". Aber auch zunehmende Bürokratie, viele neue Vorschriften, Abrechnungsmodalitäten, Sicherheits- und Datenschutzrichtlinien gehören heute zum Praxisalltag.

Immer weniger junge Ärzte sind heutzutage bereit, als Landarzt tätig zu werden. Sehen Sie bestimmte Ursachen für diese Entwicklung? Falls ja: Was müsste sich ändern?

Ammenwerth Wer will denn schon als junger Arzt aufs Land ziehen mit mäßiger Infrastruktur, mit schwierig zu praktizierendem Familienleben? Wer will schon die täglichen erforderlichen Hausbesuche machen, für 22 Euro? Wer will schon 40 oder mehr Stunden pro Woche verantwortungsvoll arbeiten? Wer will schon nächtliche Bereitschaftsdienste leisten ohne Freizeitausgleich? Wer will schon in seiner Praxis zusätzlich zu seinem erlernten Beruf auch noch Unternehmer, Arbeitgeber und Datenschutzüberwacher sein? Wer will trotz all dieser miserablen Rahmenbedingungen, trotz steigender Regressgefahr bei Überschreitungen der vorgegebenen Höchstbeträge für viele ärztliche Leistungen diese Bürde auf sich nehmen? Hier muss die Politik rasch handeln, um den Trend zu immer weniger Landärzten zu stoppen. Auch für heutige junge Ärzte muss es allgemein übliche Arbeitsbedingungen geben. Große Entlastungen von allen nicht-ärztlichen Tätigkeiten könnte beispielsweise ein Praxismanager übernehmen. Die heutigen Landarztpraxen wären allerdings kaum in der Lage, seine Kosten zu erwirtschaften. Dann könnten seine Honorare aus dem Gesundheitsfonds bezahlt werden.

Wie geht es weiter? Werden Sie als Ärztin ganz aufhören?

ammenwerth Ich könnte mir durchaus vorstellen, noch eine Zeit lang Patienten des Marienheims zu betreuen und bei Bedarf auch noch ab und zu Vertretungen zu übernehmen.

HELMUT SCHEFFLER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)