Neue Gesamtschule in Wesel: Alle Infos zur Anmeldungen

Weseler Schuldebatte : Die 27-Millionen-Entscheidung

Wesel hat sich auf den Weg gemacht, eine zweite Gesamtschule zu gründen. In der Debatte im Schulausschuss zeigte sich: Die Gegner haben kaum noch Argumente. Dennoch ist die Neugründung ein großes Wagnis.

Wenn eine Stadt so viel Geld in die Hand nimmt, lohnt es sich, vor der finalen Entscheidung im Rat nächste Woche einen tieferen Blick in das Zahlenwerk zu werfen. Schließlich redet Wesel hier nicht über den Neubau einer Schule, sondern am Ende „nur“ über einen Umbau zweier vorhandener Schulen. „Im Mittel sind 3,7 bis 3,9 Millionen Euro pro Jahr bis 2025 notwendig, um ein bedarfsgerechtes Schulangebot zu realisieren“, hieß es in der Vorlage der Verwaltung für den Schulausschuss. 27 Millionen Euro nimmt man nicht mal eben so in die Hand. Deshalb ließ die Ratsmehrheit von Linksbündnis und CDU ihren Beschluss im Schulausschuss mit reichlich Zahlenmaterial unterfüttern. Man kann es so formulieren: Die zwei bestellten Gutachter bombardierten ihr Auditorium mit derart üppigem Zahlenmaterial, dass danach auch der letzte Skeptiker ruhig gestellt sein musste. Die Verwaltung mahnte dazu im Ausschuss: „Wenn es ein halbes Jahr Verzögerung gibt, dann fällt dieses Kartenhaus zusammen. Dann wird es so sein, dass wir Schüler haben, die an keiner Schule unterkommen.“ Die Argumente der Kritiker, Jürgen Berner (FDP), immerhin ehemaliger Direkter des Andreas-Vesalius-Gymnasiums, und Jürgen Lantermann, WfW-Ratsherr, wirkten danach jedenfalls reichlich schwach. Es gab keine echte Kritik mehr an der neu zu gründenden Gesamtschule.

Die wichtigsten Fragen im Überblick:

Reichen die Schülerzahlen für zwei Gesamtschulen?

Den Weg hin zur Gründung hat die Verwaltung inzwischen klar skizziert. Schuldezernent Rainer Benien und sein Team haben in dieser Sache nach allem Anschein einen sehr gründlichen und guten Job gemacht. Beniens Kernthese: Der Elternwille verlange nach einer Neustrukturierung der Schullandschaft, der Bedarf für eine zweite Gesamtschule sei dringend vorhanden. Die Schülerzahlen würden steigen – aufgrund der Geburtenentwicklung würde die Zahl der Schüler von zehn bis 15 Jahren in den nächsten Jahren um rund fünf Prozent steigen. Die Gutachter haben dies durch weitere Zahlen zu untermauern versucht. Die Schülerzahlenprognosen würden bei Klassengrößen von 27 Schülern den Bedarf für zwei Gesamt­schulen mit jeweils fünf Zügen decken. Wichtig: Das Land fordert für eine Gesamtschule vier Züge mit jeweils mindestens 25 Schülern. Diese Mindestgröße muss für mindestens fünf Jahre prognostiziert werden können.

Reicht die Schülerzahl der neuen Gesamtschule im speziellen auch für eine Oberstufe?

Der Gesetzgeber sagt, dass eine Klassengröße von 25 mit mindestens vier Zügen ausreicht, um später eine erforderliche Stärke von 42 Schülern für die Oberstufe zu erreichen. Auffällig: In der Berechnung der Gutachter von concept k steigen die angenommenen Schülerzahlen für alle Schulen. Das hängt auch mit der Rückkehr zu G 9 an den Gymnasien zusammen. Dadurch hat eine Schule in Summe einen ganzen Jahrgang mehr zu unterrichten. So kommt es, dass am KDG nach der Prognose in 2038 insgesamt 1024 statt bisher 952 Schüler unterrichtet werden. Das AVG hat dann 1008 statt 873 Schüler. Für die beiden Gesamtschulen ist dann von 2201 statt bisher 1361 Schülern auszugehen. Nur die Realschule hingegen schrumpft – von jetzt 742 auf kalkulierte 503 Schüler in 2038, 18 statt bisher 28 Klassen.

Warum wird überhaupt von Bevölkerungswachstum in Wesel ausgegangen? Jahrelang hieß es, Wesel würde schrumpfen.

Die Geburtenentwicklung folgt bestimmten Zyklen. Dabei ist zu beachten, dass ein geburtenstarker Jahrgang vor rund 30 Jahren jetzt, wo diese Generation Kinder bekommt, Auswirkungen auch auf die jetzige Geburtenzahl hat. Dieses Kriterium berücksichtigt, und ergänzt um den Aspekt, dass Wesel durch Flüchtlinge und als attraktiver Wohnstandort wächst, ist von steigenden Schülerzahlen auszugehen. Wesel hat zwar laut Gutachter einen Sterbeüberschuss im Saldo. Dieser Faktor ist allerdings für die Berechnung der Schülerzahlenentwicklung nicht relevant. Konsequent heißt dies: Eine Stadt wie Wesel könnte zwar schrumpfen und dennoch mehr Schulraum benötigen.

Wohin geht die neue Gesamtschule, was wird aus der bisherigen Dependance-Lösung der Gesamtschule Lauerhaas in der City?

Die Gesamtschule Lauerhaas wird künftig wieder komplett in Obrighoven untergebracht. Bis zum Schuljahr 2019/2020 müssen dort Container aufgebaut werden, um die große Schülerzahl aufnehmen zu können. Denn in den kommenden Jahren schlägt noch die Achtzügigkeit durch. Die neue Ida-Noddack-Gesamtschule zieht komplett in die auslaufende Realschule Mitte. Das Paulinum wird für die Oberstufe ausgebaut. Die verbleibenden Realschulklassen können dort weiter unterrichtet werden. Nach und nach wächst also die neue Schule in die alte hinein. Beide Gesamtschulen werden räumlich für die Kapazität fünf Züge + 1 geplant, haben also weiteres Aufnahmepotenzial. Auch die auslaufende Hauptschule Martini kann in ihren Räumen bleiben.

Was ist mit umliegenden Gemeinden? Wie viele Schüler kommen von dort nach Wesel?

Das ist einer der Knackpunkte bei der Berechnung. In Hamminkeln wäre Potenzial für weitere Gesamt­schüler. Dort sucht man händeringend Schüler. Die beiden Standorte in Dingden und Hamminkeln werden von Weseler Schülern aber nicht angenommen im Anmeldeverfahren. Interkommunale Kooperationen wären hier eine Alternative. Wesel schafft sich aber seine eigene Lösung – und ist auch für das Umland attraktiv. Bei den beiden Gymnasien kommen insgesamt 298 der insgesamt 1825 Schüler aus Hamminkeln. Die Gesamtschule Lauerhaas hingegen besuchen nur zwölf Hamminkelner Schüler. 37 hingegen kommen aus Rees – dort gibt es keine Gesamtschule.

Was bedeutet die Entscheidung für die anderen Schulformen und Schulen?

Wesel hat damit, das wurde bei Detailbetrachtung der Zahlen deutlich, sein Schulsystem fast komplett umgebaut. In wenigen Jahren schon wird es zwei Gymnasien, zwei Gesamtschulen und nur noch eine sehr kleine Realschule geben. 90 Prozent aller Schüler besuchen in Wesel in 2038 nach der Prognose Gymnasien oder Gesamtschule und können theoretisch zum Abitur geführt werden. Nur noch zehn Prozent planen demnach eine Schullaufbahn  an der Realschule. Allein die Stadtverwaltung kann entscheiden, andere Schulformen in ihrer Zügigkeit zu begrenzen. Die Bezirksregierung darf dies nicht. Konsequenzen für die Gymnasien soll es nicht geben: Sie sollen in ihrer Zügigkeit laut Vorlage weder nach oben noch nach unten begrenzt werden. Zur Wahrheit gehört aber auch: Schrumpfen die Gymnasien zu sehr, muss Düsseldorf einschreiten. Die Realschule bleibt auf maximal drei Züge beschränkt. Doch auch sie soll gestärkt werden – indem sie nicht mehr Grundschüler mit  Hauptschulempfehlung aufnehmen muss.

Hätte es eine echte Alternative zur Gesamtschule gegeben?

Die Debatte im Ausschuss hat gezeigt: Auch die Kritiker von WfW und FDP kamen mit ihrem Vorschlag einer Sekundarschulgründung kaum durch. Jürgen Linz (CDU) zeigte auf, dass es 2011 beim NRW-Schulkompromiss das Ziel gab, bis 2017 insgesamt 200 Sekundarschulen gegründet zu haben. Stattdessen sind es nur rund die Hälfte geworden. Die ersten Städte denken schon wieder über eine Abschaffung der Schule nach. Linz brachte das Beispiel Neuss, wo es alle Schulformen gibt, die meisten doppelt. Schwächelnd ist dort ausgerechnet die Sekundarschule. „Und dann sollen wir eine hier in Wesel gründen?“, fragte Linz rhetorisch. Eine andere schlichtere Alternative nannte Rainer Benien ganz zu Beginn der Sitzung: „Ohne dieses Invest müsste die Konrad-Duden-Realschule dauerhaft in ihrer Zügigkeit erhöht werden. Es bräuchte ein großes Invest am Schulzentrum Nord.“

Was müssen Eltern unternehmen, die ihr Kind an der neuen Schule anmelden wollen?

Alle Eltern der vierten Klassen erhalten nach der Entscheidung im Rat der Stadt in der nächsten Woche einen Informationsbrief. Es wird Informationsabende und ein Anmeldeverfahren unter Beteiligung der Bezirksregierung geben. Die Behörde hat ein Anmeldeteam gegründet. Ab Ende Februar 2019 laufen die Anmeldungen. Eltern können bei der Schulwahl einen Erst- und Zweitwunsch angeben. Im Zweitwunsch können sie ankreuzen, dass sie sich nicht an einer Gesamtschule anmelden wollen, sofern der Erstwunsch nicht erfüllt werden kann. Theoretisch kann man sich also auch gegen die neue Ida-Noddack-Gesamtschule entscheiden. Das Anmeldeverfahren wird also genau zu beobachten sein und ist in diesem Sinne transparent. Man wird erkennen, ob ausreichend Eltern die neue Schule akzeptieren.

Warum eigentlich Ida-Noddack-Gesamtschule?

Der Name bezieht sich auf die in Wesel geborene Chemikerin Ida Noddack, geborene Tacke. 1896 in Lackhausen auf Haus Wohlgemut geboren, 1978 in Bad Neuenahr-Ahrweiler gestorben. Die Tochter des Weseler Lackfabrikanten Adalbert Tacke war eine der ersten Frauen in Deutschland, die Chemie studierte, 1921 promovierte. Sie heiratete Walter Noddack (1893 bis 1960) und forschte mit ihm ab 1922 an der Physikalischen Reichsanstalt Berlin im periodischen System der Elemente an den noch unbekannten chemischen Elementen mit den Ordnungszahlen 43 bis 75. 1945 entdeckte sie das Rhenium und Masurium. Wünschen wir den Schülern der neuen Schülern ähnlich bahnbrechende Forschungserfolge. Dezernent Rainer Benien jedenfalls sagte mit Blick auf die Namenswahl: „Ida Noddack hat gezeigt, wozu gute Bildung führen kann.“

Und was sagte die Politik?

Ludger Hovest, SPD-Fraktionschef, lobte, so eine gute Datenlage zu einer Entscheidung habe es in Wesel lange nicht mehr gegeben. Die Politik habe sich in großer Einmütigkeit entschieden, das Bildungssystem zu stärken. Jürgen Lantermann (WfW) meinte: „Die Schullandschaft verschlechtert sich deutlich.“ Am meisten Redebedarf hatte Jürgen Linz, der Weseler CDU-Fraktionschef, der seine Position untermauern musste, denn die CDU ist eigentlich kein Freund der Gesamtschule. Dennoch stimmte Linz‘ Fraktion geschlossen mit dem Linksbündnis. „Wir wollen das bestehende Schulsystem schützen“, argumentierte er. Nur durch das Mitwirken der CDU sei sichergestellt gewesen, dass auch die anderen Schulformen nicht untergehen. „Die CDU war nie Teil des Problems, aber wir sind Teil der Lösung“, so Linz. Nicht eine Mutter sei im Vorfeld zu ihm gekommen und habe sich die Sekundarschule gewünscht. Dafür habe es aber mehrere Forderungen nach Realschule und Gesamtschule gegeben.

(sep)
Mehr von RP ONLINE