Martin Babilas von Altana aus Wesel spricht vor Schülern über Europa

Altana-Chef spricht vor Schülern : Ein Weseler Botschafter für Europa

Nehmen Schüler Europa heute noch als großes Friedensprojekt wahr? Was bedeutet ihnen die EU? Altana-Chef Martin Babilas warb vor Schülern des Berufskollegs Wesel für die Europawahl. Beobachtungen einer Doppelstunde.

Vielleicht ist das die beste Botschaft dieser ungewöhnlichen Doppelstunde am Berufskolleg Wesel, die eine Werbung für die Europawahl werden sollte. Als Martin Babilas, Chef des Weseler Chemiekonzerns Altana, die 50 Schüler fragte, was sie dann an Europa negativ fänden, da meldete sich lange Zeit niemand. Überhaupt äußerten die Schüler sich nur selten. Man kann dies bedenklich finden, man kann aber auch nüchtern feststellen: Für die Schüler ist es selbstverständlich geworden, in einem Europa ohne Grenzen zu leben. Dass man früher auf Schlagbäume zufuhr oder in Dinxperlo an der Grenze fürchten musste, mit der Extraladung Kaffee vom Zoll erwischt zu werden, das ahnen sie heute nicht mehr.

Es ist ein Projekt der Industrie- und Handelskammer (IHK) zur Europawahl: Am 26. Mai wählt Europa sein neues Parlament. Um die Wichtigkeit dieser Wahl aus Sicht der Wirtschaft darzustellen, hat die IHK das Forum „Unternehmer für Europa“ organisiert. Firmenchefs aus der niederrheinischen Wirtschaft besuchen Schulklassen, berichten aus ihrem Alltag, von ihrem Werdegang, von der Bedeutung Europas für ihr Geschäft. So viel vorab: Martin Babilas gelang das als Chef eines weltweit agierenden Chemie-Champions eindrücklich. Er nahm die Schüler auf Augenhöhe mit, er schilderte das Risiko von zu viel Protektionismus und Nationalismus in der Wirtschaft. Und in einer für Wirtschaftskapitäne dieser Liga ungewöhnlichen Klarheit sagte Babilas: „Geben Sie keiner Partei die Stimme, die für nationale Abschottung steht. Egal, was die uns versprechen: Es ist nicht im Interesse unseres Landes.“ Am Ende hätte man sich aber Schüler gewünscht, die dieses Thema lebhaft aufgreifen, Fragen stellen und diskutieren. Davon schließlich lebt Europa.

Martin Babilas (47) wurde in Aachen geboren, machte nach dem Abitur eine Lehre zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Aachen, studierte dann BWL in Luxemburg und Amerika, ging vor 20 Jahren in das Unternehmen Altana („Die zweitbeste Entscheidung in meinem Leben“), wechselte 2006 auf einen Vorstandsposten im Weseler Unternehmen, ehe er 2016 Vorstandschef wurde. Sein Unternehmen machte 2017 einen Umsatz von 2,25 Milliarden Euro weltweit. In den vergangenen zehn Jahren während Babilas’ Vorstandstätigkeit wurden 30 Unternehmen hinzu gekauft. Weltweit arbeiten rund 6400 Kollegen für Altana. „Die Kraftquelle und der Unternehmenssitz ist Wesel“, sagte Babilas, der damit ein Bekenntnis zum Niederrhein und zu Europa aussprach. Obwohl Altana weltweit 50 Produktionsstätten und 60 Laborstandorte hat, wird in Europa mit 38 Prozent immer noch ein Großteil des Umsatzes gemacht. 4000 Mitarbeiter arbeiten in Europa, 1000 davon in Wesel. Aber: „40 Prozent des Umsatzes machen mittlerweile die Schwellenländer aus.“ Wer bei Babilas’ Worten zwischen den Zeilen hörte, der spürte, dass da einer in Sorge ist um das Europa dieser Zeit. „Wir sind auf offene Grenzen angewiesen“, mahnte er.

Da war jener Punkt, an dem auch die Berufsschüler einen Anknüpfungspunkt finden mussten. Babilas fragte in die Runde: „Was haben Sie von Europa?“ Einer nannte das freie Reisen, eine andere den Euro. Das war es dann auch, was die Schüler zunächst Positives nennen konnten. Beim Rest musste Babilas wieder auf die Sprünge helfen. Er nannte das überall vergleichbare Rechtssystem, die Möglichkeit des Austauschs der Arbeitskräfte. Und er war nun angekommen an dem Punkt, der wirklich zu einem flammenden Plädoyer für dieses Europa wurde. Babilas machte eindrucksvoll deutlich, wie auch sein Unternehmen die Vorteile eines Wirtschaftens in einer freien Demokratie genießt. Europa, dieses Friedensprojekt, garantiere Wohlstand, unterstütze fairen und offenen internationalen Handel. „Der Euro ist eine stabile Währung, ich kann nicht verstehen, wenn Leute der D-Mark nachtrauern“, sagte der Top-Manager, der auch das neue Freihandelsabkommen von Europa mit Japan („Jefta“) erwähnte. Altana habe dadurch große Vorteile. An anderer Stelle allerdings verzweifelt Babilas an der Politik. Im Brexit-Streit mache auch die EU nicht die beste Figur, sagt er vor Schülern. Deutlicher richtet sich seine Kritik aber gegen die Briten: „Unproduktives Hickhack“. Er nannte als Beispiel die Zulassung von Arzneien. Während die Briten bisher hier auf die Regularien der EU vertrauen konnten, müssten sie dafür nun eigene Behörden aufbauen. „Die müssen jetzt Geld dafür ausgeben, so etwas vorzuhalten“, sagte Babilas. „Was die Vorteile des Brexit für die Briten sein sollen, habe ich noch nicht verstanden.“ Altana selbst hat ein Werk bei Manchester, macht 33 Millionen Euro Umsatz im Königreich, wäre also direkt vom möglichen harten Brexit getroffen. Am 28. März ist das entscheidende Datum – ist bis dahin keine Einigkeit eingetreten, kommt es zum harten Brexit; auch darauf stelle man sich bei Altana und den Tochterunternehmen ein, betonte Babilas. „Ab 30. März wird Großbritannien bei einem harten Brexit behandelt wie Ghana, was Zölle, Grenzen und Handel angeht.“

Am Ende warmer Applaus für die offenen Worte. Dieses gelungene Format sollte noch viel mehr Schüler erreichen. Schulleiter Christian Drummer-Lempert appellierte an seine Klasse: „Bitte Rücken gerade machen und für Europa eintreten.“

(sep)
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