Wesel: Lippe-Mündung wird Wasserlandschaft

Wesel: Lippe-Mündung wird Wasserlandschaft

Ganz im Sinne der Bio-Station erobert das Hochwasser die künstlich angelegte Aue im Lippe-Mündungsbereich. Allerdings verzögern die Fluten den Startschuss für die 1,5 Millionen Euro teuren Sohlgleite, ein Bau aus Steinen.

Autofahrer, die im Bereich des Restaurants "Lippeschlößchen" (B 8) unterwegs sind beziehungsweise die neue Rheinbrücke (B 58) nutzen, dürften den Blick Richtung Lippemündung regelrecht genießen. Das Hochwasser der letzten Tage hat zu einer Überflutung der künstlich geschaffenen Auenlandschaft geführt, die sich nun als riesige Seefläche präsentiert.

"Diese Entwicklung ist ganz in unserem Sinne", sagt Paul Schnitzler von der Weseler Bio-Station. Überflutungen wie diese werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dafür sorgen, dass sich Flora und Fauna in dem ehemaligen Auskiesungsgebiet rasend schnell verändern. Wie genau, das mag derzeit niemand sagen. "Wir sind sehr gespannt, wie sich die Natur entwickelt. Es dürfte aber so sein, dass wir hier eine echte Wildnis erhalten, weil der Mensch diesen Bereich ganz bewusst nicht nutzen wird", erklärt Paul Schnitzler.

Sorge bereitet das nur langsam zurückgehende Hochwasser dem Lippeverband in Essen. Denn durch die Überschwemmung verzögert sich der Start für den Bau der 1,5 Millionen Euro teuren Sohlgleite. Das knapp 65 Meter lange und 45 Meter breite (Stein-) Bauwerk soll den Unterschied von drei Metern zwischen der höher liegenden Mündungsstrecke und der auf Rheinniveau liegenden Lippemündung überbrücken. "Wir gehen nun davon aus, dass dieser Bauabschnitt nicht vor März in Angriff genommen, aber noch in diesem Jahr abgeschlossen wird", erklärt Lippeverbands-Sprecher Michael Steinbach. Sobald die mit dem Projekt beauftragte Weseler Firma Hülskens Wasserbau alle Arbeiten erledigt hat, kann die Lippe in ihr neu gemachtes Bett umgeleitet werden. Das Material, das beim Auskoffern für den neuen Flusslauf anfiel, wurde im angrenzenden Kiesabbaugebiet für Renaturierungsarbeiten benötigt.

Sobald die Lippe verlegt ist, soll das alte Flussbett unterhalb des Gewerbegebietes Am Lippeglacis aufgefüllt werden. Denn bekanntlich ist dort die Trasse für die neue Umgehungsstraße B 58n geplant. Wann dieses Bauvorhaben, das in direktem Zusammenhang mit der Rheinbrücke steht und die Innenstadt von Durchgangsverkehr entlasten soll, realisiert wird, steht nicht fest.

  • Fotos : Natur erobert Lippe-Mündungsraum zurück

Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, wann der angedachte Rad- und Wanderweg um den aktuell eingezäunten Mündungsbereich gebaut wird und in welcher Form Ausflügler dort über das Projekt informiert werden sollen. Der Rundkurs ist für Paul Schnitzler schon deshalb wichtig, "weil es eine Möglichkeit für Naturfreunde geben muss, den Bereich von außen zu betrachten". Denn wie in einem Fußball-Stadion seien auch hier künftig Zuschauer gerne gesehen. "Nur eben nicht auf dem Spielfeld beziehungsweise mitten im Naturschutzgebiet."

Zu den Tieren, die im neuen Lippe-Mündungsbereich — wenigsten vorübergehend — ideale Lebensbedingungen vorgefunden haben, gehören beispielsweise Offenlandbrüter wie Kiebitz, Flussregenpfeifer und Flussseeschwalbe. "Doch das wird sich wieder ändern, wenn dort künftig Büsche, Bäume und Stauden wachsen. Dann werden die Offenlandbrüter verschwinden und Platz machen für Rohrsänger oder Blaukehlchen", sagt Schnitzler. "Es wird von Jahr zu Jahr unglaubliche Veränderungen geben."

Diese wird die Bio-Station auf jeden Fall fotografisch dokumentieren. Ein idealer Standort dafür ist nach Überzeugung Schnitzlers die Brücke am "Lippeschlößchen" mit Blick auf die Landmarke Rheinbrücke. Ein reizvoller Standort.

(RP/ac)
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