Wie Geht's, Wesel?: Linksverkehr

Wie Geht's, Wesel? : Linksverkehr

Die Fraktion der Linken hat einen revolutionären Antrag in den Rat gebracht. Fragt sich nur, ob sie Politik für W wie Wesel oder W wie Wolkenkuckucksheim machen will.

Der Antrag liest sich spektakulär und wenn man naiv drauf schaut, eins und eins nicht zusammenzählt, dann ist das ja wirklich eine ganz famose Idee: Die Weseler lösen sich von der Niag, zahlen künftig nicht mehr an dieses Verkehrsunternehmen mit Sitz in Moers, sondern kümmern sich um ihren Busverkehr künftig selbst. Und schwups: Plötzlich fahren ganz viele Busse durch die Stadt, alle strahlförmig aus jedem Dorf zum Bahnhof, sie halten unterwegs an jeder Milchkanne, und alle sitzen glücklich auf ihrem gepolsterten Bus-Sitz und schauen auf eine Landschaft, in der Rhein, Milch und Honig fließen. Nur führe dieser Bus wohl nicht durch Wesel, sondern nur durch ein Wolkenkuckucksheim.

Es braucht kein BWL-Studium, um zu erkennen, dass es wirtschaftlicher ist, Verkehrspolitik in einem großen Verbund zu vertreiben, als dass jede Stadt eigene Busse fahren lässt. Es leuchtet auch Laien ein, dass in einem großen Konstrukt Linien besser gemanagt werden können, Kosteneffizienz betrieben werden kann.

Dass der Fahrgastverband Pro Bahn den Linke-Vorschlag begrüßt, erstaunt nicht. Natürlich kann es nur im Sinne eines ÖPNV-Lobbyverbandes sein, wenn mehr Busse unterwegs sind. Andererseits ist da der Faktor Wirtschaftlichkeit. Wesel zahlt zwar für den Schülerverkehr eine stattliche Summe, aber durch den wirtschaftlichen Erfolg der Niag gibt es mittlerweile sogar eine kleine Dividende. Wie sinnvoll ist es, dass Wesel sich für seine Kleinstrecken innerhalb des Stadtgebietes viele Busse einkauft, die alle gewartet werden müssen, für die Personal vorgehalten werden muss? Und was ist mit den Menschen, die eine Busfahrt über die Kreisgrenzen von Wesel weg unternehmen wollen? Es werden nicht wenige sein. Die warten dann an der Stadtgrenze auf die Busse, die sie in ein anderes Universum, also Dinslaken oder Rees, befördern? Es gibt zahlreiche weitere Argumente, um den Vorschlag der Linken für schwach zu halten. Wir stoppen hier.

Man könnte also den Vorschlag Verkehrspolitik als komplett naiv bezeichnen, wenn es nicht einen wahren Kern gäbe. Denn tatsächlich wecken ja solche Vorschläge das Bewusstsein dafür, dass Busfahren im Kreis Wesel nun oft wirklich keine Vergnügungstour ist, geradezu unattraktiv. Zur Wahrheit gehört: Bus fahren nur noch die, die es sich nicht anders leisten können, die bewusst auf ihr Auto verzichten oder den Führerschein haben abgeben müssen. In Großstädten, in regionalen Ballungsräumen, sind Busse und Straßenbahnen stets gut gefüllt. Um vom Dorf in die Stadt zu kommen, scheint aber die Idee des konventionellen Busverkehrs, wie wir ihn die vergangenen 50 Jahre praktiziert haben, langsam keine geeignete Idee mehr zu sein.

Es braucht ein echtes Mobilitätskonzept für das Dorf. Die Anrufsammeltaxen, die Niag und Politik jetzt ins Auge fassen, sind eine mögliche Lösung. Von Bürgern selbst gefahrene Busse allerdings sind auch nur ein verkehrsunternehmerisches Feigenblatt: Die Niag macht sich hier einen schlanken Fuß, weil diese Busse auf den Dörfern von Freiwilligen gefahren werden. Das ist fürwahr kein revolutionäres Konzept. Die Politik muss also darauf drängen, dass die Niag ihr Liniennetz optimiert - dazu gehören notwendigerweise auch Streichungen dort, wo wirklich nur wenige Menschen im Bus sitzen. Dazu gehört es aber auch, gefragte Linien attraktiver zu machen.

Wenn wir mit unserem Kleinwagen durch die Landschaft fahren (ja, auch wir sind nur selten Busnutzer!), dann sehen wir viele andere Menschen, die ebenfalls alleine im Auto herumfahren. Irgendwer von denen wird ja wohl auch mein Ziel haben oder mindestens im Umkreis von einem Kilometer zu meinem Haus wohnen, denken wir dann immer. Warum können wir dann nicht zusammen fahren? Eine App, die mir auf meinem Handy immer minutengenau anzeigt, welches Verkehrsmittel mich auf dem besten Wege zu meinem Wunschziel bringt, ein integriertes Bus-Mitfahrzentrale-Fahrradsharing-Konzept. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Man muss dafür ja kein Mitglied der Linkspartei sein.

Ihre Meinung zum Busverkehr? Schreiben Sie: sebastian.peters@rheinische-post.de

(RP)
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