Erinnerungen: Letzter Tag bei Spielwaren Franck

Erinnerungen : Letzter Tag bei Spielwaren Franck

Eine lange Tradition im Weseler Einzelhandel endete gestern. Am letzten Tag stand bei Franck kaum noch etwas in den Regalen, einige Dinge wurden gar verschenkt. Zwei Leserinnen erinnern sich an ein Fachgeschäft, das 162 Jahre lang Kinderträume erfüllte.

Meine alte Weseler Freundin Ingrid Beckbauer-Rahr und ich waren beide leidenschaftliche Puppenmütter. Meine Puppe Inge, Jahrgang 1938/39 (ich bin Jahrgang 1931) hat den Krieg als einziges Erinnerungsstück überlebt, ist aber nicht mehr in meinem Besitz. Später habe ich bei Franck für meine Patentochter die kleinen Steiff-Tiere gekauft, die immer wieder verloren gingen, die Menagerie stand stets vorne im Schaufenster und Große und Kleine drückten sich wie früher davor die Nasen platt. Ich bedauere, dass sich nicht nur das Spielwarensortiment verabschiedet, sondern das für viele erinnerungsbehaftete Geschäft Franck - eine Weseler Institution.

Foto: Sabine Stein

Bei Franck stand meine Puppe Inge im Schaufenster, die Schildkröt-Puppe mit den silberblond gemalten Haaren, die braune Augen hatte, wie ich. Eigentlich waren ja blaue Augen modern und blonde Haare zum Kämmen, aber meine Mutter meinte, ein Puppenkind müsse der Puppenmutter gleichen, und so brachte mir das Christkindchen zu Weihnachten die Puppe Inge, groß genug, um in einem Puppensportwagen sitzen zu können, der später von Korb-Lisner nachgeliefert wurde. Ich hatte ja Puppen. Peter, den Puppenjungen aus der Kindergartenzeit, "die Rote", die schielte und rotes Wuschelhaar hatte und einen Pappmacheekopf. Später reparierte ich alle Puppen mittels Strümpfen, Wasserglaskleister und ungesponnener Schafwolle.

Mein Favorit aber war ein Teddy, genannt "der Weiße", obgleich kein Zipfelchen mehr weiß an ihm war, von Fell keine Spur, ein blankgeschabtes, abgeliebtes Teddygesicht mit geduldigen, braunen Knopfaugen. Dass er kein Gesichtsfell mehr hatte, war ja meine Schuld, hatte ich ihn doch im zarten Alter von drei Jahren rasiert, so wie ich es allmorgendlich bei meinem Vater beobachtet hatte. Meine Mutter nannte ihn gelegentlich "die Ratte", was mich in helle Empörung versetzte, eine solche Beleidigung konnte ich in Teddys Namen nicht ertragen! Es half nichts, ich bittelte und bettelte und Mutter nadelte den "Weißen" immer wieder geduldig zusammen, setzte Flicken auf Körper und Beine, damit die Holzwolle zurückgedrängt wurde, und verpasste ihm einen neuen Anzug zwischendurch, nicht zu Weihnachten!

Inge dagegen wurde vom Christkindchen eingekleidet mit Rock und Festkleidchen, Jacke, Mütze, mit Nachthemd und Unterwäsche. Meine Eltern standen um 6 Uhr auf, gegen 6.30 Uhr fuhr Vater ins Büro, ich durfte liegenbleiben, entweder weil es nachts Fliegeralarm gegeben hatte oder weil wir Schichtunterricht hatten, denn die Hälfte der Schulen war inzwischen mit Militär belegt oder in Lazarette umgewandelt worden. Ich hatte mitbekommen, dass Mutter morgens mit Handarbeit beschäftigt war, nichts Unübliches vor Weihnachten, sorgte sie doch nebenher für alle "Mühseligen und Beladenen". Gesucht hatte ich nichts, nur ein Stück Band fehlte mir, ein Faden, ein Knopf, zufällig öffnete ich eine der Kaffee- oder Teedosen, die aus dem Lebensmittelgeschäft übriggeblieben waren. Und erblickte ein blaues, rotseidengefüttertes Puppenmäntelchen. Ich erstarrte, nicht das Christkindchen brachte die Sachen, sondern Mutter nähte und stickte frühmorgens, während ich noch schlief, um mich zu beschenken! Eine staunende Dankbarkeit erfüllte mein Herz und tröstete mich über den Märchen-Christkindchentraum hinweg.

Heiligabend stand Inge unter dem Tannenbaum im himmelblauen Festkleid und ohne Mantel. Sollte ich mich geirrt haben, hatte das Christkindchen mich bestraft für meine Neugierde? Nur Mutter konnte das Rätsel lösen, also riskierte ich die schüchterne Frage, ob sie nicht meine, dass Inge im Winter ohne Mantel doch sehr zu frieren habe? Meine Mutter verschwand, kam mit Mäntelchen wieder mit der Bemerkung, das Christkindchen habe noch etwas Vergessenes nachgeliefert! Nur der kritische und doch einverständliche Blick zwischen Mutter und Tochter ließ die Mantelgeschichte fragwürdig erscheinen, aber nachgefragt hat Mutter nicht.

EVELINE STEIN, WESEL

(RP)