Wesel: Lebendige Erinnerungen

Wesel: Lebendige Erinnerungen

Kolloquium über den Neuanfang in Wesel nach dem Krieg wurde zur beeindruckenden und bewegenden Begegnung zwischen Zeitzeugen und Wissenschaftlern. Emotionaler Höhepunkt: Die Rückgabe des Ehrenringes.

Das Motto, das Bürgermeisterin Ulrike Westkamp in ihrer Begrüßung der Tagung auf den Weg gab – "Wir müssen unsere Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten" – wurde am Samstag im Preußen-Museum vom Kolloquium (Universität Duisburg/Essen, Stadtarchiv und VHS) beeindruckend umgesetzt. Wissenschaftler mit grundsätzlichen Einsichten und Zeitzeugen mit sehr persönlichen Erinnerungen kamen zu Wort. Dazu viele Wortmeldungen aus der großen Zuhörerschaft, unter ihnen viele Weseler, die Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt erlebt haben.

Beifall für Inge Müller-Heuser

Zunächst erhielt die Wissenschaft das Wort. Dr. Christian Krumm ging der Frage nach, warum es im Februar 1945 aus militärischer Sicht zur Zerstörung Wesels gekommen ist (nebenstehender Bericht). Das Ende des Vortrags gab das Stichwort für Gerda Tenbruck, die berichtete, wie die Briten ihren Großvater am 1. April 1945 zum Bürgermeister und ihren Vater zu dessen Stellvertreter bestimmten. Sie war als Bürokraft unentbehrliche Stütze ihres Vaters. Die inzwischen 83-Jährige erinnert sich "noch an jedes Detail" der Anfangsjahre und vermittelte so ein sehr anschauliches Bild von den Mühen, aber auch den Freuden des Neuanfangs in Wesel.

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Das Bild wurde ergänzt von Wolfgang Neuköther, der berichtete, wie er als Zehnjähriger den Untergang Wesels erlebt hat und wie er, da sein Vater in Russland gefallen war, Verantwortung für die Geschwister übernehmen musste, im Schrebergarten am Flamer Weg einen Garten anlegte, Kaninchen züchtete, russischen Zwangsarbeitern eine Scheibe Brot zusteckte und dafür von ihnen gebasteltes Spielzeug erhielt. Sein Fahrrad wurde mit einem Wasserschlauch fahrtüchtig gemacht. Mit ihm fuhr er zur Villa Bagel, dort ging er zur Schule. Um zu den Großeltern nach Kevelaer zu gelangen, schleppte er sein Fahrrad über die provisorische Eisenbahnbrücke, ein gefährliches Abenteuer.

Den Nachmittag eröffnete Inge Müller-Heuser mit ihren Erinnerungen. Sie tat es souverän und mit viel Humor. Als sie die Geschichte erzählte, wie die Musik zur Retterin wurde, bekam sie spontan Applaus. Die Geschichte: Inge Müller-Heuser war mit anderen bei Bauer Schlabes in Drevenack einquartiert. Ihr Klavierflügel stand im Kuhstall. Ein Trupp ehemaliger russischer und polnischer Zwangsarbeiter trieb alle Bewohner in den Stall. Müller-Heuser: "Ich fürchtete das Schlimmste. Ein Russe öffnete den Flügel. Ich setzte mich und spielte russische Lieder. Darauf war es fast wie Frieden auf Erden. Das ist die Macht der Musik!", sagte die ehemalige Musikpädagogin, 89 Jahre alt und eine große Erzählerin.

(RP)