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Landwirtschaft in Wesel: Drei Generationen leben unter einem Dach

Landwirtinnen in Wesel : Unter einem Dach

Drei Generationen von Landwirtinnen leben zusammen auf einem Hof in Wesel-Bislich. Die Frauen zwischen 21 und 88 Jahren sprechen über den Wandel der weiblichen Rolle in der Landwirtschaft – und über noch bestehende Vorurteile.

Sie sind ein Team, die vier Meyboom-Frauen: 88, 55, 23 und 21 Jahre alt. Wir sitzen am Kaminofen und sprechen über Frauen in der Landwirtschaft – darüber, was sich an ihrer Rolle über die Generationen verändert hat. Und über das, was blieb. Die vier Frauen leben unter einem Dach, auf einem Hof in Bislich am Deich.

Seniorin Mathilde hat ihren Meister in ländlicher Hauswirtschaft, bildete jahrelang junge Leute aus. Ihre 55-jährige Schwiegertochter Gerhild ist Krankenschwester am Marien-Hospital, Enkelin Julia hat ihre Ausbildung zur Landwirtin in der Tasche und studiert Agrarwirtschaft in Soest. Die junge Frau brennt spürbar für ihr Fach. Und Schwiegertochter in spe, Victoria Heimel aus Brünen, studiert Molekulare Biologie, sie möchte anschließend promovieren.

Fest planbar ist das Leben auf dem Hof selten. „Wir haben es mit lebenden Wesen zu tun. Irgendwie kommt immer etwas dazwischen.“ Mathilde, 88, kennt das ein ganzes Leben lang. Mit Ausnahme der 21-jährigen Victoria sind alle Frauen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Mit der Arbeit, die nie aufzuhören scheint. „Wenn Du Dir keine Zeit nimmst, hast Du keine“, sagt Mathilde. Trotzdem haben sich die Frauen für die Landwirtschaft entschieden. Zumindest für einen Bauern, das läuft auf das Gleiche hinaus.

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„Mein Onkel war Förster. Bis ich 16 war, wollte ich lieber einen solchen Mann“, sagt Mathilde. Die 88-Jährige lacht. „Ich habe aber immer nur Bauern kennengelernt.“

Sie ist die Älteste von 14 Geschwistern, aufgewachsen auf einem großen Hof im münsterländischen Vreden. Was das heißt – zumal die nächsten vier Kinder Jungs waren – ist klar. „Ich musste immer vernünftig sein.“ Sie sagt das ohne Bitterkeit. Ohnehin strahlt die Seniorin, die man in der Regel auf Leitern im Obstbaum oder in ihrem Gemüsegarten auf den Knien antrifft, eine tiefe Zufriedenheit aus.

Ihr Elternhof war groß, da musste die Mutter nicht mit in den Stall oder aufs Feld. Trotzdem wäre die Arbeit ohne Oma und die Tante, eine Kriegerwitwe, nicht zu schaffen gewesen. 14 Kinder, dazu die Knechte und Mägde, mussten versorgt werden, die Erntehelfer bekocht.

Obwohl es niemand sagt, ahnt man: Die Frauen waren und sind das Rückgrat der Betriebe. Als Mathilde 13 war, war der Krieg zu Ende, ihre ohnehin strenge Kindheit war es auch. „Wir mussten voll einsteigen, alles wurde per Hand gemacht“, erinnert sie sich. Die Kühe gemolken, Oma hat gesponnen und gestrickt. Alles eingekocht um die hungrigen Mäuler zu füttern, einen Tiefkühler gab es noch nicht. Der erste Trecker kam 1950, erst da hatten die Pferde ausgedient. Klingt gut, aber Mathilde gibt zu bedenken: „All die Technik kostet viel Geld. Ob das unterm Strich besser ist...“

Eines eint die vier Frauen, die altersmäßig so weit auseinander liegen. Wer einen Jungbauern heiratet, wird Teil eines Haushaltes, in dem die Schwiegermutter das Sagen hat, und lebt auf einem Hof, auf dem der Schwiegervater der Chef ist.

„Ich hatte eine liebe Schwiegermutter, der Schwiegervater wollte aber, dass alles so bleibt wie es war.“ Nicht leicht für eine junge Frau wie Mathilde. Sie hätte keinen Beruf erlernen müssen, wollte aber und hat schließlich sogar den Meister in ländlicher Hauswirtschaft gemacht. Das ist für ihre Generation Landfrauen eher ungewöhnlich.

Ein privates Gespräch mit ihrem Mann? „Da mussten wir schon in die Scheune gehen.“ Und einen eigenen Beruf haben, „das wäre undenkbar gewesen.“ Enkelin Julia hakt ein, anerkennend: „Du bist Meisterin, Du hast ausgebildet.“

Schwiegertochter Gerhild Meyboom ist Krankenschwester und auf dem Hof unter anderem zuständig für die Kälberaufzucht. Sie stößt ein wenig später zur Frauenrunde, eine Geburt kam dazwischen – auf dem Hof hat man es eben mit lebenden Wesen zu tun.

Eigentlich wollte auch sie keinen Bauern heiraten, und auch sie hat sich in einen verliebt. Die 55-Jährige ist ein positiver Mensch. „Wenn in einer Familie alle an einem Strang ziehen und jeder für den anderen einspringt, dann funktioniert das“, sagt sie. Krankenschwester, „das ist für mich eine Berufung“. Und es sei ein eigenes Standbein, ein Stück Selbstständigkeit, dass sie sich erhalten hat. „Meine Schwiegermutter hat das möglich gemacht, sie sagte dann ,Geh du nur’“.

Ohnehin, die Frage nach der ewigen Arbeit sei falsch gestellt. „Es hat mit der Einstellung zu tun, man ist mit Herzblut dabei und denkt nicht immer: Ich muss jetzt. Das ist auch auf die Kinder übergegangen, Privatleben und Arbeit verschwimmt miteinander.“

Klar, Urlaub ist selten. Und wenn, dann hat die Schwiegermutter die Stellung gehalten. „Aber das, was Familien im Urlaub suchen, mal den ganzen Tag beisammen zu sein, das haben wir täglich. Für die Kinder war ihr Vater immer da.“ Gerhild sieht die Vorteile gegenüber einem 9-bis-17-Uhr-Bürojob klar.

Und die jungen Frauen? Julia (23) gehört zu den Pionierinnen. Noch immer sind Frauen in Berufsschulklassen und Studiengängen der Landwirtschaft eher rar. Sie hat sich für den früheren Männerpart entschieden. „Das Klischee, Frauen seien zu schwach und können keinen Trecker fahren, wandelt sich“, sagt die selbstbewusste junge Frau. „Aber man muss sich immer noch den Respekt des Ausbilders erarbeiten.“ Vielleicht mehr, als es die Jungs müssen.

Julias Herz schlägt für das Herdenmanagement, für Kühe, nicht für Trecker – obwohl sie selbstverständlich mit der Technik umgeht. Ihr Studium begeistert sie: „Es hat eine große Brandbreite, Tiere, Pflanzen, Wirtschaft, BWL, VWL, Englisch, Chemie, der Umgang mit Kunden….“ Sorgen um ihre Zukunft macht sie sich nicht, obschon Bruder Matthias den elterlichen Hof übernehmen wird.

„Die Betriebe wachsen und suchen kontinuierlich Fachkräfte, die mit den Tieren umgehen können.“ Klar, es sind Nutztiere. Aber in dem Punkt sind Julia, ihre künftige Schwägerin, die Mutter und ihre Schwiegermutter sich einig. „Sie sollen ein gerechtes Leben haben, es soll ihnen gut gehen, bevor sie schließlich ihrem Zweck zugeführt werden“ – also Nahrungsmittel werden.

Und da ist noch Victoria, 21 Jahre jung, die sich in Jungbauer Matthias verliebt hat. Sie lacht. „Er ist ein feiner Mensch, es stand ja nicht ,Bauer’ auf seiner Stirn.“ Dass sie ihr Studium beenden und den Doktor machen will, macht der jungen Brünerin keine Sorgen. „Ich scheue Arbeit nicht. Und ich bekomme hier vorgelebt, wie man einander unterstützt.“ Sie kann bei ihrer akademischen Laufbahn auf die Hilfe der anderen Frauen zählen. Dass das Leben auf einem landwirtschaftlichen Betrieb seine Zwänge hat, weiß sie. „Ich bin immer für Dich da, aber wenn Ernte ist, ist Ernte“, hat ihr Freund gesagt. Die Frauen schmunzeln. So ist das eben, wenn man einen Bauern liebt.

(sz)