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Wesel: „Lampe, lass die Lichter an!“

Wesel : „Lampe, lass die Lichter an!“

Aktion vorm Xella-Werkstor in Emmelsum: Belegschaft will für den Erhalt des Standortes kämpfen, auch wenn das Aus beschlossene Sache zu sein scheint. Politiker vor Ort, im Land und im Bund sicherten Unterstützung zu.

Kurz vor 14 Uhr vorm Werkstor des Porenbeton-Werkes Xella in Emmelsum. Lukas (10 Monate) schlummert fest in seinem Kinderwagen. Er ahnt nicht mal, was sich über ihm zusammenbraut. „Papa soll nicht arbeitslos werden“ hat Oma als Wunsch mit schwarzem Filzer auf ein kleines Pappschild geschrieben, das am Himmel des Kinderwagens klebt. Wenige Minuten später schreit der Kleine nach Leibeskräften. Ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert hat die krächzenden Arbeiterlieder abgelöst, die aus betagten Lautsprechern wie aus vergangenen Tagen kämpferische Töne in die Gegenwart retten möchten. Lukas’ unschuldiges Nickerchen ist vorbei.

Die Werkstore öffnen sich. An bärenstarken Gabelstaplern wird ein meterhohes schwarzes Holzkreuz zum Xella-Logo gebracht, wo Mikrofone für die Redner aufgebaut sind, die der Belegschaft mit flammenden Worten Solidarität bekunden werden. Dem Kreuz folgt ein schwarzer Sarg – aus Porenbeton. Darin wird der letzte Rest an Unternehmenskultur zu Grabe getragen.

„Eine Unverschämtheit“

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Der kantige Betriebsrat Jürgen Kühnen, der seinen beinharten Ton glaubhaft verkörpert, geißelt Geschäftsführer Lampe. „Lampe, lass die Lichter an“, befiehlt ein Transparent. Kühnen aber kennt nur den anderen Kurs: Statt der gewerkschaftsorientierten Unternehmensberatung erforderliche Zahlen zu präsentieren, würden juristische Scharmützel angezettelt. Der gewichtige Gewerkschafter Klaus Ellberg will schon über Dritte gehört haben, dass der Schließungsbeschluss steht und 100 Kollegen Weihnachten ohne Job sind.

„Eine Unverschämtheit“ nennt Bürgermeisterin Ulrike Westkamp das Verhalten der Unternehmensführung. Sie fühle sich „getäuscht und enttäuscht“, so Westkamp, die spürbar die Befindlichkeit der Leute trifft. Auch SPD-Bundestagsabgeordneter Dr. Ulrich Krüger greift in die kämpferische Vokabelkiste, spricht von „Schweinerei“, ein profitables Werk dicht zu machen, ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter und ihre Familien. CDU-Landtagsabgeordneter Wolfgang Hüsken macht’s eine Nummer nüchterner: „Wir stehen an Ihrer Seite.“ Heute überreicht er Landeschef Jürgen Rüttgers einen Brief der Belegschaft. Dem hat man ihm gestern nach der Kundgebung mit auf den Weg gegeben. Da war der kleine Lukas wieder eingeschlafen. SEITE C2

(RP)