1. NRW
  2. Städte
  3. Wesel

Wesel: Kulturszene - Sorge um "Kannibalismus"

Wesel : Kulturszene - Sorge um "Kannibalismus"

Immer mehr Konzerte, Ausstellungen und Kleinkunstveranstaltungen sorgen in Wesel dafür, dass sich die Veranstalter gegenseitig die Zuschauer wegnehmen. Selbst Absprachen, hieß es im Fachausschuss, könnten das Problem nicht lösen.

Die Weseler Kulturpolitiker haben anlässlich mehrerer Terminkollisionen bei Kulturveranstaltungen in den vergangenen Wochen davor gewarnt, dass sich die Veranstalter gegenseitig Zuschauer rauben könnten. Der Ausschussvorsitzende Norbert Meesters (SPD) sprach im Kulturausschuss davon, dass "bei einem so großen kulturellen Angebot die Gefahr des ,Kannibalismus' besteht".

Nicht selten ballen sich in Wesel die Termine für Vernissagen, Konzerte, Schauspiel und Kleinkunst. Das Problem: Für derart viele Veranstaltungen gibt es oft nicht genügend Interessenten, so dass selbst hochkarätige und teure Künstler zum Teil in halbleeren Kirchen oder im nur mäßig besetzten Bühnenhaus auftreten müssen. Eine echte Absprache unter den Veranstaltern im Vorfeld findet offenbar zu selten statt. Nur so ist es zu erklären, dass beispielsweise am dritten März-Wochenende sonntags um 17 Uhr das Collegium vocale mit den Duisburger Philharmonikern zum Konzert in die Himmelfahrt-Kirche eingeladen hatte und drei Stunden später die Neue Philharmonie Westfalen ein Konzert im Bühnenhaus gab. Folge: Bei beiden Veranstaltungen blieben Plätze frei. Am Abend zuvor gab es im Bühnenhaus um 20 Uhr ein Benefizkonzert der Gospel People, zeitgleich fand der zehnte Gindericher Kabarettabend und ein Konzert der Gruppe The Backbeats im Kulturspielhaus Scala statt.

  • Die Stahltanne des Jahres 2021 auf
    Ungewöhnlicher Weihnachtsbaum : Warum die Weseler Stahltanne ein Symbolbild unserer Zeit ist
  • Markus Hülser-Kusch – hier neben seiner
    Auszeichnung im Kreis Wesel : Das sind die Gewinner des Klimaschutzpreises 2021
  • Ein Abstrichstäbchen wird in einer ambulanten
    Zahlen zur Pandemie im Kreis Wesel : Vier neue Corona-Tote – trotzdem ist Inzidenz gesunken

Im Ausschuss für Kultur- und Stadtmarketing sprach jetzt Renate Quast vom Heimatverein der Herrlichkeit Diersfordt das Problem an und berichtete davon, dass Veranstaltungen im Museum und Heimathaus Eiskeller unter der Konkurrenz zu leiden hätten. Am dritten März-Wochenende beispielsweise gab das chilenische Ensemble Lazulis freitags ein Konzert im Eiskeller. Resultat: Die Resonanz hätte besser sein können.

Wesel: Kulturszene - Sorge um "Kannibalismus"
Foto: Giovannie Pinna

In der politischen Diskussion kam die Frage auf, ob die Termine nicht besser koordiniert werden könnten. "Denn die Veranstalter schaden sich ja gegenseitig", sagte Ruth Freßmann (SPD). Die Hoffnung, dass eine Absprache wirklich möglich wäre und den gewünschten Effekt haben könnte, hatte im Ausschuss niemand. Dagmar Ewert-Kruse, sachkundige Bürgerin der FDP, sprach aus leidvoller Erfahrung, "dass dieses Problem unlösbar ist. Und je mehr ehrenamtliche Arbeit dazu kommt, desto dschungeliger wird die ganze Sache."

Mit welchen Problemen die Kulturmacher zu kämpfen haben, machte Renate Quast an einem Beispiel deutlich: "Wir veranstalten jedes Jahr im Juni die Diersfordter Mittsommernacht. Doch da findet diesmal die Fußball-WM statt - und Eselrock ist auch im Juni." Damit es nicht zu Terminüberschneidungen kommt, haben die Diersfordter ihr Konzert "Harp Music and Songs from the Celtic Northwest" mit dem Ensemble Norland Wind auf Samstag, 26. Mai, gelegt. Dass ausgerechnet dann die Großveranstaltung "Wesel erleben" mit Mini-Gourmetfest am Berliner Tor und Vereinsfest in der Fußgängerzone stattfindet, war dem Heimatverein in der Planungsphase nicht bekannt.

Dass Terminkollisionen kaum zu verhindern sind, zumal immer mehr Vereine auf Benefizveranstaltungen setzen und das Kulturspielhaus Scala durch Kleinkunst, Schauspiel und Kabarett zur Konkurrenz für die etablierten Veranstalter geworden ist, weiß auch Renate Brützel, die Vorsitzende des Städtischen Musikvereins. "Wir versuchen beispielsweise, uns bei großen Oratorien mit Kantor Ansgar Schlei abzusprechen, weil die Veranstaltungen die gleiche Zielgruppe ansprechen. Aber es gibt halt so viele Abhängigkeiten, so dass man kaum Einflussmöglichkeiten hat." Das habe unter anderem damit zu tun, dass Künstler nur an gewissen Terminen zu haben seien, so Brützel. Aus ihrer Sicht wäre es hilfreich für alle, frühzeitig Termine in den Veranstaltungskalender der Stadt einzustellen, damit Organisatoren sehen, wann Großveranstaltungen anstehen und wann sich Lücken bieten. Der Musikverein arbeitet bereits an der übernächsten Saison.

Übrigens: An diesem Wochenende ist der Kulturkalender ausnahmsweise übersichtlich: Hans-Jürgen Schröder stellt Samstag und Sonntag im Atelier, Trappstraße 6-8, aus. Und am Sonntag wird um 11 Uhr die Ausstellung "Im Sog der Zeit" im Wasserturm eröffnet.

(RP)