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Kreis Wesel: Zahl der Bewerber und der Betriebe, die ausbilden, sinkt

Ausbildungsmarkt im Kreis Wesel : Warum die Lehre weniger gefragt ist

Die Zahl der Lehrstellenbewerber ist im Kreis Wesel im Ausbildungsjahr 2018/19 gesunken. Andererseits steigt die Zahl der freien Stellen. Und das, obwohl nicht mal jeder vierte Betrieb überhaupt ausbildet.

Die Zahl der jungen Leute, die sich im Ausbildungsjahr 2018/19 bei der Berufsberatung der Weseler Agentur für Arbeit gemeldet und eine Lehrstelle gesucht haben, ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Und zwar um 7,5 Prozent auf 3560 Bewerber. Minimal zugenommen hat dagegen die Zahl der angebotenen betrieblichen Ausbildungsplätze. Und zwar um drei auf 2946. Diese Zahlen legte am Mittwoch Barbara Ossyra, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Wesel, vor.

Rein rechnerisch kamen im kürzlich abgelaufenen Ausbildungsjahr 2018/19 auf jeden Bewerber 0,8 Stellen. Weil aber viele Bewerber nicht die nötige Qualifikation oder das Interesse an den ausgeschriebenen Lehrstellen haben, sind 261 Plätze (plus 41 Prozent) unbesetzt geblieben – ein Problem für viele Unternehmen, die händeringend Nachwuchskräfte suchen. Wobei nicht mal mehr jeder vierte Betrieb überhaupt ausbildet.

Wie viele Bewerber sind unversorgt geblieben ?

Agenturchefin Barbara Ossyra und Berufsberater Ekkehard Kühne hoffen, dass künftig mehr Betriebe Lehrstellen anbieten. Foto: Klaus Nikolei

Zum Ende des Berufsberatungsjahres am 30. September suchten im Kreis Wesel noch 181 (plus 14) junge Leute eine Lehrstelle.

Wird die Zahl der jungen Leute, die eine Duale Ausbildung machen wollen, weiter sinken?

Ja, davon geht man bei der Agentur für Arbeit jedenfalls aus. Denn im nächsten Jahr wird die Zahl der Schulabgänger deutlich von 4873 auf 4469 sinken.

In welchen Branchen sind besonders viele Lehrstellen unbesetzt geblieben? Wo gibt es mehr Bewerber als Stellen?

Vor allem im Dienstleistungsbereich herrscht ein Mangel an Interessenten. Auf 123 im Lebensmitteleinzelhandel ausgeschriebene Lehrstellen haben sich beispielsweise gerade mal 16 junge Leute beworben. Nur wenig besser sah es in der Gastronomie aus. Hier gab es 101 freie Stellen, aber nur 23 Bewerber. Überraschend ist: Kaum ein junger Mensch möchte eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei machen. Auf 26 freie Stellen gab es laut Arbeitsagentur lediglich acht Bewerber. Besonders rar gesät sind die Lehrstellen in den Bereichen Mechatronik (44 Bewerber, elf Stellen), Softwareentwicklung (63 Bewerber, 18 Stellen), Holzbearbeitung (86 Bewerber, 28 Stellen), Fahrzeugtechnik (207 Bewerber, 103 Stellen) und Maschinenbau (116 Bewerber, 59 Stellen).

Was können Bewerber tun, um ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern?

Barbara Ossyra rät dringend dazu, sich frühzeitig über Berufe zu informieren und auf jeden Fall offen zu sein für alternative Tätigkeiten, falls der „Traumberuf“ nicht realisierbar ist. „Seit diesem Schuljahr sind auch unsere Berufsberater häufiger in den Schulen, um alle Fragen zu Chancen, Möglichkeiten und Alternativen anzusprechen. Eine Ausbildung bietet eine exzellente Basis für das Berufsleben und attraktive Perspektiven sich weiterzuentwickeln.“ Gerade auch für Abiturienten seien Lehrberufe attraktiv, da in vielen Handwerksbetrieben in den nächsten Jahren Führungswechsel anstünden und im Handwerk gutes Geld verdient werden könne. „In vielen Köpfen steckt immer noch drin, dass man nur etwas werden kann mit höherer Schulbildung. Doch das stimmt schon lange nicht mehr“, weiß Berufsberater Ekkehard Kühne. Für Schüler mit unterschiedlichen Defiziten bietet die Arbeitsagentur übrigens verschiedene Fördermaßnahmen an. So wie beispielsweise die Assistierte Ausbildung, bei der ein Lehrling im Betrieb von einem Bildungsträger intensiv begleitet wird. Ein weiteres Beispiel ist die Einstiegsqualifikation, bei der Jugendliche einen Ausbildungsberuf und einen Lehrbetrieb gleichzeitig kennenlernen können. Vorteil für das Unternehmen: Es lernt die potenziellen Lehrlinge im Arbeitsalltag kennen, bevor ein Ausbildungsvertrag abgeschlossen wird.

Was können Lehrbetriebe jetzt unternehmen, um für Bewerber attraktiver zu werden?

Nach Überzeugung von Barbara Ossyra sollten sich Betriebe überlegen, wie sie potenzielle Bewerber besser „ansprechen“ können. Beispielsweise über Imagevideos in Sozialen Medien wie Youtube. Außerdem sollten Anforderungsprofile überarbeitet werden, um nicht von vornherein zu viele Bewerber „auszusieben“. „Weiterhin ist es wichtig, dass Betriebe Parktia und Berufsfelderkundungen anbieten, um die Jugendlichen besser kennenzulernen. Und dann wäre es wichtig, dass Unternehmen möglichst über Bedarf auszubilden“, sagt die Agenturchefin.