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Kreis Wesel: Warum eine Ausbildung eine Alternative zum Studium ist

Ausbildungsinitiative Kreis Wesel Präsentiert von Altana (Folge 12) : „Zeit der geraden Lebensläufe ist vorbei“

Manche Abiturienten brechen ihr Studium ab. Eine duale Ausbildung ist dann oft eine gute Alternative. So wie für Lena Odri aus Wesel, die jetzt Industriekauffrau lernt.

Wer nach zwölf beziehungsweise 13 Jahren die Schule mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife verlässt, beginnt danach in aller Regel ein Studium. Doch nicht selten spüren Abiturienten, dass ihre Vorstellungen vom Studium und den anschließenden Berufsperspektiven mit der Realität wenig zu tun haben.

Ein gutes Beispiel dafür, dass in solchen Fällen eine duale Ausbildung eine gute Alternative und das Sprungbrett zu einer beruflichen Karriere sein kann, ist die Geschichte von Lena Odri aus Wesel. Die 21-Jährige gehört zu den 15 jungen Menschen, die Anfang August bei der Weseler Byk-Chemie ihre Ausbildung angefangen haben – im Labor, in der Produktion, in der IT-Abteilung, im Lager und in der Verwaltung. Die quirlige junge Frau, die im Sommer 2018 das Weseler Andreas-Vesalius-Gymnasium mit einem hervorragenden Abischnitt von 1,7 verlassen hat, macht eine zweijährige Ausbildung zur Industriekauffrau – und ist darüber sehr glücklich.

„Ich habe mich bei Byk vom ersten Augenblick an sehr wohl gefühlt. Jeder grüßt hier jeden. Und ich freue mich, dass ich während meiner Ausbildung unter anderem Einblicke in den Personalbereich bei Byk und der Konzernmutter Altana erhalte, ins Marketing komme und Erfahrungen in der Buchhaltung und im Logistikbereich sammeln kann.“ Aktuell ist sie in der Produktionsplanung und hat bei einem Rundgang durch die Produktion an der Abelstraße gesehen, wie Lack- und Kunststoffadditive, für die Byk bekannt ist, hergestellt werden. Additive, das sei kurz erklärt, sind Zusatzstoffe, die die Verarbeitung von Lack und Kunststoff erleichtern und deren Qualität verbessern. „Ich sitze an einem Arbeitsplatz mit zwei Bildschirmen und habe bereits eine Rohstoffbestellung gemacht“, sagt sie stolz.

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Eigentlich wollte Lena Odri nach dem Abi Psychologie studieren. Doch scheiterten ihre Bewerbungen am hohen Numerus clausus. Und so entschloss sie sich nach einem Bundesfreiwilligendienst an der Weseler Grundschule Am Quadenweg für ein Studium der Erziehungswissenschaften an der Uni Essen. „Doch da habe ich schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist. Vor allem nach dem Vortrag einer Expertin, die erklärt hat, in welchen Bereichen man später eine Anstellung finden kann, und dass es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt.“ Was also tun? Im Hinterkopf hatte Lena Odri die Idee, dass ihr womöglich auch eine kaufmännische Ausbildung in der Industrie liegen könnte. Während sie aushilfsweise am Empfang eines Pflegeheimes in Voerde gearbeitet hat (und dabei Lebenserfahrung sammeln und ihr Selbstbewusstsein steigern konnte), schrieb sie mehrere Bewerbungen. Unter anderem auch an Byk. „Wenn man aus Wesel und Umgebung kommt, weiß man, dass man bei Byk gut aufgehoben ist“, sagt die 21-Jährige. Dass die Eltern ihres Freundes ebenfalls bei Byk arbeiten, hat sie in ihrer Überzeugung, sich bei dem Weseler Vorzeigeunternehmen zu bewerben, nur bestärkt.

Insgesamt rund 100 junge Leute haben sich auf die beiden freien Ausbildungsplätze im Bereich Industriekaufmann/-frau beworben. Dass Lena Odri am Ende den Zuschlag bekommen hat, liegt nicht allein an ihren guten Noten und der aussagekräftigen Online-Bewerbung. „Sie hat auch bei den beiden Vorstellungsgesprächen, die wegen der Pandemie digital stattgefunden haben, einen hervorragenden Eindruck hinterlassen und auch den digitalen Einstellungstest mit Bravour gemeistert“, lobt Christine Thannheiser-Rumpf, Leiterin Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung bei der Byk-Chemie. Natürlich sei eine gute Schulausbildung nötig. „Aber wir schauen nicht nur auf die Noten. Es geht bei uns um den Menschen und die Kompetenz. Und bei Frau Odri stimmt beides. Bei unseren Gesprächen ist der Funke direkt übergesprungen“, sagt sie und strahlt. Auch Lena Odri lacht und strahlt. Übrigens hatte sie noch eine Lehrstelle sicher. „Doch habe ich Frau Thannheiser-Rumpf am Telefon deutlich gemacht, dass ich lieber zu Byk gehen würde. Und das hat ja dann geklappt, was mich sehr glücklich gemacht hat.“ Mehr als zufrieden ist sie auch mit dem Lehrlingsgehalt. Die Chemiebranche zahlt bekanntlich gut. Monatlich überweist Byk eine Ausbildungsvergütung in Höhe von 1153 Euro. Etwas mehr als 900 Euro bleiben der jungen Frau netto übrig.

Eine Antwort auf die Frage, wie sie sich ihre berufliche Zukunft vorstellen könnte, fällt Lena Odri nicht leicht. „Eigentlich möchte ich noch einmal Uni-Luft schnuppern. Und die kaufmännische Ausbildung ist dafür sicher ideal.“ Christine Thannheiser-Rumpf macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass viele ehemalige Byk-Azubis an der FOM-Hochschule mit Sitz am Großen Markt in Wesel studiert und von Byk finanzielle Unterstützung erhalten haben. Sie rät Lena Odri, doch mal mit den FOM-Absolventen über deren Erfahrungen zu sprechen. Die Auszubildende nickt. „Das werde ich tun.“

Und sie ist auch gerne bereit, unserer Redaktion eine letzte Frage zu beantworten. „Was können Sie Schülern beziehungsweise Schulabgängern raten, die auf der Suche nach einem Studienplatz oder einer Lehrstelle sind oder mit einer Entscheidung hadern?“ Lena Odri denkt kurz nach und sagt dann: „Wenn man spürt, dass man mit einer Entscheidung unglücklich ist, etwas nicht möchte, dann sollte man die Reißleine ziehen. Es kommt halt im Leben vieles anders, als man denkt.“ Ihr Tipp: „Haut rein in der Schule. Es sind nur ein paar Jahre, in denen der Grundstein für die Zukunft gelegt wird. Und dann muss man sich klar machen, dass es nicht nur den einen Beruf gibt, der einen glücklich macht, sondern auch jede Menge Alternativen, die einen auch interessieren.“ Dem kann Christine Thannheiser-Rumpf nur beipflichten. „Nur aus Angst etwas weiterzumachen, was man nicht will, ist sicherlich nicht richtig. Ein Studium muss für Abiturienten nicht immer das Richtige sein. Man sollte sich davon leiten lassen, wo man hin will. Die Zeit der geraden Lebensläufe ist längst vorbei.“ Wie wahr das ist, zeigt die Geschichte von Lena Odri.

(kwn)