Ausbildungsinitiative Kreis Wesel Am ersten Tag ein Rohrbruch

Kreis Wesel · Gleich zwei Praktika hat Johannes Simon bei Borgmann Haustechnik gemacht. Wir haben mit ihm und Geschäftsführer Sebastian Borgmann darüber gesprochen, was ein gutes Praktikum ausmacht – und was Betriebe von ihren Praktikanten lernen können.

 Auch bei einem Praktikum muss das Zwischenmenschliche stimmen, sagen Sebastian Borgmann (r.) und der ehemalige Praktikant Johannes Simon.

Auch bei einem Praktikum muss das Zwischenmenschliche stimmen, sagen Sebastian Borgmann (r.) und der ehemalige Praktikant Johannes Simon.

Foto: Niklas Keck

Johannes Simon war 14 Jahre alt und konnte kaum über den Empfangstresen schauen, als er eines Morgens vor eben diesem bei Borgmann Haustechnik stand und sagte: „Ich will hier ein Praktikum machen.“ Diese Geschichte erzählt man sich in dem Weseler Betrieb noch immer gerne. Heute kann Johannes Simon über den Tresen schauen. Mittlerweile ist er 18 Jahre alt, beendet in diesen Tagen die Schule und beginnt voraussichtlich im September seine Lehre zum Anlagenmechaniker Sanitär-Heizung-Klima (SHK) bei Borgmann Haustechnik.

„Mir hat damals Johannes‘ Eigenständigkeit gefallen“, sagt Sebastian Borgmann, Juniorchef des Weseler SHK-Betriebes. „Ich habe hier manchmal 16-, 17-Jährige stehen, die bekommen kein Wort heraus“, berichtet Borgmann, als unsere Redaktion sich mit ihm und Johannes Simon zum Gespräch trifft. „Und dann kommt da dieser 14-Jährige herein und sagt direkt, was er will.“ Mehr als 30 Mitarbeiter und 1200 Wartungskunden zählt das seit dem Jahr 1951 bestehende Familienunternehmen. „Wir haben hier Praktikanten seit Anbeginn der Zeit“, sagt Geschäftsführer Sebastian Borgmann.

Der erste Anlauf fiel aus

Wer bei Borgmann Haustechnik in die Lehre gehen will, muss zuvor ein Praktikum in der Firma machen. Mögliche Auszubildende sollen dadurch einen Eindruck davon bekommen, was während der Lehre und später im Beruf auf sie zukommt. So kam es auch, dass Johannes Simon gleich zwei Praktika bei Borgmann absolvierte: Eines im vergangenen Sommer, als für ihn feststand, dass er nach der Schule bei Borgmann seine Ausbildung machen möchte. Und eines als 14-Jähriger im Rahmen eines Schulpraktikums. Zumindest war das damals der Plan.

Auf die Idee, sich bei Borgmann zu bewerben, brachte den Schüler der Gesamtschule Am Lauerhaas sein Vater, der für die Berufgenossenschaft arbeitet. „Ich wollte damals aber auch wissen, was ich nach der Schule machen kann“, sagt er heute über seine Motivation.

Mit dem Schulpraktikum wurde es dann jedoch zunächst nichts. Das Land steckte mitten in der Corona-Pandemie und die Schule sagte die zwei Praktikumswochen kurzfristig ab. „Tests, Impfung – wir hätten es gemacht“, sagt Sebastian Borgmann heute. Doch Simon blieb hartnäckig und holte das Praktikum in den Sommerferien nach. Gleich an seinem ersten Arbeitstag fuhr er zu einem Rohrbruch raus.

Die dreckige Arbeit gehört dazu

„Jeder Praktikant wird bei uns wie ein Azubi behandelt“, erklärt Borgmann. „Es bringt nichts, wenn ich die Praktikanten in die Lehrwerkstatt stelle und heile Welt spiele.“

Heil war das Rohr jedenfalls nicht mehr, mit dem Simon an seinem ersten Tag zu tun bekam. Das beschädigte Rohr musste raus. Einmalhandschuhe, Stemmeisen – damit hatte der Schüler zuvor noch nie gearbeitet. Vom Geruch ganz zu schweigen. „Aber das war nicht schlimm“, sagt Simon lachend und fügt hinzu, dass man als Praktikant offen sein müsse für die Sachen, mit denen man es in diesem Beruf täglich zu tun bekommt. „Ein Praktikant muss Fragen stellen, sich selbst Aufgaben suchen, bereit sein, auch mal die dreckige Arbeit zu machen“, so der 18-Jährige. Borgmann nickt und ergänzt: „Es gibt da ein bulgarisches Sprichwort: Wenn man nur vom Zuschauen ein Handwerk erlernen könnte, wäre jeder Hund ein Metzgermeister.“

Den Willen, etwas zu lernen, habe er bei Simon schnell gesehen, sagt Borgmann. „Nach ein paar Tagen hat Johannes schon gut antizipiert, wann er Werkzeuge und Materialien anreichen muss“, erzählt er.

Wasserhahn, Heizung und Stulle

Damit diese Zusammenarbeit gelingen kann, müsse sich ein Betrieb aber auf seine Praktikanten vorbereiten, sagt Borgmann. Vor Beginn des ersten Arbeitstages erhalten die Praktikanten des SHK-Betriebes daher eine E-Mail. Darin steht, wann ihr Tag beginnt, aber auch dass sie sich etwas Geld für das Mittagessen mitbringen sollen – oder gleich selbst eine Stulle schmieren. Morgens informiert Borgmann seine Mitarbeiter: „Ich sage denen: Du hast heute einen Praktikanten dabei. Ich will, dass der nicht nur Theorie sieht, sondern auch die Praxis kennenlernt.“ Während seiner zweiwöchigen Praktika fuhr Simon mit den Kundendienstmitarbeitern raus. Er lernte, was Kundenkontakt bedeutet, half bei der Reinigung einer Heizung und beim Installieren eines Wasserhahns. „Eine Wärmepumpe haben wir damals nicht eingebaut“, sagt Simon. „Aber eine komplett neue Gasheizung.“

Es muss auch menschlich passen

Noch ein Punkt ist Sebastian Borgmann wichtig: Zwischen Praktikant und Betreuer müsse es auch menschlich passen. Simon bestätigt das: Mit seinen nun zukünftigen Kollegen habe er schon während seiner Praktika stundenlang reden können.

Simon sagt, er habe während der Praktika nicht nur Einblicke in die Arbeit eines Anlagenmechanikers erhalten. „Ich habe auch viel darüber gelernt, dass man seinen Tag strukturieren muss. Morgens aufstehen, eine Mittagspause einplanen. Abends rechtzeitig ins Bett gehen, damit man am nächsten Tag auch körperlich ausgeruht auf der Baustelle stehen kann.“

„Guter Punkt“, pflichtet ihm Sebastian Borgmann bei und sagt: „Man lernt im Praktikum bei uns auch, dass dieser Beruf körperlich anstrengend ist. Im besten Fall wird man im Praktikum gleich körperlich robuster.“

Perspektivenwechsel auf beiden Seiten

Umgekehrt kann aber auch ein Betrieb etwas von seinen Praktikanten lernen. „Jeder hat im Vorfeld Erwartungen an das Praktikum, die zwischen dem Praktikanten und dem Betrieb kommuniziert werden müssen“, sagt Borgmann. Manchmal ist für den Praktikanten das, was für die Profis selbstverständlich und alltäglich ist, dies gerade eben nicht. „Da ist der Perspektivenwechsel wichtig. Manche Probleme der Praktikanten sehen wir einfach nicht und wundern uns dann. Wir freuen uns, wenn unsere Praktikanten uns sagen, was gut und was nicht gut lief“, sagt Sebastian Borgmann.

Ein Praktikum könne schließlich auch dazu dienen, herauszufinden, was man nicht machen möchte, meint Johannes Simon. Nach seinem ersten Praktikum bei Borgmann war er noch bei einem Betrieb für Elektrotechnik. „Elektriker hat mir als Beruf aber nicht so gut gefallen“, sagt er. Es war ihm dennoch wichtig, sich noch weiter umzuschauen, bevor er den Ausbildungsvertrag unterzeichnet. „Man sollte möglichst viel ausprobieren“, sagt Simon.

Was er aber bei allen Praktika feststellte: Er möchte ins Handwerk gehen. „Auch in meinem Freundeskreis ist Handwerk wieder eine Sache“, sagt er. Momentan baut er in seiner Freizeit mit einem Freund ein Tonstudio aus.

„Die Skills, die ich in diesem Beruf lerne, waren definitiv auch ein Grund, mich nach dem Praktikum für die Ausbildung zu entscheiden“, sagt er. Sebastian Borgmann sieht das ähnlich: „Man hat hinterher ein Talent. Das Geile an den Beruf ist ja, dass er so vielfältig ist: Wärmepumpen, Bäder, Luxussanierungen.“ Diese Vielfalt sollte ein gutes Praktikum auch abbilden können.

Man muss übrigens nicht unbedingt einen Auftritt wie Johannes Simon hinlegen, wenn man bei Borgmann Haustechnik ein Praktikum machen möchte. Auf seiner Website bietet der Betrieb an, sich innerhalb von nur zwei Minuten auf ein technisches Praktikum zu bewerben. Sebastian Borgmann meldet sich dann zurück.

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