Kreis Wesel: Interview mit Wolf Maahn

Interview mit Wolf Maahn : „Der Niederrhein gefällt mir sehr“

Rockmusiker Wolf Maahn (63) tritt am Samstag in Wesel auf. Er spricht im Interview über Kirche, Radio und AfD.

Herr Maahn, Sie treten am Samstag in der Christuskirche in Wesel-Flüren auf. Das Konzert ist fast ausverkauft. Nach den Gesetzen der Marktlogik müssten Sie dieses Interview eigentlich gar nicht mehr führen.

Wolf Maahn Es ist ja auch manchmal schön, sich einfach so über Musik zu unterhalten. Ich freue mich, an den Niederrhein zu kommen. Das ist eine spezielle Region, sie gefällt mir sehr. Ich habe 2017 zum zweiten Mal beim Haldern-Pop-Festival gespielt, kürzlich war ich mit einem Solokonzert in Bocholt zu Gast. In Flüren spiele ich jetzt in der Christuskirche, was lustig ist, weil ich am Tag zuvor ebenfalls in Köln in einer Christuskirche bei mir im Viertel spiele. Und in ein paar Tagen habe ich in Ostdeutschland ein weiteres Konzert in einer Christuskirche.

Sind Kirchenkonzerte für Sie auch eine religiöse Erfahrung? Was bedeutet Ihnen der Auftritt in einem Gotteshaus?

Maahn Konzerte an sich sind für mich spirituelle Erfahrungen, das kann auch ein Auftritt bei der Kieler Woche in Kiel vor dem Rathaus sein.

Sie wohnen in Köln, sind in Berlin geboren und in München aufgewachsen. Wie viel Rheinland, wie viel Berlin und wie viel Bayern ist in Ihnen?

Maahn Von allem etwas. Wenn ich in Bayern bin, neige ich dazu, nach einer halben Stunde bayrisch zu sprechen. Die Kindheit dort war prägend. Aber natürlich ist Köln nun meine Heimat, auch musikalisch. In der Wahrnehmung bin ich Kölner. In den Achtzigern gab es ja eine regelrechte Kölner Welle mit BAP, Zeltinger und Sängern wie Purple Schulz und mir. Auch Herbert Grönemeyer lebte zu dieser Zeit in Köln.

Das waren noch selige Zeiten des Rock. Inzwischen, so sagt man, sei doch die Rockmusik tot.

Maahn Es gibt gewisse Paralleluniversen wie den Hard Rock, die funktionieren immer noch. Aber der Rock, wie er jahrelang populär war, zum Beispiel in der Rolling-Stones-Variante, der ist in der Tat nicht mehr so viral. Das hat natürlich auch mit den Medien zu tun, konkret mit dem Radio. Der Redakteur darf dort tagsüber nicht mehr den Song spielen, der ihm gefällt. Er muss erst einen Computer fragen. Das ist für ein so schönes Medium wie das Radio eigentlich würdelos.

Sie kennen Ihre Gema-Zahlen: Welche Maahn-Songs werden noch im Radio gespielt? Was bringt noch Geld?

Maahn Ich habe ein paar gute Songs geschrieben, „Hallo Sehnsucht“ wird immer noch gespielt oder „Ich wart‘ auf Dich“ und „Total verliebt in Dich“

Für mich immer noch einer der schönsten Rocksongs in deutscher Sprache.

Maahn Danke, das freut mich. Es ist schwer, solche Songs heute noch zu entdecken. Youtube und Spotify sind Wissenschaften für sich. Deren Algorithmen verstehen auch manche Musiklabels nicht mehr. Ohnehin ist der Ertrag aus solchen Streaming-Angeboten lächerlich. Deshalb gehen Künstler jetzt häufiger auf Tournee. Auch ich spiele in den vergangenen zwei Jahren wieder mehr. Eine echte Tournee wird es aber erst nächsten Herbst mit dem neuen Album geben.

Wolf Maahn macht neue Musik. Wann darf man da was hören?

Maahn Ich habe ein paar Lieder zusammen, gute Grooves, gute Arrangements. Insgesamt 85 Tracks, aus denen ich nun ein paar aussuchen muss. Es fehlen noch die Lyrics. Bisher singe ich nur spontan erfundene Zeilen, ich nenne es Banana-Lyrics. Erst später werden daraus wirkliche Texte. Eine ähnliche Technik verwendet übrigens Herbert Grönemeyer.

Mit dem kleinen Unterschied, dass der manche seine Banana-Lyrics nicht mehr ändert?

Maahn (lacht) Das haben Sie jetzt gesagt. Im Ernst: Man darf als Texter nicht zu kopflastig werden. Man muss das Publikum erreichen. Das ist immer eine Gratwanderung.

Ihre Texte entstehen in politisch turbulenten Zeiten. Sie waren immer auch ein politischer Sänger. Wird man sich auf ein politisches Album einstellen können?

Maahn Nach der Antwort auf diese Frage suche ich gerade. Man könnte als Sänger auch konsequent sagen, dass man die Themen anders beleuchtet als wie sie politisch täglich diskutiert werden. Das eigentliche Mega-Thema dieser Zeit ist doch der Klimawandel. Und mit der AfD sitzen bekennende Klimawandel-Leugner im Parlament. Dabei ist der Klimawandel von Wissenschaftlern festgestellt. Die AfD ist also eine Partei, die sich den Erkenntnissen der Wissenschaft verweigert. So jemanden kann man nicht ernsthaft wählen.

Wären Sie bei einer Veranstaltung wie dem Chemnitz-Konzert „Herz statt Hetze“ dabei gewesen, wenn man Sie gefragt hätte?

Maahn Die Aktion fand ich toll, natürlich. Ich habe bei einer ähnlichen Veranstaltung vor zwei Jahren in dem ostdeutschen Dorf Jarmel gespielt. Da lebt ein Künstler-Ehepaar in einem Dorf, in dem viele Nazis wohnen. Die Toten Hosen oder Die Ärzte sind dort schon aufgetreten, direkt nebenan wohnen Rechtsradikale. Von solchen Konzerten gehen Signale aus.

Zurück nach Flüren: Welche Songs werden Sie in der Christuskirche  spielen?

Maahn Das entscheide ich mittlerweile spontan. Ich höre mir die Akustik in der Kirche an und überlege dann, welche Lieder sich eignen. Es kommt auch auf den Nachhall an.

Wolf Maahn spielt am Samstag, 22. September, 20 Uhr in der Christuskirche Flüren, Mars 1. Restkarten an der Abendkasse.

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