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Kreis Wesel: In manchen Städten droht eine hausärztliche Unterversorgung

AOK-Gesundheitsreport für den Kreis Wesel : Große Impfbereitschaft bei den Eltern

Die AOK stellte den aktuellen Gesundheitsreport für den Kreis Wesel vor. Dieser gibt Einblicke in die Gesundheitssituation undzeigt auf, wo es gut läuft und in welchen Bereichen Verbesserungsbedarf herrscht.

Mit 56 Sterbefällen je 100.000 Einwohner aufgrund von Covid-19 weist der Kreis Wesel den drittniedrigsten Wert im Rheinland auf. Überhaupt liegt die Lebenserwartung der Frauen mit 82,8 Jahren im nordrhein-westfälischen Durchschnitt und die der Männer mit 78,6 Jahre sogar leicht darüber. Das sind einige der guten Nachrichten im Gesundheitsreport der AOK Rheinland/Hamburg, der einen Einblick in die Versorgungssituation der Menschen in den verschiedenen Regionen gibt. Manrico Preissel, Regionaldirektor der AOK Kreis Kleve – Kreis Wesel, stellte den Bericht jetzt gemeinsam mit Servan Sayman, dem Leiter des regionalen Gesundheitsmanagements, Sonja Ahrens, Leiterin der AOK-Geschäftsstelle Moers, und Maria Scheider, Referentin für Versorgungsanalysen, vor.

Vorsorgeuntersuchungen Nicht zufrieden ist der AOK-Chef mit der Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen. Die urologische Früherkennungsuntersuchung werde nur von rund 14,7 Prozent der Männer im Weseler Kreisgebiet in Anspruch genommen, so Preissel. „Ziel der Untersuchungen ist es, eine Erkrankung möglichst früh zu entdecken, weil sie im Anfangsstadium schonender und wirksamer behandelt werden kann“, erklärt er die Bedeutung der Vorsorgetests. „Einmal jährlich sollten Männer ab 45 Jahren für diese kostenlose Untersuchung zum Hausarzt oder Urologen gehen.“ Nicht viel besser sieht es bei der Koloskopie zur Früherkennung von Darmkrebs aus, die nur von 9,5 Prozent der Anspruchsberechtigten wahrgenommen wird. Im Mittelwert der AOK Rheinland/Hamburg sind es immerhin 14 Prozent und in Aachen sogar 20 Prozent.

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Auch mit der Inanspruchnahme der gynäkologischen Krebsfrüherkennung, die von 45,6 Prozent der Frauen genutzt wird, ist man bei der AOK nicht zufrieden. „Natürlich muss jede Frau für sich selbst entscheiden, ob sie die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nimmt“, sagt Gesundheitsmanager Servan Sayman, „aber letztlich kann die Entscheidung für eine Teilnahme lebensrettend sein.“Immerhin besuchen mehr als die Hälfte der 35- bis 64-Jährigen Kreisbewohner ihre Hausärztin oder den Hausarzt für einen „Check-up“, bei dem die Patienten im wahrsten Sinne „auf Herz und Nieren“ getestet werden.

Chronische Schmerzen Chronische Schmerzen sind in diesem Jahr Schwerpunktthema des Gesundheitsreportes, denn sie beeinträchtigen die Lebensqualität der betroffenen Personen erheblich. Überdurchschnittlich viele Kreis Weseler, 28 Prozent, leiden dauerhaft unter Schmerzen, die meisten von ihnen wegen Rücken- oder arthrosebedingten Kniebeschwerden, Migräne, Krankheiten des Nervensystems oder weil sich die Schmerzen losgelöst von der eigentlichen Ursache verselbstständigt haben.

Kreuzschmerzen, bei denen keine Ursache festgestellt werden kann, kommen bei Versicherten im Kreisgebiet mit 8,2 Prozent vergleichsweise oft vor. Bei 9,3 Prozent der Kreis Weseler kann ein spezifischer Kreuzschmerz mit einer körperlichen Ursache festgestellt werden. 2,5 Prozent dieser Patientinnen und Patienten werden operiert, das entspricht in etwa dem Durchschnitt (2,6 Prozent). Die anderen Erkrankten werden mit Physiotherapie und Medikamenten konservativ behandelt. 18 Prozent der Operierten haben vorher keine dieser konservativen Therapien erfahren, obwohl sie ähnlich hohe Erfolgsaussichten haben wie eine Operation. 19,4 Prozent der Operierten leiden auch nach der OP noch unter Kreuzschmerzen.

Über dem Durchschnitt von 11,5 Prozent liegt auch die Zahl der Kreisbewohner, die unter arthrosebedingten Schmerzen leiden (12,1 Prozent). Von ihnen erhalten 5,2 Prozent ein künstliches Hüftgelenk (Mittelwert 4,8 Prozent) und 2,6 Prozent ein künstliches Kniegelenk (2,7 Prozent). 30,4 Prozent der Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk und 19,1 Prozent mit einem neuen Hüftgelenk wurden ohne vorherige konservative Therapie operiert. Wenn der Bewegungsapparat betroffen ist, setzt die hiesige Ärzteschaft bei der Behandlung nur bei jedem dritten Patienten auf Physiotherapie und bei der Hälfte auf das Verschreiben von Medikamenten.

Erst wenn alle konservativen Therapien ausgeschöpft sind, sollen Opioide zur Schmerzreduktion eingesetzt werden, da diese Medikamente abhängig machen können. Während rheinlandweit 13,1 Prozent der Schmerzpatienten Opioide erhalten, werden im Kreis Wesel 14,7 Prozent damit behandelt, davon 12,2 Prozent als Langzeittherapie. Das ist die höchste Quote im Vergleich mit den Kreisen und kreisfreien Städten des Rheinlandes. Allerdings werden in 90 Prozent der Fälle (rheinlandweit 88 Prozent) langwirksame Präparate eingesetzt. Diese setzen den Wirkstoff verzögert frei, erlauben eine bessere Schmerzkontrolle, senken das Risiko für Stürze und haben ein geringeres Risiko, süchtig zu machen. Deshalb ist die Rate therapiebedingter Abhängigkeiten unter den Patienten im Kreis Wesel mit 0,9 Prozent relativ gering.

Stationäre Behandlung Mit 239 Fällen je 1000 Einwohner liegt die Rate der Krankenhausfälle in Deutschland deutlich höher als beispielsweise in Schweden (134), Frankreich (162) oder der Schweiz (156). Im Kreis Wesel liegt die Rate noch einmal 25,6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und mehr als 15 Prozent über dem Mittelwert des Rheinlandes: Nach Remscheid und Oberhausen liegt der Kreis Wesel mit 301 Krankenhausfällen auf dem dritten Rang. Auffällig hoch ist hier die Zahl der stationären Einweisungen aufgrund von Herzerkrankungen und chronischen Atemwegserkrankungen. Zwischen den Krankenhäusern gibt es große Unterschiede in der Sepsis-Rate. Das Risiko, an dieser lebensbedrohlichen Infektion zu erkranken, ist nicht nur abhängig vom Schweregrad der Erkrankung, sondern offenbar auch von der Größe des Krankenhauses. Große Krankenhäuser weisen im Durchschnitt höhere Sepsis-Raten auf als kleinere Häuser. Mit einem Anteil von 1,1 Prozent an allen Krankenhausfällen mit Operationen liegen die Kliniken im Kreis Wesel unter dem Durchschnittswert des Rheinlandes (1,5 Prozent). „Hier werden die Hygienevorschriften offenbar konsequent angewendet“, lobt AOK-Regionaldirektor Preissel.

Kinder- und Jugendgesundheit Mehr als die eigene liegt den Kreis Weselern offenbar die Gesundheit ihrer Kinder am Herzen. Fast 98 Prozent der Sprösslinge haben die erste Masernimpfung erhalten, 94 Prozent auch die zweite. „Das ist der Spitzenplatz im Ranking. Ich freue mich über die Impfbereitschaft der Eltern“, sagt Sonja Ahrens, die selbst junge Mutter von zwei Kindern ist. Im Kreis Wesel haben 61,2 Prozent der Sechsjährigen keine Zahnfüllung, sind also kariesfrei. „Im Vergleich mit den anderen Gebieten ist das ein hervorragender Wert“, lobt der Regionaldirektor. „Das ist sicherlich auch ein Erfolg des Arbeitskreises Zahnmedizinische Prophylaxe, der sich seit über 30 Jahren in den Kindergärten und Grundschulen des Kreises Wesel engagiert.“ Erfreulich auch: Der Kreis Wesel gehört zu den Regionen mit einer niedrigen Anzahl an übergewichtigen Kindern. Nur 5,4 Prozent haben Adipositas, im rheinlandweiten Mittelwert sind es 7 Prozent.

Ärztliche Versorgung Die Besetzung der beplanten Hausarztstellen ist in einigen Kommunen unterdurchschnittlich. Vor allem die Städte Voerde, Xanten, Neukirchen-Vluyn und Rheinberg bereiten dem AOK-Chef Sorgen, hier liegt der Versorgungsgrad teilweise weit unter 100 Prozent. Bei der fachärztlichen Versorgung bewegen sich die Zahlen zwar – bis auf die Arztgruppe der Neurologen - über der 100-Prozent-Marke, sie beruhen aber auf einer veralteten Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein aus den 90er Jahren. „Deshalb sieht die Realität leider anders aus“, sagt Servan Sayman. „Vor allem bei den Fachärzten ist mit langen Wartezeiten zu rechnen. Wir sind noch lange nicht mit den Versorgungsgraden im Kreis Wesel zufrieden. Es muss in Zukunft noch einiges geschehen, bis das fachärztliche Angebot dem tatsächlichen Bedarf entspricht.“