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Kreis Wesel: Friseure und Autowerkstätten stellen weniger Azubis ein

Ausbildungsinitiative Kreis Wesel : Neue Wege bei der Ausbildung

Die Akteure der Ausbildungsinitiative trafen sich jetzt beim Spezialchemie-Konzern Altana in Wesel, um eine Bilanz der nun endenden Ausbildungsserie zu ziehen. Alles sind sich einig, dass die Serie fortgeführt wird.

Keine Frage: Selten zuvor war die Lage auf dem Ausbildungsmarkt so problematisch wie in Zeiten von Corona. Nicht zuletzt, weil verunsicherte Unternehmen (in Kurzarbeit) bei der Besetzung von Stellen gezögert haben, Praktikantenplätze nicht angeboten wurden. Dabei sind sie wichtig, weil nicht selten ein Sprungbrett in die Ausbildung. Trotzdem, und das ist eine vergleichsweise gute Nachricht, gibt es aktuell nur noch wenige Hundert bislang unversorgte Bewerber.

Obwohl die meisten Ausbildungen am 1. August beziehungsweise am 1. September gestartet sind, bedeutet das nicht, dass nun alle bislang unversorgten Schulabgänger erst 2021 eine neue Chance bekommen. „Der Ausbildungsmarkt ist robust. Wir werden jedem ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen eine echte Chance geben“, sind sich die Akteure der Ausbildungsinitiative Wesel – die Arbeitsagentur, Unternehmervertreter, Handwerks- und Handelskammer sowie Bildungsträger – einig.

Sie haben sich jetzt zum Abschluss der RP-Ausbildungsserie beim Spezialchemiekonzern Altana in Wesel getroffen, um Bilanz zu ziehen. Eines vorweg: Das Ziel der von Altana präsentierten Serie war es, jungen Leuten Wege aufzuzeigen, wie sie erfolgreich ins Ausbildungsleben starten können. Dies wurde erreicht und ist aktuell wichtiger denn je. Und deshalb wird die Arbeit und damit auch die Serie im nächsten Jahr fortgesetzt.

„Durch Corona konnten wir die Jugendlichen nicht, wie wir es eigentlich geplant hatten, verstärkt in den Schulen aufsuchen“, sagt Markus Brandenbusch von der Agentur für Arbeit in Wesel. Stattdessen habe man die jungen Leute telefonisch oder per Mail kontaktiert. In den vergangenen Wochen verstärkt in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer. „Wir haben so versucht die Jugendlichen zu motivieren, sich zu melden, so dass wir ihnen Möglichkeiten aufzeigen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen“, betont Brandenbusch.

Corona zwinge einen nun dazu, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man den Nachwuchs für Firmen sicherstellen könne und wie digitale Kanäle genutzt werden müssen, um Kontakt zu den Jugendlichen knüpfen zu können. Die Zahl der Bewerber ist übrigens im Vergleich zu 2019 weiter zurückgegangen. Das liegt auch daran, dass es zehn Prozent weniger Schulabgänger gab. Außerdem hält der Trend an, dass viele Jugendliche studieren oder auch einen höheren Schulabschluss anstreben.

Altana und ihre größte Tochter, die Byk-Chemie in Wesel, bilden aktuell in Wesel so viele junge Menschen in unterschiedlichen Berufen aus wie in den Vorjahren. „Mit unserem Engagement in der Ausbildungsinitiative wollen wir einen Beitrag über unser eigenes Ausbildungsangebot hinaus leisten und damit unseren Heimatstandort Wesel stärken“, betont Andrea Neumann von Altana.

Jürgen Kaiser von der IHK macht deutlich, dass die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen generell sehr groß sei, weil der Bedarf an Fachkräften steige. „Wenn wir jetzt ausbilden, können wir auch gestärkt aus der Krise hervorgehen“, ist Kaiser überzeugt. In 2021 wolle man verstärkt mit Hilfe von Telefon- und digitalen Speed-Dating-Aktionen dafür sorgen, dass sich potenzielle Arbeitgeber und Bewerber kennenlernen können. Auch wolle man verstärkt soziale Medien wie Instagram und Facebook nutzen.

Jutta Burandt, Teamleiterin im Jobcenter Dinslaken, bedauert, dass wegen Corona die wichtigen „Vier-Augen-Gespräche“ zwischen Beratern und Ausbildungsplatzsuchenden nicht möglich seien. Gespräche per Video seien aber meist nicht möglich, weil viele Jugendliche, vor allem aus finanziell nicht so gut gestellten oder aus Flüchtlingsfamilien, keine Computer oder Laptops hätten. An diesem Problem müsse gearbeitet werden.

Diese Meinung vertritt auch Rainer Henke, Geschäftsführer des Bildungsträgers Fachwerk in Moers. „Laptops sind die einzige Möglichkeit, eine Beratung mit mehr als zwei Teilnehmern in guter Qualität zu führen.“ Versuche mit Smartphones oder Tablets seien gescheitert. In der Runde war man sich einig, dass man den Kontakt zu den Jugendlichen über alle nur denkbaren Kanäle knüpfen müsse: Über Telefon, Mail, Whatsapp, Instagram & Co., um den gestiegenen Informationsbedarf befriedigen zu können.

Der Weseler Norbert Borgmann, stellvertretender Kreishandwerksmeister und Obermeister der Innung Heizung, Sanitär, Klima (HSK), beklagt, dass seiner Branche wegen Corona die Praktikanten fehlen würden. „Die Lehrlingszahlen sind auch deshalb nach unten gegangen, weil man die Jugendlichen nicht bei der praktischen Arbeit kennenlernen kann.“ Dass er selbst drei junge Leute eingestellt habe, liege daran, dass die Verträge vor Corona im Februar unterschrieben wurden.

Trotz der Pandemie hätten vor allem Dachdecker und das Baugewerbe derzeit keine Probleme, Nachwuchs zu finden, so Borgmann. Was alle Teilnehmer überrascht hat: Während in der Region wieder zwei Maßschneider- und zwei Messerschleifer-Lehrlinge eingestellt wurden, gibt es derzeit keinen einzigen jungen Menschen, der zum Fleischer bzw. zur Fleischereifachverkäuferin ausgebildet wird.

Während viele Friseure und Autowerkstätten bei der Ausbildung auf die Bremse treten, sieht das unter anderem in Hotellerie und Gastronomie anders aus, obwohl auch diese Branche durch Corona arg gebeutelt ist. Denn dort, weiß Markus Brandenbusch, sei man der Überzeugung, dass die Krise auch mal zu Ende gehen werde. „Fachkräfte sind nun mal gesucht. Und wenn man jetzt gute Lehrlinge haben kann, dann werden die auch ausgebildet.“

Martin Jonetzko, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbands (Duisburg), betonte zum Abschluss, dass es trotz unsicherer Perspektiven für unsere Volkswirtschaft wichtig sei, „dass Arbeitgeber das Thema Ausbildung auch zukünftig zur Chefsache machen. Der Fachkräftemangel der vergangenen Jahre sollte Mahnung sein.“ Und Jugendliche sollten auf keinen Fall den Kopf in den Sand stecken und „die Chancen der aktuellen Entwicklungen – Digitalisierung und diesbezügliche Ausbildungsberufe – sehen“.