Kreis Wesel: Fit werden für die Berufsausbildung

Jobcenter bieten Einstiegsqualifizierung : Fit werden für die Berufsausbildung

Die berufliche Einstiegsqualifizierung bietet Betrieb und Jugendlichen die Möglichkeit, sich vor einer Ausbildung kennenzulernen.

Wie ist der Berufsalltag, wie ist das Arbeiten, wie sind die Kollegen? Fragen, vor denen jeder steht, der eine Ausbildung sucht. Schließlich möchte man sich nicht für mehrere Jahre an einen Betrieb binden, nur um dann festzustellen, dass die Arbeit einem nicht zusagt und das Betriebsklima vergiftet ist. Und auch der Arbeitgeber hat ein Interesse daran, die angehenden Azubis kennenzulernen. Schließlich steckt er viel Zeit und Aufwand in deren Ausbildung.

Die betriebliche Einstiegsqualifizierung (EQ) kann dabei Abhilfe schaffen. Bei dem von Arbeitsämtern und Jobcentern unterstützten Programm, handelt es sich um ein Langzeitpraktikum von mindestens sechs bis maximal zwölf Monaten. Ziel der Übung ist genau das: Betrieben und Praktikanten erste Eindrücke des jeweiligen Gegenübers zu vermitteln. Inhaltlich orientiert sich das Praktikum an der entsprechenden Ausbildung. So wird zum Beispiel auch ein Besuch der Berufsschule – wie in der richtigen Ausbildung – angestrebt. Außerdem stellt der Arbeitgeber nach Abschluss der EQ ein betriebliches Zeugnis aus und die Handwerkskammer überreicht auf Antrag ein Zertifikat. Damit kann die Qualifizierung angerechnet und die Ausbildung verkürzt werden, wenn sie direkt an das Praktikum anschließt. Voraussetzung dafür ist, dass sowohl die Berufsschule, als auch der Ausbildungsbetrieb sich darauf einigen können. Kein schlechter Anreiz, schließlich münden rund 60 Prozent der Einstiegsqualifikationen in einer Ausbildung.

So auch bei Ahmad Almaani. 2015 kam der heute 23-jährige Syrer als Flüchtling nach Deutschland. Ein ganzes Jahr musste er abwarten, bis über seinen Aufenthaltsstatus geurteilt wurde. Dann konnte er endlich loslegen: Nach Sprachkursen und einem Zwischenstopp als Lagerarbeiter suchte er eine Ausbildung. Eine Bekannte hat ihn dann an die Schreinerei Kampen i Voerde-Spellen vermittelt. Das sei oft der Fall, sagt Uwe Dähnenkamp, Fallmanager U 25 des Jobcenters Kreis Wesel. Allein vom Jobcenter in Dinslaken würden jährlich 20 dieser Praktika bezuschusst. Vorrangig handele es sich um Flüchtlinge, die den Einstieg in handwerkliche Betriebe suchen. Da Almaanis Vater Schreiner sei, habe er in Syrien schon erste Erfahrungen im Beruf sammeln können. Anders als in Deutschland, werde dort aber wenig Wert auf Zertifikate gelegt. Auch die Verknüpfung von Arbeit im Betrieb und Lernen in der Berufsschule, so Almaani weiter, sei eine Umstellung gewesen. Besonders die Sprache mache ihm aktuell noch Probleme. Deshalb trägt er immer einen Zettel bei sich, auf dem er neue Vokabeln notiert. Das Zwischenfazit des Betriebs fällt dennoch sehr positiv aus: „Wir sind froh, dass wir ihn haben.“ Schon von Beginn an habe Almaani „akkurat, sauber und schnell“ gearbeitet, so Patrick Prahl von der Schreinerei Kampen.

Prahl beklagt einen „echten Schwund an Lehrlingen.“ Problematisch sei aber nicht nur die fehlende Menge an Interessenten, sondern auch eine oft zu beobachtende lässige Arbeitsmoral. Im Vergleich zu Almaani seien manche Bewerber „ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Um schlechte Erfahrungen für beide Seiten zu vermeiden, mache man also erst einmal ein Praktikum. Almaani scheint überzeugt zu haben. Nach seiner einjährigen EQ bei Kampen hat man ihm dort direkt eine Lehrstelle angeboten. „Bei ihm könnte ich mir durchaus vorstellen, ihn länger hier zu halten“, betont Prahl. Aktuell ist der Syrer hauptsächlich im Akustikbau tätig. Dabei handelt es sich aber nicht um Instrumentenbau – wie Laien vermuten könnten – sondern um Schallschutz. Decken, Wände und Böden für den Trockenbau.

Der Möbelbau habe hingegen immer mehr an Bedeutung verloren, erzählt Prahl. Preislich könne man mit großen Ketten zwar mithalten, obendrein sogar noch Maßanfertigungen liefern. Aber dass man Möbel nicht nur bei Ikea kaufen kann, sei in den Köpfen der meisten Kunden nicht mehr präsent. Trotzdem spiele der Möbelbau in der Ausbildung  nach wie vor eine Rolle. Selbst wenn das Werkstück dann im Keller verschwindet, sei es notwendige Abwechslung und vornehme Übung.

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