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Kreis Wesel: Die Zahl der Kirchenaustritte ist weiter gestiegen

Im Kreis Wesel : Zahl der Kirchenaustritte auf Rekordhoch

Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Nach Angaben des Bistums Münster haben 2019 im Kreis Wesel genau 1864 Katholiken ihren Austritt erklärt – 461 mehr als 2018. Ähnlich ist die Situation in der evangelischen Kirche.

Im Kreis Wesel lebten im vergangenen Jahr 202.773 Katholiken. Das geht aus der jüngsten Statistik des Bistums Münster hervor, die die Bischöfliche Pressestelle jetzt veröffentlicht hat. 1864 Menschen haben 2019 ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklärt, 461 mehr als ein Jahr zuvor (plus 33 Prozent). Gesunken ist auch die Zahl der Menschen, die Wochenenden einen Gottesdienst besuchen. Mit durchschnittlich 12.338 Gottesdiensteilnehmen waren es 2019 insgesamt 759 weniger Menschen als im Vorjahr. Die Zahl der Taufen ist um 14 auf 1367 gesunken, die der Erstkommunionen um 71 auf 1308. Positiv hingegen ist die Entwicklung bei der Firmung: 954 Mal wurde das Sakrament gespendet – 360 Mal mehr als 2019. 320 Paare gaben sich in einer katholischen Kirche das Ja-Wort (minus 47). Ebenso rückläufig ist die Zahl der Bestattungen, die um 134 auf 2091 gesunken ist.

Domkapitular Stefan Sühling, Kreisdechant für das Kreisdekanat Wesel, sagt angesichts der Entwicklung: „Die erneut deutlich gestiegenen Austrittszahlen zeigen, dass wir viele Menschen ganz offensichtlich nicht mehr erreichen. Viele wenden sich ab, zornig über die in den vergangenen Monaten ans Licht gekommenen Missbrauchsfälle und enttäuscht von innerkirchlichen Diskussionen.“ Um nicht noch mehr Menschen zu verlieren, müsse man endlich wieder eine deutliche und verständliche Sprache sprechen und ebenso klar und eindeutig handeln. Genauso konsequent gelte es, so Sühling, „die Hausaufgaben zu machen. Wir brauchen beispielsweise Antworten auf die Frage, wie künftig Leitung in den Kirchengemeinden wahrgenommen wird.“ Dabei spiele auch der ehrliche Umgang mit dem dramatischen Mangel an Priestern sowie Seelsorgern eine wichtige Rolle. „Sonst spielen wir bald gar keine Rolle mehr in der Gesellschaft“, befürchtet Stefan Sühling, der auch Leitender Pfarrer von St. Nikolaus Wesel ist.

Doch nicht nur im Kreis Wesel gibt es immer mehr Gläubige, die der Amtskirche den Rücken zuwenden. Auch im Bistum Münster ist die Zahl der Austritte auf einen historischen Höchststand gestiegen: 16.654 Katholiken erklärten ihren Austritt, das waren 5212 mehr als im Vorjahr. Bisher hatte es im Jahr 2014 mit 11.859 die höchste Zahl an Kirchenaustritten gegeben. 292 Personen, die sie früher einmal verlassen hatten, traten im Bistum Münster 2019 wieder in die katholische Kirche ein; hinzu kamen 190 Eintritte aus anderen christlichen Konfessionen.

Dass bundesweit die Zahlen der Kirchenaustritte sprunghaft angestiegen sind (jeweils etwa 270.000 Austritte aus der katholischen und der evangelischen Kirche), beklagt auch Wesels Superindendent Thomas Brödenfeld für die evangelische Kirche. Auf Anfrage sagt er: „Die aktuellen Zahlen werfen ein beunruhigendes Licht auf die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen insgesamt. Spätestens seit der Veröffentlichung der Freiburger Studie im vergangenen Jahr, die von beiden großen Volkskirchen in Auftrag gegeben wurde, ist den Kirchen klar, dass sich durch den demographischen Wandel und ein verstärktes Austrittsverhalten die Gemeindegliederzahlen deutlich nach unten bewegen werden.“ So gehe die Freiburger Studie davon aus, dass die beiden Volkskirchen im Jahr 2060 nur noch die Hälfte ihrer bisherigen Mitglieder haben werden.

 „Wir stellen fest, dass einerseits Glaube und Kirche an Relevanz verlieren, gleichzeitig aber auch eine Sehnsucht nach Orientierung und Vergewisserung vorhanden ist. Das mag zunächst ein Widerspruch sein, kann aber auch eine Chance für die Kirche sein“, so Brödenfeld. Man müsse sich immer wieder neu fragen, „wie wir Kirche für die Menschen sein können. Was brauchen die Menschen jetzt an Angeboten und Antworten? Und was erwarten sie noch von den Kirchen?“

Die beiden großen Kirchen würden, so Brödenfeld weiter, sehr intensiv an den weiterführenden Fragen der Freiburger Studie arbeiten, um noch besser zu verstehen, warum Menschen die Kirche verlassen. „Resignation angesichts der Austrittszahlen in Deutschland 2019 kann ich für die evangelische Kirche nicht ausmachen. Eher schon den Impuls, die vorhandenen Dienste und Angebote in Seelsorge, Gottesdiensten, Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Seniorenarbeit, Diakonie und Weltengagement noch profilierter und überzeugender zu entwickeln und zu gestalten“, so Brödenfeld.

(pbm/cp/kwn)