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Kolumne von Wesels Superintendent Thomas Brödenfeld zum Thema Herbst

Kolumne : Der Zauber des Herbstes

Nur neun Prozent der Deutschen, so hat eine Umfrage ergeben, lieben den Herbst. Thomas Brödenfeld, Superintendent des Kirchenkreises Wesel, kann das nicht so ganz verstehen. Denn für ihn ist der Herbst wie ein Geschenk, das nur darauf wartet, geöffnet zu werden.

Ein letztes Mal noch zeigte der Sommer in dieser Woche seine unbändige Kraft, bäumte sich auf und schickte Temperaturen von über 30 Grad ins Land. Aber die Vorboten des Herbstes sind unübersehbar. Nach dem meteorologischen Herbstanfang bereits am 1. September, beginnt der kalendarische Herbst am 22. September. Schon wird es am Abend früher dunkel und in der morgendlichen Dämmerung sind Nebelbänke auf den Feldern zu sehen. Nicht wenige Menschen fragen sich, wie das nun wird, mit Corona in der kühlen Jahreszeit. Wo im Sommer viele Dinge möglich waren an frischer Luft und bei geöffneten Fenstern, schaudert manchem jetzt bei dem Gedanken an Besprechungen und Sitzungen im Durchzug und bei herbstlichen Temperaturen. Dabei können wir auch in den bevorstehenden Monaten dem Coronavirus durch konsequentes Maskentragen, durch Abstandhalten und Rücksichtnahme immer eine Nasenlänge voraus sein. Andere fürchten den Herbst-Blues, das alljährliche Stimmungstief von Oktober bis zum Frühling.

In einer aktuellen Umfrage gaben nur neun Prozent der Befragten an, dass der Herbst ihre Lieblingsjahreszeit ist. Aber mit solchen Gedanken allein tun wir dem Herbst unrecht. Denn er ist eine wunderschöne Jahreszeit, die demjenigen, der sich darauf einlässt, viele Zauber offenbart. Der Herbst entschleunigt und lädt ein, zu tun, was wir uns oft vor rastloser Fremdbestimmtheit versagen: einen Drachen steigen lassen, Äpfel pflücken, mit den Füßen Laub aufwirbeln, Kastanien sammeln, spritzend durch Regenpfützen stapfen, Federweißer trinken, die Herbstsonne genießen, schweigend durch den Nebel wandern, Kürbissuppe kochen, ein Vogelhaus bauen, Pflaumenkuchen essen, Erntedank feiern, der Verstorbenen gedenken….

In einer Gesellschaft, die besessen ist von der Idealvorstellung der ständigen Aktivität, in der der Mensch kaum Zeit findet, bei sich selbst zu bleiben, sind die kalten Jahreszeiten eine Notbremse. Der Herbst legt dem Menschen eine Stille auf, die ihn zwingt, die Aufmerksamkeit vom belanglosen Geplapper der Gartenpartys wieder auf die Auseinandersetzung mit sich selbst zu richten. In diesem Sinne ist der jetzt beginnende Herbst ein wunderbares Geschenk, dass nur darauf wartet, ausgepackt zu werden.