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Kolumne Himmel & Erde von Pfarrer Thomas Brödenfeld.

Kolumne Himmel & Erde : Sekundenglück in Zeiten von Corona

Kann, ja darf man in diesen Zeiten der weltweiten Corona-Krise mit ihren bedrückenden Bildern um ihr Leben kämpfender Menschen und besorgniserregenden Berichten über bedrohte Arbeitsplätze solche Glücksmomente erfahren und genießen?

Mit seinem Lied „Sekundenglück“ landete Herbert Grönemeyer im Jahr 2018 wieder einen ganz großen Hit: „Und du denkst, dein Herz schwappt dir über / Fühlst dich vom Sentiment überschwemmt / Es sind die einzigartigen tausendstel Momente / das ist, was man Sekundenglück nennt“.

In dem zu dem Song produzierten Video zeigen Fans und Freunde von Herbert Grönemeyer, wie sie selber Glücksmomente, also „Sekundenglück“ erfahren und empfinden. In zahlreichen Video­schnipseln ist dort zu sehen, wie Menschen vom Glück beseelt am Strand die Meereslinie entlanglaufen, Kinder begeistert in einer Pfütze herumspringen, Schmetterlinge auf einer Blumenwiese umherfliegen; liebevolle Umarmungen vor großartigen Panoramen gibt es da, wunderbare stimmungsvolle Sonnenuntergänge, lachende Babys und strahlende Brautpaare und ein Mädchen, das ganz bei sich auf einer Schaukel, die an einem Ast baumelt, vor sich hin träumt.

Kann, ja darf man in diesen Zeiten der weltweiten Corona-Krise mit ihren bedrückenden Bildern um ihr Leben kämpfender Menschen und besorgniserregenden Berichten über bedrohte Arbeitsplätze solche Glücksmomente erfahren und genießen?

Bei allem, was unser bisher gewohntes Leben beeinträchtigt, gibt es aber auch noch genau das: Glücksmomente, Sekundenglück. Das erste Eis unter warmen Sonnenstrahlen nach den langen Herbst- und Wintermonaten. Das Zwitschern der Vögel im Garten, das deutlich wie lange schon nicht mehr zu hören ist, weil viel weniger Autos unterwegs sind. Rücksichtsvolle Mitmenschen an der Supermarktkasse, die geduldig vor und hinter einem warten, ohne zu drängeln. Der winkende Gruß der Nachbarn.

Lange Telefongespräche mit Familie und Freunden, entschleunigt und ohne Hast. Päckchen mit kleinen Aufmerksamkeiten, damit man selber besser durch diese Zeit kommt. Verabredungen, noch unterminiert, aber mit der klaren Botschaft, wir sehen uns wieder, wenn alles besser ist. Ein Glas Wein abends auf der Terrasse. Erinnerungen an den letzten Sommerurlaub am Meer. Sekundenglück braucht nicht viel. Sekundenglück verdrängt und vergisst nicht die Not und das Leid der anderen.

Sekundenglück ist der Kontrapunkt zum Hier und Jetzt, der uns aushalten und weiterhoffen lässt, eben das große Glück im Kleinen. Für diese „einzigartigen Tausendstel-Momente“ lohnt es sich auch in diesen Zeiten zu leben.

Thomas Brödenfeld