Weseler Kolumne Die Natur – eine echte Lebensschule

Die Auenlandschaft am Zusammenfluss von Lippe und Rhein hat eine große Anziehungskraft. Es ist eine Landschaft in beständigem Wandel. Hier wird ein Lebensgesetz spürbar.

 Stefan Sühling, Leitender Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus Wesel

Stefan Sühling, Leitender Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus Wesel

Foto: Fritz Schubert

Sofort nachdem ich den etwas versteckten Zugang an der Rheinbrücke entdeckt hatte, war die „Runde“ über den Fahrradweg im Lippemündungsraum für mich zum festen Bestandteil meines Freizeitrepertoire geworden. Gerade einmal zehn Jahre ist diese Auenlandschaft am Zusammenfluss von Lippe und Rhein alt. Sie hat, nicht nur für mich, eine große Anziehungskraft und besonderen Reiz.

Jedes Mal führt der Weg durch den Lippemündungsraum mich in eine andere Welt. Im vergangenen Frühjahr – im trockenen Hochsommer 2019 kaum noch vorstellbar – überschwemmte Wasser die Wiesen. In diesen Wochen hinterlässt die Trockenheit ihre Spuren. Nicht nur die großen Wechsel beim Wasserstand, auch in den vielen kleinen Veränderungen wenn im Frühling das erste zarte Grün sprießt oder im Herbst die Blätter die Landschaft vielfarbig gestalten.

Und dann die für mich unübersehbare Vielfalt der Vögel und Tiere. Faszinierend im Vorbeifahren zu beobachten: Der Lippemündungsraum ist eine Landschaft im beständigen Wandel. Immer wieder entsteht Neues, wächst auf, blüht und vergeht wieder – macht so Platz für Neues. Werden, wachsen und vergehen formt die Landschaft und macht die Lebendigkeit der Aue aus. Hier wird ein Lebensgesetz spürbar: Der beständige Wandel macht Leben erst möglich.

Die Runde durch die Aue bringt mich mit diesem Lebensgesetz unmittelbar in Kontakt und hilft mir verstehen: Die großen und kleinen Veränderungen in meinem Alltag, die ich oft als unnötige Zumutung erlebe, gehören dazu, ja machen das Leben erst aus. Natürlich würde ich manchen Moment gern festhalten, manchen Menschen nicht gehen lassen. Aber auch für mich gilt das Lebensgesetz vom beständigen Wandel, der mich lebendig und im Leben hält.

Die Runde durch den Lippemündungsraum ist für mich nicht nur ein faszinierendes Naturerlebnis, sondern auch eine echte Lebensschule geworden und ich beginne zu verstehen, was Jesus meint, wenn er sagt: „Wer sein Leben behalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben verliert, (also dem Gesetz des Werdens im Wandel überlässt) wird es gewinnen.“

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