Kieslobby: Städte im Kreis Wesel schlagen Einladung aus

Wesel: Städte geben Kiesbranche einen Korb

Die Niederrhein-Kiesindustrie hatte Einladungen an alle Städte und Gemeinden im Kreis verschickt. Ziel war, über potenzielle Abgrabungsgebiete zu sprechen. Nur Wesels Bürgermeisterin sagte zu, alle anderen ab. Die Konferenz wurde abgesagt.

Es ist ein Zeichen verhärteter Fronten, aber auch ein Signal dafür, dass die Kiesbranche am Niederrhein derzeit nicht den besten Ruf genießt. Für Freitag hatte der Branchenverband Vero, dem die mittelständisch geprägte Kiesindustrie des Niederrheins angehört, zu einem Kiesgipfel in das Weseler Welcome-Hotel geladen. Gemeinsam mit allen Bürgermeistern des Kreises wollte die Branche, unter anderem Michael Hüging-Holemans vom Reeser Unternehmen Holemans und Christian Strunk vom Weseler Unternehmen Hülskens, über mögliche Kies-Abgrabungsgebiete sprechen. Die Ergebnisse sollten nachher in einer Pressekonferenz vorgestellt werden. Die Presse kam pünktlich um 12 Uhr, allein. Kein Vertreter der Kommunen war da.

Nur Wesels Bürgermeisterin Ulrike Westkamp (SPD) hatte im Vorfeld die Teilnahme zugesagt. Wesel gilt ohnehin als der Kiesbranche zugetan. Aus den anderen Rathäusern hingegen habe es ausnahmslos Absagen gegeben, teilte Christian Strunk mit. Da habe man mit der Weseler Bürgermeisterin abgesprochen, dass ihre alleinige Präsenz bei dieser Konferenz keinen Sinn mache. Die Einladungen seien schon vor fünf Wochen rausgegangen – die Absagen seien in den Tagen danach gekommen. Dabei, so Strunk, hätten ja nicht die Städtechefs selbst kommen müssen; auch die Mitarbeiter der Planung wären willkommen gewesen.

An vielen Stellen am Niederrhein wird derzeit über geplante Kiesabgrabungen gestritten. Anlass ist der neue Regionalplan, den der Regionalverband Ruhr (RVR) erstellt. Er hat manche Abgrabungsgebiete in diesem Plan notiert, die die Kiesindustrie nicht will. Die Kiesbranche wiederum will andere Abgrabungen dort, wo ohnehin schon Kieswerke stehen, etwa in Pettenkaul bei Ginderich. Auch Vahnum bei Bislich sei eine Option, sagte Christian Strunk. Aus Sicht von Strunk und Hüging-Holemans sind an manchen Stellen die Sorgen der Bürger vor Abgrabungen unberechtigt. In Kamp-Lintfort im Bereich Wickrather Feld gebe es gar kein Interesse von Hülskens. Eine Liste aber, aus der ersichtlich ist, wo die Kiesbranche künftig abbauen will und auf welche der im Regionalplan verzeichneten Flächen sie verzichten könnte, wollen Strunk und Hüging-Holemans nicht erstellen. Das würde ihnen die Chancen verbauen; wenn manche Kiesgrube doch nicht ausgehoben werden kann.

Auf konkrete Regionen angesprochen, hielten die Kies-Bosse ihre Pläne nicht zurück, sondern spielten mit offenen Karten. In Moers im Bereich Kohlenhuck ist eine erweiterte Abgrabung kleinerer Art geplant. In Rheinberg sehe man Potenzial im Bereich Wolfskuhlen. Auch in Hünxe seien Erweiterungen Thema, aber nicht im Regionalplan enthalten, erklärte Christian Strunk. In der Bönninghardt bei Alpen hingegen sei der Boden „sehr sandlastig“, damit weniger attraktiv für Kiesabbau. Das Problem: Wenn Abbaugebiete im Regionalplan identifiziert sind, kann am Ende auch ein nicht der Branche angehörendes Unternehmen kommen und abgraben. Deshalb setzt Vero auf Dialog und Einvernehmen mit den Kommunen.

Aus Sicht der Kiesbranche ist die Reaktion der Städte gerade deshalb fatal. Am Freitag wiesen Christian Strunk und Michael Hüging-Holemans sowie Raimo Benger als Hauptgeschäftsführer des Verbandes Vero auf den dringend nötigen Bedarf von Kiesmengen hin. Die Kommunen seien selbst Abnehmer des Kieses, bräuchten ihn etwa für Straßenbauprojekte vor Ort. „Wie sollen sonst noch Straßen gebaut werden?“, fragt Strunk. Die jetzt genehmigten Kiesabbaugebieten am Niederrhein seien endlich. 13 Unternehmen mit 27 Kieswerken gebe es in der Region, rechnete Michael Hüging-Holemans vor. „Nach jetzigem Stand verschwinden in fünf Jahren die ersten elf und in den weiteren fünf Jahren die nächsten elf Werke“, erklärt er. Die Potenziale des Recyclings seien nicht unendlich, erklärten Strunk und Benger. Von einer 90-prozentigen Recyclingquote spricht die Branche: „90 Prozent der mineralischen Bau-Abrissstoffe werden recycelt, diese ersetzen zwölf Prozent der benötigten mineralischen Rohstoffe“, sagt Strunk. Selbst wenn alle Bauabfälle in den Kreislauf zurückgehen würden, könnten nur 13 Prozent der Rohstoffe ersetzen werden. Und noch eine Zahl nannte Strunk: „Der Pro-Kopf-Verbrauch von Kies und Sand liegt umgerechnet bei 18 Kilogramm pro Tag.“

Raimo Benger betont, dass nicht alle Flächen, die im Regionalplan enthalten sind, tatsächlich am Ende auch Abgrabungsgebiete würden. Nach seiner Erfahrung würden maximal zwei Drittel der im Plan enthaltenen Abgrabungen tatsächlich realisiert. „Wir sind auf Dialog mit den Kommunen ausgerichtet“, betonte Raimo Benger. Das Gesprächsangebot mit den Kommunen gelte weiterhin.

(sep)
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