1. NRW
  2. Städte
  3. Wesel

Wesel: "Kein Haus mehr, nur der Dom ganz nah"

Wesel : "Kein Haus mehr, nur der Dom ganz nah"

Zeitzeugin Hilde Jürgensen erzählt vom 16. Februar 1945 - jenem schicksalhaften Tag heute vor 72 Jahren, als das alte Wesel dem Erdboden gleichgemacht wurde und dem weitere schwere Luftangriffe und Bombardements folgen sollten.

Freitagmorgen um sechs Uhr steigt die 17-jährige Hilde Jürgensen auf ihr Rad, um ins nahegelegene Wesel zu fahren. Acht Kilometer muss sie radeln - vom Elternhaus am Bislicher Wald bis zur RWE-Hauptverwaltung im Stadtzentrum. Erst vor drei Tagen hat die frisch gebackene Kauffrau beim RWE in Wesel ihren ersten Anstellungsvertrag unterschrieben. Sie ist aufgeregt, will pünktlich sein. Mit Tempo geht's über die Reichsstraße 8 (B 8) und den Herzogenring Richtung Innenstadt. Es ist der 16. Februar 1945. Der Krieg ist nähergekommen. Jeder weiß, dass sich Briten und Amerikaner der linken Rheinseite nähern. Hilde Jürgensen erzählt heute, wie sie jenen Tag vor 72 Jahren erlebt hat:

"Ganz ahnungslos war ich an diesem Morgen, fuhr wie sonst auch über die B 8, sieben Uhr war Dienstbeginn, es war alles in Ordnung, ich stellte mein Rad im RWE-Hof an der Viktoriastraße ab. Unser Büro war in der dritten Etage. Die Buchungsmaschinen standen aber wegen der Bombengefahr schon im Keller.

Vormittags Fliegeralarm, da gab's den ersten kleinen Angriff. Es fielen einige Bomben, aber eher in der Ferne, nicht so, dass wir beängstigt waren. Weiter passierte nichts. Nur der Strom fiel aus. Ich saß gerade im Keller - ich war ja im Lohnbüro beschäftigt - an so einer Riesen-Buchungsmaschine. Mit der wurden die Lohnzettel gedruckt. Man konnte also nichts mehr machen.

  • Auch gefälschte Impfausweise gefunden : Drei Festnahmen bei Drogenrazzia im Großraum Oberhausen
  • Ein Abstrichstäbchen wird in einer ambulanten
    Aktuelle Zahlen zur Pandemie : Corona – das ist die aktuelle Lage im Kreis Wesel
  • Ein leeres Wartezimmer (Symbolbild): Ein Patient
    Patient von Erlebnis nachhaltig irritiert : Corona-Beschwerde über Arztpraxis in Wesel

Am frühen Nachmittag zwischen 14 und 15 Uhr saß ich wieder im Keller an der Buchungsmaschine, da heulten die Sirenen erneut. Wieder war der Strom weg, die Maschine stand still. Ich sagte zu meinem Abteilungsleiter Herrn Wolters, dass ich ja eigentlich schon nach Hause fahren könnte, schließlich wär' ja doch kein Strom da. Mit dem Fahrrad würde ich es vielleicht noch schaffen, aus Wesel herauszukommen. Der Abteilungsleiter hat Nein gesagt, das könne er nicht verantworten, man wisse ja nie, was noch käme.

Gegen 16 Uhr kam der Großangriff. Inzwischen waren alle in den Keller gekommen. Die Decke war mit alten RWE-Masten abgestützt. Das war uns schon bald lästig. Jeden Quadratmeter hatten wir so eine Stütze vor uns, aber schließlich haben diese Stützen uns das Leben gerettet. Und als dann alle da unten versammelt waren, sagte mein Kollege, er habe noch Unterlagen in seiner Aktentasche, die oben im Büro liege. Ich sagte ,Gut, ich hab auch noch meine Schuhe da und meine Tasche, dann lauf ich eben rauf und hol die runter.' Ich stand oben im Lohnbüro - und wir hatten das Radio damals immer eingeschaltet - da schallte es dann aus dem Lautsprecher: ,Achtung, Achtung, im Raume Wesel befinden sich mehrere schwere Verbände im Anflug auf die Stadt Wesel, höchste Gefahr!' Der Strom war inzwischen wieder eingeschaltet. Da hab ich noch zu dem Radio gesagt ,Na, seh'n wir uns wieder, oder soll ich dich mitnehmen?' Ich hab gedacht, nein, höchste Gefahr, schnell herunter. Also hastete ich die drei Etagen über die Treppen herunter, und dann fielen schon die ersten Bomben. Ich war gerade im Keller. Die Bänke, auf denen wir längs der Wände saßen, hoben sich bei den Erschütterungen, obwohl die voll besetzt waren. Staub, und Dreck und Kalk kam von den Wänden. Man kriegte kaum noch Luft, sehen konnte man nichts. Aber wir hatten dort vorsichtshalber einen großen Kübel mit Wasser stehen. Ich hatte eine Trainingshose, die ich morgens bei der Kälte auf dem Rad übergezogen hatte, dabei. Die hab ich dann in den Kübel getaucht, ganz nass gemacht, ausgewrungen, die Beine langgezogen und dann allen Leuten neben mir gereicht, damit sie ein feuchtes Tuch vor dem Gesicht hatten, so dass man wieder etwas atmen konnte. Das Ganze dauerte eine Ewigkeit. Man meint ja, das ist eine Ewigkeit, wenn die Bomben ständig fallen. In Wirklichkeit war es nur eine halbe oder Dreiviertelstunde. Aber die reichte dann.

Die Eingangstür war bombensicher verriegelt worden. Und bei den Einschlägen über uns ist diese Tür aufgesprengt worden. Es war ein Haufen Trümmerschutt durch die Türöffnung hereingerutscht. Und als es für einen Moment still war, wollte ich mal sehen, wie's draußen aussah und kletterte diesen schrägen Schutthaufen hinauf. Aber dann fielen schon gleich wieder die nächsten Bomben, und ich bin vom Luftdruck zurück in den Keller gedrückt worden. Bei einem der Bombeneinschläge ist ein Kollege im Keller getötet worden. Eine Verbindungstür zu einem Geräteraum war durch den Luftdruck aus der Angel gerissen worden und traf ihn.

Als alles vorbei war, konnten wir über Notausgänge aus dem Keller heraus. Man hatte vorher Tunnel gebaut vom Keller aus, die irgendwo auf dem Gelände des RWE endeten. Das waren dicke Beton-Rohre von einem Meter Durchmesser. Durch die musste jeder kriechen auf Händen und Füßen - bis in die Freiheit. Und dann hieß es: wieder zurück, Tiefflieger. Das ging so ein paar mal hin und her. Diesen Anblick vergesse ich nicht: Ich kam aus diesem Rohr, schaute mich um und sah kein Haus mehr, nur den Dom ganz nah vor mir - so erschien es mir jedenfalls. Kein Haus, kein Straßenzug, nichts, nur der Willibrordi-Dom, der stand noch in ganzer Größe.

Ich habe gar nicht denken, nur noch staunen können. Hotel Escherhaus war weg, Hotel Kaiserhof war weg, rundherum alles platt. Mein Arbeitskollege Ernst Hasenkamp suchte nach seinem Fahrrad. Wo unsere Fahrräder standen, waren jetzt Bombentrichter. ,Ja dann müssen wir eben laufen', sagte er. Er musste nach Blumenkamp, ich nach Diersfordt, wir gingen also ein Stück zusammen.

Ernst konnte nicht so schnell laufen, er war schwer kriegsgeschädigt, ihm war ein Oberschenkel abgenommen worden. Wir gingen zuerst durch den Isselgraben - immer wieder hörten wir Tiefflieger - und dann über den Friedhof. Da kam dann ein regelrechter Tieffliegerangriff - auf uns. Ernst rief, ich solle mich hinter einen Stein werfen. Und ich hab mich dann dort, wo ich stand, ganz schnell an die nächste Steinplatte gekauert. Ganz nah bei uns schlugen die Geschosse aus den Bord-MGs ein. Da wurde mir das Herz dann doch wieder richtig eng; man hat schon andere Empfindungen, wenn einem der Tod so nahe ist. Vier, fünf Mal haben wir da hinter den Friedhofssteinen Schutz gesucht. Man kam gar nicht weg. Ein Tiefflieger nach dem andern tauchte auf. Eine Tochter eines Arbeitskollegen ist an diesem Nachmittag auf dem Nachhauseweg von Tieffliegern erschossen worden. Wir beide haben den Angriff überstanden, kamen zum Drüner Weg. Dort hatten wir Bekannte. Da habe ich angeklopft und um ein Fahrrad gebeten, um schnell nach Hause zu kommen. Meine Mutter war dann ja auch in Unruhe: Mein Vater war 1942 als Soldat gestorben, mein Bruder hatte in Stalingrad gekämpft, war nur 20 Jahre alt geworden und ein halbes Jahr nach meinem Vater im Lazarett verstorben. Mutter hatte nur noch mich.

Am 18. oder 19. Februar bin ich morgens in der Früh dann noch einmal nach Wesel gefahren. Die drei Geschosse des RWE-Hauptverwaltungsgebäudes waren am 16. Februar dem Erdboden gleichgemacht worden. Ich musste aber wissen, wie es weitergeht, musste beschäftigt sein und wollte beim RWE bleiben. Irgendjemand von der RWE-Leitung, das hab ich geahnt, muss dort sein, um Nachrichten weiterzugeben. Denn es hatte ja vorher geheißen, dass die RWE-Verwaltung evakuiert wird, Treffpunkt für Mitarbeiter sollte Wesel-Viktoriastraße oder das Kraftwerk in Obrighoven sein. Ich bin wieder die B 8 entlanggefahren. Dort, wo später die Ziegelei Block war, ging's von der B 8 aus in so ein Wäldchen und dann noch weiter herunter. In der Aue sah ich deutsche Soldaten liegen. Tot. Einer hatte keinen Kopf mehr, das war ein furchtbarer Anblick. Ich bin nicht durch die Stadt gefahren, sondern hinten herum, Richtung Nordglacis, im Schutz der Bäume, um so zur Viktoriastraße zu kommen. Durch die Stadt konnte man auch gar nicht fahren in diesen Tagen. Da konnte man nicht einmal laufen."

Vor dem zerstörten RWE-Gebäude an der Viktoriastraße erhält Hilde Jürgensen die Nachricht, dass sie nun ihren Dienst auf dem Gut Lohse in Blumenkamp fortsetzt. Dort ist jetzt das Lohnbüro des RWE untergebracht. Andere Abteilungen waren schon einige Zeit vorher zum Kraftwerk Niederrhein nach Obrighoven ausgelagert worden. Ein Evakuierungsplan des RWE für die weitere Verlagerung der Verwaltung ins Landesinnere steht bereits.

(RP)