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Wesel: Karneval zwischen Lärm und Lust

Wesel : Karneval zwischen Lärm und Lust

Wie laut darf der Spaß an der Freud' sein? Der aus Wesel gebürtige Dr. Matthias Latzel (46) hat getestet, wie gesundheitsschädlich es sein kann, wenn der Jeck etwas auf die Ohren bekommt. Außerdem: Wesels Rosenmontagszug nimmt einen neuen Weg. Die RP zeigt die aktuelle Strecke.

Wer am Niederrhein an Lärm denkt, der denkt automatisch an die Betuwe. Bekanntlich kamen die Güterzüge beim RP-Lärmtest auf gute 90 Dezibel (dB). Doch das ist offenbar gar nichts im Vergleich zum Lärm, den der Karneval verursacht. Bei Tusch, Musikkapellen und Helau-Rufen gibt es offenbar ordentlich was auf die Ohren. Dass der närrische Geräuschpegel echter Stress für die Ohren sein kann, weiß Dr. Matthias Latzel.

Der 46-jährige Weseler ist Leiter der audiologischen Abteilung der Firma Phonak, Deutschland, und kennt sich mit den Auswirkungen von Lärm bestens aus. "Die durchschnittliche Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei 120 Dezibel", erklärt Dr. Matthias Latzel. Er testete verschiedene närrische Krachmacher in seinem Studio für die Initiative "Hear the World". Sein Ergebnis: Die Jecken sind scheinbar schmerzfrei, denn schon eine Trillerpfeife kommt auf 121 dB. Nicht mal beim Trinken hat der Jeck seine Ruhe: Allein das Anstoßen mit zu einem Drittel gefüllten Biergläsern verursacht einen Lärm von über 110 dB. Ein Holz-Tambourin scheppert mit 122 dB — ein Presslufthammer (125 dB) ist kaum lauter. Der Unterschied ist natürlich, dass beim Glasanstoßen das Geräusch kurz ist, während ein Presslufthammer über längere Zeit das Ohr peinigt.

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Eine Trompete schmettert gute 125 dB, ein platzender Luftballon ist mit 128 dB sogar noch lauter. Der Spitzenreiter unter den jecken Krachmachern ist jedoch die Konfetti-Pistole mit 132 Dezibel. Zum Vergleich: Beim Halderner Open-Air herrschen an den Boxen etwa 130 db. "Ich würde daher bei Konzerten zum Hörschutz raten", sagt der Experte. Ansonsten müssen Konzert-Besucher noch einige Zeit mit einem Pfeifen im Ohr leben.

Und Hörschutz im Karneval scheint durchaus auch angebracht, denn ein Spielzeuggewehr der kleinen Narren bringt es auf 116 dB. Eine Spielzeugpistole liegt sogar bei 128 dB stellte Dr. Latzel in seinem Labor fest — ein echter Revolver ist mit 155 dB allerdings noch lauter.

Trotz des Lärms im närrischen Treiben will Dr. Matthias Latzel auf den Karneval nicht verzichten. Verkleiden gehört für ihn ebenso dazu wie Karnevalsschlager. Immerhin hat er mal in Köln gewohnt. Seine Frau und seine Mutter sind auch schon beim Weseler Rosenmontagszug mitgezogen — echte närrische Gene offenbar. Für alle, die jetzt Bedenken wegen des Lärms im närrischen Treiben haben, hat der Experte ein Trostpflaster parat. Viel schlimmer als ein lauter Tusch ist eine Ohrfeige. Die schädigt doppelt: Einmal durch den Schmerz und dann durch den lauten Knall, der aufs Trommelfell schlägt.

(RP)