Kampf gegen invasive Arten Wieso es der Edelkrebs am Niederrhein so schwer hat

Wesel · Ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft: Immer mehr invasive Arten setzen der heimischen Flora und Fauna bedrohlich zu. Sichere Refugien werden selten. Der Edelkrebs gibt ein mahnendes Beispiel.

 Der Edelkrebs beziehungsweise Europäische Krebs ist streng geschützt. Aus den USA eingeschleppte Artgenossen drohen ihn zu verdrängen.

Der Edelkrebs beziehungsweise Europäische Krebs ist streng geschützt. Aus den USA eingeschleppte Artgenossen drohen ihn zu verdrängen.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Flusskrebse sind was Feines. In einem dicken Bärlauchsüppchen machen sie sich ebenso gut wie in allerlei Nudelgerichten. Die heutige Delikatesse für Feinschmecker war früher ein Arme-Leute-Essen. Was als Edelkrebs oder Europäischer Flusskrebs bezeichnet wird, ist mittlerweile tabu. Die einheimische Art ist stark bedroht und steht unter Schutz. Anders sieht es mit den größten Feinden aus Übersee aus. Denn invasive Arten wie der Rote Amerikanische Sumpfkrebs breiten sich aus und dezimieren den europäischen Verwandten. Die eingeschleppte Art verbreitet die Krebspest, gegen die sie selbst resistent ist. Aber es gibt Hoffnung für den Ureinwohner. Zum einen gibt es Helfer wie das Edelkrebsprojekt NRW, zum anderen mögliche Refugien wie heimische Baggerseen.

Harald König, Vorsitzender des Angel-Sport-Vereins Wesel (ASV), kann sich noch gut an die Rheinhochwasser seiner Jugendjahre erinnern. „Da stand das Wasser bis an die B 8, und hinterher war alles voller Krebse“, berichtet König. Unterdessen sind die (Deich-)Landschaften verändert und die US-Einwanderer auf dem Vormarsch. Vereine wie der ASV versuchen, die Amerikaner kleinzuhalten. „Wir haben auch Taucher in unseren Reihen“, sagt Harald König. „So weit es uns möglich war, haben wir die fremden Krebse im Auesee aussortiert.“

Dem Edelkrebs hat es nicht geholfen. Er ist im Auesee nicht zu finden, sagt ASV-Jugendwart Martin Maschka, der in Hattingen die Wildnisschule Ruhrgebiet betreibt und im Edelkrebsprojekt NRW mitarbeitet.

Mit Zahlen zum Flusskrebsvorkommen kann die Biologische Station im Kreis Wesel nicht aufwarten. Geschäftsführer Klaus Kretschmer verweist bei der Anfrage unserer Redaktion auf Angler, denn man selbst stelle nur wenige gewässerkundliche Untersuchungen an. Schon weil dafür die Fachleute fehlten. Gleichwohl sieht Kretschmer eingeschleppte Arten wie die amerikanischen Flusskrebse kritisch und vermutet, dass sie im Kreis Wesel längst die Oberhand haben. „Einheimische Krebse mögen sauerstoffreiche Fließgewässer wie in den Mittelgebirgen“, sagt Kretschmer. „Aber die anderen wandern mit flussaufwärts und bringen dabei die Pest mit.“

Im Gespräch mit Klaus Kretschmer spielen auch Sichtungen eine Rolle, die unlängst entlang der Erft die Runde machten. Dort waren Rote Amerikanische Sumpfkrebse auf Wanderschaft auch im Stadtgebiet von Grevenbroich gesehen worden. Dortige Experten wie der Biologe Oliver Tillmanns wagten die Prognose, dass es an der unteren Erft mittlerweile keinen Edelkrebs mehr gebe. Historisch gesehen, sei Grevenbroich einmal ein Verbreitungsgebiet dieser Art gewesen.

Der Entwicklung Einhalt gebieten will das Edelkrebsprojekt NRW. „In den großen Flüssen und Kanälen gibt es schon lange keine heimischen Flusskrebse mehr, statt dessen amerikanische Arten“, sagt dessen Leiter Harald Groß. Der Niederrhein habe auch nicht mehr viele Vorkommen der heimischen Arten. „Da gibt es sowieso ein Süd-Nord-Gefälle. In den Mittelgebirgsregionen gibt es noch deutlich mehr Vorkommen als im Flachland und in Bayern mehr als in Schleswig-Holstein.“

Eine Ausnahme, so Groß weiter, könnten Baggerseen darstellen, wenn nicht schon durch den Menschen amerikanische Flusskrebse eingebracht wurden. „Noch flusskrebsfreie Baggerseen können für den Edelkrebs geeignet sein. Da haben wir schon sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt der Projektleiter. Man sei immer auf der Suche nach geeigneten Wiederansiedlungsgewässern für den Edelkrebs und habe 55 Gewässer seit 2016 neu besetzt. „Leider eher wenige am Niederrhein“, bedauert Harald Groß, dessen Team aktuell alle Hände voll zu tun hat. Denn es ist Besatzzeit. Träger des Edelkrebsprojektes sind der Fischereiverband NRW und der Naturschutzbund NRW.

Übrigens gibt es nicht wenige Zeitgenossen, die ganz pragmatisch mit invasiven Arten umgehen. Ob Wollhandkrabbe, Nutria, Nilgans, Waschbär oder Sumpfkrebs: Man kann sie alle essen.

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