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Hamminkeln: Internetsucht wird als Krankheit anerkannt

Hamminkeln : Internetsucht wird als Krankheit anerkannt

Die Reihe "SonntagMorgen" in der Dingdener Akademie Klausenhof spürt immer wieder neue gesellschaftliche Themen auf. Jan Dieris-Hirche berichtete dort vom Phänomen der Medienabhängigkeit.

Wer lange vor dem Bildschirm sitzt, bekommt eckige Augen. Eltern greifen manchmal zu eigentümlichen Bildern, wenn sie den Nachwuchs vom Computer loseisen wollen. Nutzt nichts, denn nicht Sprüche, sondern Regeln und Konsequenz sind die pädagogische Möglichkeit, Kinder und Jugendliche vor exzessiven Ausflügen in die digitale Welt abzuhalten. Wenn überhaupt, denn Internetsucht, worunter auch Computerspiele, soziale Netzwerke und Cybersex zu verstehen sind, hat Suchtpotenzial. Das neuzeitliche Phänomen ist vielschichtig, doch es gibt Heilungschancen, vom Computer loszukommen, wie Jan Dieris-Hirche weiß. Er war jetzt zu Gast in der Reihe "SonntagMorgen" im Klausenhof, der das Verdienst hat, neuen gesellschaftlichen Strömungen nachzuspüren und durch kompetente Referenten erklären zu lassen. Diesmal war die Aktualität besonders hoch. Internetsucht wird dieses Jahr als Krankheit anerkannt. Erste Behandlungsmöglichkeiten werden derzeit entwickelt und erprobt. Dann wird es für Betroffene auch einfacher, Orte und Personen zu finden, die Hilfe bieten. Dieris-Hirche arbeitet in der Ambulanz für Medienabhängigkeit und Verhaltenssüchte des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Sie bietet seit sechs Jahren im Rahmen des Behandlungsschwerpunkts Verhaltenssüchte eine Sprechstunde, Diagnostik, Behandlung/Therapie und als Besonderheit auch eine Onlineberatung im Bereich Medienabhängigkeit an. Zu ihm kommen nicht nur einzelne Betroffene, sondern ganze Familien, die hilflos sind, wenn Nächte vor dem PC verbracht werden. Oft sind die Sichtweisen völlig unterschiedlich, was für Eltern ein heftiges Problem ist, bedeutet für Kinder normale Alltagsbeschäftigung. Dieris-Hirche versucht dann, eine Verständnisebene zu entwickeln. "Nicht abwerten, sondern gemeinsam Wege aus der Sucht finden", sagte er. Doch sicher sei, so sagte er, dass es 500.000 Internet- und Computerabhängige in Deutschland gibt. Menschen zwischen 14 und 64 Jahren sind betroffen. Ein komplexes Thema, denn was an Computerspiel & Co fesselt und fasziniert, ist höchst unterschiedlich.

Um Actionspiele wie Warcraft, kommunikative Rollenspiele mit vielen Teilnehmern oder Games mit sozialen Komponenten, die gerne von Frauen und Mädchen gespielt werden, oder die Verschmelzung von Wetten und Spielen - die Industrie sieht viele Bedarfe, die sie befriedigt. Und sie erzeugt mit mittlerweile gigantischen e-Sport-Veranstaltungen und Meisterschaften neue. "Als Psychotherapeuten stoßen wir auf andere Interessen, Spielehersteller versuchen, Therapie zu verhindern", sagte der Referent.

Dazu kommt der Wandel der Technologien, daddeln kann heute jedes Kind, weil Smartphones schon für Zehnjährige normal sind. "Die Frage stellt sich angesichts dieser Entwicklung besonders danach: Was ist überhaupt normal?", sagt der Fachmann. Bildschirmnutzung steige kontinuierlich, liege derzeit durchschnittlich bei über 400 Minuten täglich - oder fast sieben Stunden. Wann ist man abhängig, wann spricht man von einer Sucht? Dr. Dieris-Hirche nannte einen Kriterienkatalog, Indikatoren seien z. B. Vernachlässigung von Hobbys, Aktivitäten und Interessen, Aufgabe sozialer Kontakte, Verheimlichung, Ausreden - die Gedanken kreisen nur um den Suchtgegenstand. In der Diskussion mit den rund 30 Besuchern ging es hauptsächlich um Prophylaxe. Der Referent sprach sich für eine "Ampelsystem", bezogen auf Suchtpotenzial bei PC-Spielen, aus. Eltern rät er: "Fangen Sie früh mit Medienerziehung an." Dazu gehöre vor allem auch, viel Zeit mit Musik oder Sport zu verbringen.

(RP)