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Hochwasser Wesel: Camper müssen vor der Flut flüchten

Drohendes Rhein-Hochwasser in Wesel : Urlauber auf Deutschlands größtem Campingplatz flüchten vor der Flut

Weil der Pegel des Rheins in Wesel stark steigt, müssen die Saisoncamper auf der Flürener Grav-Insel, Deutschlands größtem Campingplatz, ihre Wohnwagen in Sicherheit bringen. Warum die Betroffenen gelassen bleiben.

Der Regen der vergangenen Tage hat nicht nur den Rheinpegel rund um die Flürener Grav-Insel ansteigen und tiefer liegende Bereiche überschwemmt, sondern auch die Wiese der Saisoncamper aufgeweicht. Wo kein Gras wächst, ist es schlammig. Das richtige Schuhwerk sind aktuell Gummistiefel oder Flip Flops.

Louise Mobers (30) hat sich für die ultraleichten Badesandalen mit Zehensteg entschieden. Ihre Füße schmatzen, wenn sie geht. Nicht nur die Füße, auch ihre Knöchel sind voller Schmodder. „Hier kommt Woodstock-Feeling auf“, sagt sie und lacht. Love, Peace, Musik? Na ja. Einzig der klitschnasse Platz lässt Assoziationen mit dem Kult-Event von 1969 gerade noch zu.

Dass die Raesfelderin, ihr Mann Christian und die beiden Kinder Mayla (3) und der einjährige Milan den Campingplatz wegen des drohenden Hochwassers verlassen müssen, macht ihnen nicht allzu viel aus. „Wir hätten den Wagen sowieso am Freitag abgeholt, um damit nach Texel in Urlaub zu fahren“, erzählt die Erzieherin, die einst in der Lebenshilfe-Kita am Kartäuserweg in Wesel ihre Ausbildung gemacht hat. „Nun müssen wir halt einen Tag früher weg.“ Am Sonntag hatten sie bereits das Vorzelt abgebaut.

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Die Mobers gehören zu den gut 130 Saisoncampern, die von April bis Ende Oktober einen Stellplatz auf dem gut 30.000 Quadratmeter großen Areal zwischen der Strandallee und der Deichpromenade südlich des großen Spielplatzes angemietet haben. Allen hat die Geschäftsführung des Campingplatzes am Mittwoch per Mail beziehungsweise telefonisch mitgeteilt, dass wegen der massiven Regenfälle im Süden Deutschlands der Rheinpegel steigt und man mit einer Überflutung der Fläche rechnet.

Während die meisten Camper bereits am Mittwoch sprichwörtlich ihre Zelte abgebaut haben, hat sich Familie Mobers einen Tag länger Zeit gelassen. „Mein Mann war noch auf Montage und konnte erst am Donnerstag kommen“, sagt Louise Mobers. Der Maler und Lackierer ist mit dem Firmen-Sprinter gekommen, um den Wohnwagen nach Hause zu bringen. Beide – Caravan und Zugmaschine – haben sich festgefahren. Also hilft der Traktor der Grav-Insel und befreit beide Fahrzeuge aus der misslichen Lage.

 Einen Tag früher als geplant muss Familie Mobers zurück nach Raesfeld.
Einen Tag früher als geplant muss Familie Mobers zurück nach Raesfeld. Foto: Klaus Nikolei

Wann die Mobers wiederkommen? „Keine Ahnung. Wahrscheinlich, wenn alles wieder trocken ist“, sagt der Familienvater. Er und seine Frau haben einen Traum: So schnell wie möglich ihren Wohnsitz auf die Grav-Insel in ein (hochwassersicheres Mobilheim) zu verlegen, auf dessen Grundstück auch Platz für den Wohnwagen wäre. „Das Leben hier“, schwärmt die junge Mutter, „fühlt sich irgendwie immer an wie Urlaub. Und einen Job als Erzieherin bekäme ich in Wesel sicher auch.“

Mehr als 100 Meter entfernt von Familie Mobers ist Manfred Wienecke damit beschäftigt, das Vorzelt seines Wohnwagens abzubauen. Der Recklinghäuser ist 71, sieht aber deutlich jünger aus. 1992 haben er und seine Frau die Grav-Insel für sich entdeckt und kommen seither jedes Jahr. Dass sie wegen der Hochwassergefahr alles abbauen müssen, ist für Manfred Winecke nichts Besonderes. „Das kommt immer mal wieder vor – auch schon mal im Sommer. Da bleibe ich gelassen.“ So wie seine Nachbarn rundherum auch, die schon fast alle weg sind. Aus Erfahrung weiß der Rentner, dass es jetzt gut einen Monat dauert, bis die Wiese wieder trocken und benutzbar sein wird. Seinen Caravan kann er auf der Insel lassen – in einem hochwassersicheren Bereich. „Wenn wir wieder auf den Platz dürfen, werden wir angerufen“, sagt er.

Der Anruf wird wohl nicht erst in einem Monat, sondern schon in zehn bis 14 Tagen erfolgen. Davon jedenfalls geht Grav-Insel-Chef Frank Seibt aus. „Nächste Woche wird es sommerlich warm. Dann ist in ein paar Tagen von dem Hochwasser nichts mehr zu spüren“, sagt er. Aktuell bereitet ihm der Pegel der Ruhr Sorgen. „Da mussten Staustufen geöffnet werden. Folge: Der Pegel der Ruhr ist innerhalb von einer Stunde um fünf Meter gestiegen. Und das alles fließt in den Rhein und kommt bei uns an.“ So etwas habe er so gut wie noch nie erlebt. Höchstens mal in den 80er Jahren. Seibt rechnet damit, dass am Sonntag der Scheitelpunkt erreicht wird. Der dürfte bei zehn Metern liegen (siehe Infobox).

Nicht nur die Saisoncamper hatten mit den Abbauarbeiten reichlich zu tun. Auch die Grav-Insel-Mitarbeiter waren Mittwoch und Donnerstag damit beschäftigt, die gesamte Infrastruktur abzubauen: Stromkästen, Wasserleitungen, Müllentsorgung. „Und wir haben noch ein Dutzend Wohnwagen abtransportiert, deren Besitzer entweder im Krankenhaus oder im Ausland sind“, erzählt Seibt. Vorzelte und Gartenmöbel habe man eingelagert, so dass die Eigentümer alles abholen können, wenn der Sommer zurück ist und die Saisoncamper auf Deutschlands größten Campingplatz zurückkehren.