Hamminkeln: Heimat im englischen Schloss

Hamminkeln: Heimat im englischen Schloss

Die Luftlandung vor 65 Jahren lebt nicht nur in der Erinnerung derer, die sie persönlich erlebt haben. Die historische Operation schreibt auch heute noch überraschende Geschichten. Die, die Margret Gossen aus Ringenberg gestern erzählt hat, gehört sicher dazu. Sie rankt sich um ein Foto. Das zeigt englische Soldaten, die im zerstörten Ringenberg auf der Hauptstraße durch Panzersperren Höhe Agatz Scheune marschieren. Das Dokument ist in Ringenberg erstmals aufgetaucht, als Klemens Siemen vor zwei Jahren seine Chronik "Im Schatten des Schlosses" vorgelegt hat. Auf Seite 83 bebildert das Foto, das Margret Gossen ihm zur Verfügung gestellt hat, einen Bericht über Pastor Hüttemann, der damals sakrale Schätze aus der Kirche vor den anrückenden Alliierten bei einem Bauer in Berg in Sicherheit brachte.

Seinen Ausgang aber nahm das Kriegsdokument vor fünf Jahren in einem Schloss in der englischen Grafschaft Kent. Damals traute Elfriede (Elfi) Sobetzko (74) aus Hückeswagen ihren Augen nicht. Die Tochter des Lehrer-Ehepaares Julius und Elfriede Samek, das damals die Volksschule in Ringenberg leitete, stand beim Ausflug auf Hever Castle plötzlich vor ihrer Kindheit. Beim Rundgang durch die erhabenen Gemäuer, wo einst Anna Boleyn, spätere Gattin von König Heimnrich VIII. aufgewachsen war, blickte sie unvermittelt, doch zweifelsfrei auf ein Foto aus ihrem Heimatdorf. "Deutlich erkannte ich mein beschädigtes Elternhaus", schreibt sie an Margret Gossen. Mit ihr hat Elfi Samek 1948 das Mariengymnasium in Bocholt besucht. Hier bekam sie die Adresse einer Schülerin in England. Aus dem Briefwechsel entwickelte sich eine enge persönliche Freundschaft, die bis heute anhält. Dieser frühen deutsch-englischen Freundschaft mit jährlichen Besuchen ist es zu verdanken, dass es schließlich auf der Insel zu der denkwürdigen Begegnung mit der niederrheinischen Heimat und der Erinnerung an die Kindheit kommen konnte. "Es war eine sehr berührende Begegnung", so Elfi Sobetzko.

Der Text zum Foto erläutert, dass englische Soldaten kurz nach der Rheinüberquerung eine Straßensperre im Außenbereich von "Brunen" passieren. Die Engländer kamen der Bitte der Ringenbergerin nach, ihr einen Abzug nachzuschicken, verbunden mit der Hoffnung, "dass diese traumatische Zeit nicht erneut Spuren hinterlassen" soll. Elfriede Sobetzko betont, wie dankbar sie sei über die langwährende Freundschaft und dass "aus Gegnern Freunde geworden sind". Sie schließt mit einem Zitat des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe, Friede zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern."

(RP)