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Hanau lässt auch im Kreis Wesel niemanden unberührt

Empört und wachsam : Hanau lässt niemanden unberührt

Die Anteilnahme nach dem Terrorakt ist groß. Im Weseler Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus. Die Polizei sichert islamische Einrichtungen. Die Kirchen zeigen klare Kante gegen Rechts.

Helle Empörung und geschärfte Wachsamkeit kennzeichnen auch im Kreis Wesel die Stimmung nach dem rassistischen Terrorakt von Hanau. Gerade vor dem Hintergrund großer Menschenansammlungen rund um die Karnevalsveranstaltungen stellt sich die Frage, ob und, wenn ja, wie man reagiert. In den kommunalen Verwaltungen wird darauf vertraut, dass sich die Polizei – wie immer – angemessen um den Schutz der Bevölkerung kümmert. Andrea Margraf, Sprecherin der Kreispolizei, sagte auf Anfrage, dass nach Hanau nun ohnehin mehr zivile Beamte auf der Straße im Einsatz seien. Auch rund um den Karneval. Sie bestätigte zudem, dass uniformierte Kollegen ihre Präsenz vor islamischen Einrichtungen verstärkt haben.

Im Weseler Rathaus liegt seit Freitag ein Kondolenzbuch für die Opfer von Hanaus aus. „Dieser grausame Akt ist zugleich ein Anschlag auf unsere Demokratie, auf unsere Freiheit“, sagte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp (SPD). Sie ruft alle Bürger auf, sich in das Buch einzutragen. Gerd Füting vom Weseler Ordnungsamt sagte zum Thema Karneval, dass sich am bestehenden Sicherheitskonzept für den Rosenmontagszug nichts ändern werde (siehe Text unten auf dieser Seite).

Für die Stadt Hamminkeln erklärte Bürgermeister Bernd Romanski (SPD) auf Anfrage unserer Redaktion, dass weiter jene Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, die nach dem Lkw-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eingeführt worden waren. Das heißt zum Beispiel, dass beim Rosenmontagszug in Dingden Feuerwehrwagen und Lkw als Barrieren aufgestellt werden. Gegen Einzeltäter könne man sich nicht wehren, sagte Romanski, aber man wolle weder mit Mehraufwand Unwohlsein schüren, noch alles verbieten. Dann hätten Terroristen ihr Ziel erreicht.

Schermbecks Verwaltungsmann Gerd Abelt sagte als Vertreter des Bürgermeisters, dass man wegen des Schubkarrenrenens am morgigen Sonntag mit der Polizei in Kontakt bleibe. Ausfallen werde das nur alle vier Jahre stattfindende Spektakel mit Sicherheit nicht.

Mit klarer Kante reagieren in diesen Tagen die Kirchen auf das Verbrechen von Hanau. Wesels Kreisdechant Stefan Sühling von St. Nikolaus gab mit seinen Bistumskollegen Christoph Rensing (Borken), Johannes Arntz (Coesfeld), Johannes Mecking (Kleve), Jörg Hagemann (Münster), Jürgen Quante (Recklinghausen), Jochen Reidegeld (Steinfurt), und Peter Lenfers (Warendorf) eine gemeinsame Stellungnahme ab. Darin heißt es: „Wir müssen uns dem Grauen dieses fürchterlichen Verbrechens stellen, um zu begreifen, dass es kein ‚Weiter so‘ geben darf.“ Die zahlreichen Morde und Anschläge der letzten Jahre hätten einen klar erkennbaren Nährboden. Er bestehe in einem wachsenden Klima der Intoleranz und des Hasses, das populistische Parteien und rechtsextreme Gruppierungen in die Mitte der Gesellschaft getragen haben. Alle Demokraten seien aufgefordert, eindeutig zu reagieren. „Wir haben es zu lange hingenommen,“ so heißt es weiter, „dass in sozialen Medien, in politischen Reden von Populisten und Rechtsradikalen ungestraft gegen Menschen mit Migrationshintergrund gehetzt werden kann.“ Die Lehre könne nur sein, „dass wir aufwachen und gemeinsam für das eintreten, was unsere freiheitliche Demokratie ausmacht: für eine Kultur der gegenseitigen Achtung; für die Bereitschaft Menschen, die anders leben und denken, zu verstehen und zu tolerieren“.

Ähnlich äußert sich Diakon Michael van Meerbeck, Vorsitzender des Kreiskomitee der Katholiken im Kreisdekanat Wesel: „Der Anschlag in Hanau ist erneut ein deutliches Zeichen, das der Boden der Gewalt und des Hasses in unserem Land Realität ist und sich wie eine Seuche verbreitet. Alle Menschen guten Willens, unbeachtet ihres Glaubens, ihrer Parteilichkeit oder ihrer Herkunft, müssen nun noch fester und entschlossener zusammenstehen.“

Superintendent Thomas Brödenfeld, der selbst am Wochenende keinen Gottesdienst hält, erklärte dass seine Kollegen in den evangelischen Kirchen das Thema sicherlich aufgreifen würden. Es lasse niemanden unberührt. „Die Saat der rechten Hetze geht auf“, sagte Brödenfeld und unterstrich ebenfalls, dass so nicht weitergemacht werden dürfe. Der Rechtsstaat müsse mit ganzer Kraft und Härte einschreiten.

Eyüp Yildiz, Stellvertretender Bürgermeister von Dinslaken, wohnt in Lohberg, wo es einen sehr hohen Anteil von muslimischen Bürgern und Migranten gibt. „Die Leute sind frustriert und haben teilweise auch Angst“, sagt er. „Da stellt sich die Frage – was ist hier los?“ Er sieht die Ursachen für Anschläge wie Hanau in einem „archaischen Hordendenken“. Yildiz: „Wir können nur dann etwas verändern, wenn wir in Bildung investieren. In die Zukunft. Wir müssen nicht fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Bildung stecken, sondern 15 Prozent.“