Hamminkeln: So schön kann Hühnerzüchten sein

Hamminkeln: Wo bei Hahn und Huhn nur die Schönheit zählt

Hühner werden nicht nur wegen ihres Fleisches, sondern - gerade zu Ostern - vor allem wegen der Eier gehalten. Es gibt allerdings auch Menschen, für die das gute Aussehen des Geflügels an erster Stelle steht. Zum Beispiel beim Dingdener Rassegeflügelzuchtverein.

Bevor Johannes Daniels seinen Eltern seine Freundin vorgestellt hat, musste die Dame seines Herzens ihn zunächst in den Hühnerstall begleiten. "Hätte sie damals kein Verständnis für mein Hobby aufgebracht, wäre aus uns nichts geworden", sagt der mittlerweile 68-jährige Rentner, der seit mehr als 40 Jahren mit seiner Anni verheiratet ist. Seit 1960, also drei Jahre nach der Gründung des mittlerweile 120 Mitglieder starken Rassegeflügelzuchtvereins (RGZV) Dingden, hält Johannes Daniels dem RGZV die Treue - "und das ohne Unterbrechung". Ein Rekord wohl für die Ewigkeit. Oder vielleicht doch nicht? Denn Arne van der Linde könnte ihn dereinst übertreffen. Schließlich ist der elfjährige Sohn von Vereins-Chef Wolfgang van der Linde seit "dem 25. März 2007 Mitglied. Da war ich gerade mal zwei Tage alt." Doch ob 68 oder elf: Die Begeisterung für die Schönheit von Hühnern und Hähnen ist bei Johannes Daniels und Arne van der Linde gleich stark ausgeprägt. Was genau die beiden und sechs andere Mitglieder des RGZV Dingden an ihrem Hobby so reizt, wie sie zu dieser doch recht ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigung gekommen sind und worauf es beim Zuchtgeflügel ankommt, das alles hat unsere Redaktion beim Besuch des Vereins an der Sachsenstraße in Dingden erfahren.

Die kleinste Hühnerrasse der Welt ist auch eine der ruhigsten. Serama-Hähne sind so zahm, dass die bei Preisschauen ausnahmsweise nicht in einen Käfig müssen. Man setzt sie einfach auf den Tisch. Und dort bleibt das Tier auch sitzen. Um zu beweisen, wie zahm sein zwei Jahre alter Serama-Gockel "Junior" ist, hebt Arne van der Linde ihn vorsichtig auf seinen Kopf. Und da bleibt Junior auch ganz brav sitzen.

"Serama-Hühner stammen ursprünglich aus Malaysia", weiß der Elfjährige. Besonders schöne Exemplare zeichnen sich durch kurze Füße, Hängeflügel, eine vorstehende Brust, einen außergewöhnlich großen Kamm und einen Schwanz aus, der an ein Eichhörnchen erinnert.

Drei bis vier Mal pro Woche verbringt er einige Zeit im Stall, um sich um seine gefiederten Freunde zu kümmern. An den anderen Tagen sorgt Vater Wolfgang van der Linde für alles, was mit Fütterung und Pflege zu tun hat.

Essen würde der Schüler ein Huhn oder einen Hahn aus dem eigenen Stall übrigens nicht. "Es darf nicht nach Huhn aussehen, was ich esse, nur nach Huhn schmecken", sagt er. Sprich: Hühnersuppe und Nuggets gehören zu seinen Leibgerichten. Und eine leckere Hühnersuppe gibt es immer bei der Dingdener Rassegeflügelschau, die an Fronleichnam stattfindet.

Wer glaubt, dass Hühner tendenziell eher liebe Tiere sind, hat noch keinen Asil-Hahn kennengelernt. Denn dieser gefiederte Kerl hat einen - man kann es nicht anders sagen - bösen Blick. "Den muss er auch haben. Das ist ein Merkmal dieser Kampfhuhn-Rasse", sagt Dirk Böing. Der 39-jährige Hamminkelner ist seit seinem sechsten Lebensjahr Mitglied im RGZV Dingden und wurde von seinem Vater dort angemeldet. Asil-Hühner gehören zu den ältesten Rassen überhaupt und sind seit gut 2500 Jahren praktisch unverändert. Und irgendwie erinnern sie auch ganz entfernt einem Flugsaurier, auch wenn das ein Züchter nicht so gerne hört. Stimmen tut's trotzdem.

Um bei Ausstellungen die Gunst der Prüfer zu erlangen, müssen Asil-Hähne unter anderem über einen massiven Schädel, feste Beißbacken, einen sogenannten Erbsenkamm und federfreie Schenkel beziehungsweise eine federfreie Brust verfügen. "Alles typische Rassemerkmale", sagt Dirk Böing. Und was ist mit Tieren, die diesem Schönheitsideal nicht entsprechen? "Die", sagt Fleischer Böing, "werden verspeist." Denn ein altes Züchtersprichwort besagt: "Jedes Huhn hat seinen Vorzug: Die einen landen im Käfig, die anderen im Kochtopf."

Keine Sonne, keinen Mais, keine Möhren: Auf all das muss der acht Monate alte Satsumadori-Hahn aus dem Stall von Silke Brauns verzichten, wenn er bei Rassegeflügelschauen ganz oben aufs Siegerpodest will. Denn Auszeichnungen gibt es nur, wenn das Federkleid weiß ist, weiß wie frisch gefallener Schnee. "Denn Sonne, Mais und Möhren sorgen dafür, dass die Federn gelblich werden. Und genau das möchte ich natürlich nicht", sagt Silke Brauns. Die 42-jährige IT-Fachfrau aus Hamminkeln kam vor mittlerweile neun Jahren zum Rassegeflügelzuchtverein Dingden - und zwar durch ihren Mann Dirk Böing (siehe Bericht rechts). Wie auch der Asil-Kampfhahn ihres Gatten, schaut der aus Japan stammende Satsumadori eher grimmig drein. "Merkmal dieser Rasse sind die bis zu 70 Zentimeter lange Schwanzfedern sowie ein edler, stolzer und vielleicht auch leicht arroganter Blick", sagt sie und lacht.

Als besonders schön werden Satsumadori-Hähne bezeichnet, wenn sie einen sogenannten Erbsenkamm, perlfarbene Augen und starke Knochen haben. Alles Eigenschaften, die auch auf Silke Brauns Prachtexemplar zutreffen. Einen Namen hat ihr Hahn übrigens nicht. "Denn wer einen Namen hat, der bleibt dann für immer im Stall."

Tischler Kai Bielefeld (23) und Agrarwissenschafts-Student Robin Nienhaus (21, beide Dingden) schwärmen für Holländische Zwerghühner - mit 500 bis 550 Gramm Lebendgewicht eine der kleinsten Hühnerrassen überhaupt. Wobei Kai Bielefelds Favorit ein sogenanntes rotgesatteltes Tier ist mit karminroten Federn im Brustbereich, während Robin Nienhaus' Hahn ein strahlend weißes Federkleid besitzt. Zwar haben beide Gockel einen stolzen Blick, sind gleichwohl aber auch recht ruhig und zutraulich. Bielefeld und Nienhaus wurden auf Bauernhöfen groß und traten schon früh mit Federvieh in Kontakt. "Zum sechsten Geburtstag habe ich Hühner geschenkt bekommen", erinnert sich Kai Bielefeld. Und Robin Nienhaus erzählt, dass sein Opa Legehennen hatte und er kranke Tiere aufgepäppelt habe. Holländische Zwerghühner sind übrigens besonders gut aussehend, wenn sie gleichlange Schwanzfedern haben ("Sichelschwanz"), Kopf und Schwanz eine Höhe bilden und in dem gewölbten Rücken ein Tennisball bequem Platz findet.

Im Stall von Peter Ewig in Dingden lebt ein echter Champion: Sein Zwergfriesen-Hahn ist 2017 bei der Hauptsonderschau in Baden-Württemberg zum schönsten Exemplar seiner Art gewählt worden. Zum Termin mit unserer Redaktion hat der 16-Jährige, der zusammen mit seinem Vater vor sechs Jahren in den RGZV Dingden eingetreten ist, allerdings eine Schwester des Champions mitgebracht. Auch sie, eine hübsche, gut ein Jahr alte Henne in gold-schwarz geflockt mit schieferblauen Läufen, hat das Zeug zur Schönheitskönigin. Immerhin hat das zierlich-schlanke Landhuhn mit dem treu-weichen Blick bei seinem letzten öffentlichen Auftritt von den Preisrichtern 96 von 97 Punkten erreicht und damit das Prädikat "hervorragend" erhalten. Peter Ewig, Schüler des Bischöflichen St.-Josef-Gymnasium in Bocholt (Kapu), weist übrigens darauf hin, dass die Ohrscheiben von Zwergfriesen-Hühnern weiß sind. "Das bedeutet, dass sie weiße Eier legen. Hühner mit roten Ohrscheiben legen braune Eier." Wieder was dazu gelernt.

Es war praktisch Liebe auf den ersten Blick: 1960, mit gerade mal elf Jahren, besuchte Johannes Daniels eine Schau des drei Jahre zuvor gegründeten Rassegeflügelzuchtvereins Dingden. Und als er die schönen Hühner in ihren Käfigen sah, war's um ihn geschehen. "Da wusste ich, dass ich auch Züchter werden wollte und bin in den Verein eingetreten." Das war vor 57 Jahren. Der auf einem Bauernhof mit Kaninchen und Hühnern aufgewachsene Dingdener ist stolzer Besitzer von einigen äußerst seltenen, braun-porzellanfarbenen Orpington-Hühnern. Das Besondere an der dreijährigen Zuchthenne, mit der er sich ablichten lässt, ist das Federkleid. "Die Federn", erklärt er, "haben eine braune Grundfarbe. Außerdem ist ein Teil schwarz. Und am Ende sollte die Feder einen weißen Punkt haben." Er zupft dem Huhn eine kleine Feder aus. Stimmt: braun, schwarz, weißer Punkt. Und dann gehört zu den Merkmalen von Orpington-Hühnern eine fast würfelartige Form. Wirklich hübsch. "Die Rassegeflügelzucht ist ein Hobby für die ganze Familie", ist Johannes Daniels überzeugt.

Für Wolfgang van der Linde gibt es kaum einen schöneren Anblick, als "eine Henne, die mit ihren Küken über die Wiese läuft - einfach wunderbar". Anders als den meisten seiner Mitstreiter im Rassegeflügelzuchtverein, ist ihm nicht nur das Aussehen der Tiere wichtig. Als gelernter Landwirt, der allerdings schon seit Jahren in der Autozulieferindustrie tätig ist, denkt er vor allem auch wirtschaftlich. "Hühner müssen auch Eier legen und für den Kochtopf geeignet sein", sagt der 53-jährige Vereinsvorsitzende. Für ihn ist das Welsumer-Huhn - benannt nach der niederländischen Gemeinde Welsum, wo es gezüchtet wurde - der Idealfall eines Huhns: Es sieht gut aus, legt dunkelbraune, mitunter leicht gepunktete und gut 65 Gramm schwere Eier und schmeckt auch noch. Besonders stolz ist er auf seinen 2,5 Kilo schweren Welsumer Hahn, der unter anderem durch seine gelben Läufe, Schwanzfedern in käfergrünem Lack und die markanten Flügeldreiecke besticht. "Das ist wie bei den Menschen: Die Männer sind einfach schöner", sagt er und lacht. Kontakt zum Verein: Tel.0163 3632842

(RP)