Haldern Pop 2019 in Emmerich: Diese Bands wurden nachher berühmt

Festival am Niederrhein: Die Haldern-Hits von morgen

Die Festivalmacher von Haldern Pop gelten als Experten in Sachen Talentfindung. Nur ein Mythos? Der Blick auf Musikphänomene der Gegenwart zeigt, dass die Halderner immer wieder den richtigen Riecher für die Stars von Morgen haben.

Es war ein Samstag im Januar vor genau einem Jahr in Haldern: An einem trüben Abend stand zu vorgerückter Stunde ein britisches Quartett aus Bristol auf der Bühne des Saales Tepferd und lieferte einen Auftritt, der auch hartgesottenen Musikfans ein Staunen abzuringen vermochte. Die Herren spielten Rockmusik mit derartiger Vehemenz, dass man vermutete, die Band hätte vorher Adrenalin aus Suppenkellen gespeist. Sie rotzten Lieder hin, schmissen mit Schimpfworten um sich, zogen sich aus, tobten im Publikum. Mit anderen Worten: Es war ein Heidenspaß. Dieses Rock-im-Saal-Festival wird man so schnell nicht vergessen – auch wegen des Auftritts der Idles, die zuvor 2017 auch schon als komplett unbekannte Band auf dem Haldern-Pop-Festival, dem großen Bruder von Rock im Saal, aufgetreten waren. Da war er wieder, der feine Riecher. Die Nase von Haldern kann an Musik schnuppern und feststellen, ob sie morgen schon aus jedem Radio ertönt.

Es gibt neuerdings einen Indikator, der empirisch auf Basis von Punktewertungen feststellt, wie populär Musik geworden ist. Die Internetseite heißt „Album Of The Year“ und ist eine Art Meta-Kritikseite. Dort werden die aktuellen Alben aller Künstler aufgeführt und je nach addierten Punktbewertungen in Musikmagazinen hoch oder tief gelistet. Die Seite liefert also am Ende eines Jahres einen Überblick darüber, was wirklich groß war. Nimmt man diese Seite zum Maßstab, dann haben sie in Haldern einige Treffer gelandet. Die Band Idles landet dort auf Platz 8, Courtney Barnett (16), Snail Mail (22), Rolling Coastals Blackout Fever (29), Shame (31), Father John Misty (34), Let‘s Eat Grandma (37), Julia Holter (50) folgen auf weiteren Plätzen. Alle haben sie in Haldern gespielt.

Ein Blick ins Archiv eines Festivals: Schon früh wurde dem Halderner Open Air, so der Name in den Anfangsjahren, nachgesagt, ein besonderes Auge für jene Künstler zu haben, die auf dem Sprung sind. Im Jahr 1988 spielte auf der alten Reitwiese die Band Element Of Crime. Mittlerweile füllen Sven Regener und Band die großen Hallen, damals war die Berliner Band allenfalls Insidern ein Begriff. Dreimal traten Element of Crime danach noch in Haldern auf. Weitere Beispiele: Tocotronic hatten ihren ersten Auftritt in Haldern schon 1996, die Rocksirene Heather Nova 1998, 1999 wiederum traten in Haldern drei Bayern mit dem seltsamen Namen Sportfreunde Stiller auf. Später sangen sie auf großer Bühne mit der Deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2006.

Zur Wahrheit gehört aber auch: In den ersten Jahren lagen die Festivalmacher nicht mit jeder Verpflichtung voll im Trend. Dass Norbert & Die Feiglinge mal hier spielten, wird man heute wohl im Lindendorf nicht mehr mit stolzgeschwellter Brust betonen. Auch die Auftritte von H-Blockx und Guano Apes wurden vom Publikum zwar gefeiert, werden aber von den Festivalmachern heute nicht unter den Highlights geführt. Das Festival setzte im ersten Jahrzehnt des Bestehens eben doch weitgehend auf szene-bekannte Namen oder solche Künstler, die wie H-Blockx oder Guano Apes einen Hit mitbrachten. Diese Buchungstaktik lag auch daran, dass die Musiklandschaft noch eine größere Übersicht bot, nicht so ausdifferenziert war wie sie sich heute darstellt. Heute können Rap, Jazz, Klassik und Hardcore in Haldern eine friedliche Koexistenz führen. Man kann auch sagen: Der Musikfreund ist toleranter geworden.

Diese Entwicklung machten sich die Festivalmacher zunutze: Indem sie in immer mehr verschiedenen subkulturellen Gefilden ihre Talente suchen durften, wuchs die Chance, Künstler zu buchen, die Haldern Pop auch als Karrierebeschleuniger nutzen können. Um die Jahrtausendwende begann die Nase der Haldern-Pop-Macher feiner zu riechen. Im Jahr 2000 spielte die dänische Band Kashmir ein magisches Konzert. Musikalisch vertrat sie viel von dem, was Haldern Pop ausmacht. Festivalmacher Stefan Reichmann geriet danach ins Schwärmen, erzählte immer wieder von dieser Band. Ein wenig ebnete das Haldern-Konzert den Weg für Kashmir, die zwar nie eine große Weltkarriere machten, sich aber in der Ruhmeshalle von Haldern einen Ehrenplatz verdienen. 2001 traten dann Muse in Haldern auf, damals noch weitgehend unbekannt, heute Superstars der Szene mit gigantischen Konzert-Inszenierungen. 2004 kamen die Kings Of Leon, 2005 die damals noch weitgehend unbekannten Franzosen Phoenix und eine gewisse schottische Band namens Franz Ferdinand aus Glasgow. Solche Namen kann sich Haldern heute nicht mehr leisten. Es geht eben immer wieder darum, im großen Pop-Planschbecken zu angeln und kleine Fische in den Eimer zu holen, die im Haldern-Biotop hernach prächtig gedeihen. Als Prototyp geschickten Bookings müssen wohl Mumford & Sons gelten, die 2009, also genau vor zehn Jahren, nachts im kleinen Spiegelzelt auftraten und für derart große Verzückung sorgten, dass der Weg für eine steile Karriere geebnet wurde. Ein Jahr später kam die Band erneut nach Haldern, spielte auf der Hauptbühne. Der Rest: Legende.

Mit der Ausdifferenzierung der Musiklandschaft im neuen Jahrtausend wurde es abermals zunehmend schwerer, echte Treffer zu landen. Die Zahl der Künstler nahm zu – mittlerweile spielen bis zu 70 statt wie beim ersten Festival drei Bands („Herne 3“, „Nightwing“, „The Chameleons“) in Haldern. Die jüngere Festivalgeschichte zeigt aber: Der Mythos vom Talentebecken lebt weiter. Man vergisst leicht, dass die Elektro-Piano-Sensation James Blake – gerade veröffentlicht er ein schon jetzt gefeiertes viertes Album – 2011 in Haldern gastierte, auch die jetzt populäre britische Band Alt-J kam 2012 zu vorgerückter Stunde ins Spiegelzelt. Weitere Namen gefällig? Parcels, Faber und natürlich: The Slow Show, nur echt mit Reibeisen-Gesang. Ein Blick in die nähere Gegenwart: Die Österreicherin Mavi Phoenix verzückt mit ihrem intelligenten Dance-Pop gerade die Experten, gilt als heißer Tipp der Stunde. 2017 spielte sie in Haldern. Auch am neuen Album der Band Shame aus England kam 2018 kein Musikkritiker vorbei, der seine Jahresbestenliste ausfüllte. 2017 spielten sie in Haldern.

Die Idles wiederum sind der aktuellste Beweis für Haldern als Talente-Pool: Stefan Reichmann, Spiritus Rector des Haldern Pop, hatte die Band für sich entdeckt und danach immer wieder betont, dass die Idles das nächste große Ding würden. Wenn man auf die Bestenlisten und Meta-Bestenlisten der großen Musikmagazine für das Jahr 2018 blickt, dann stellt man fest, dass sich viele auf eine Band einigen konnten: Idles. Das liegt wohl auch am Lied „Danny Nedelko“, jener unwiderstehlichen Punk-Hymne, die eine Antwort auf das verstörte Königreich nach der Brexit-Entscheidung ist. Die Idles widmen dieses Lied Immigranten, die es in Großbritannien zu Berühmtheit brachten (Freddy Mercury, Mo Farah) und sprechen von „beautiful Immigrant“ statt ausländerfeindliche Parolen zu brüllen. Die Idles repräsentieren damit sozusagen den Gegen-Brexit, den Schulterschluss mit dem Rest der Welt. Wer sie auf der Bühne sieht, der ahnt erst einmal nichts von dieser Botschaft. Oder doch?

Manchmal muss man eben genau hinhören. In diesem Sommer gibt es wieder die Chance. Und es wird wohl wieder den einen oder anderen Künstler geben, auf den sich die Musikwelt danach einigen kann.

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