Wesel: Glockenspiel mit Resonanz

Wesel: Glockenspiel mit Resonanz

Die Melodien vom Dach des Willibrordi-Doms sind längst zum Markenzeichen der Stadt geworden. Dabei waren die Weseler zuerst skeptisch: Ein Glockenspiel hatte es dort nie gegeben. Eine Spende machte den Klang möglich.

Tausende Menschen hatten sich auf dem Großen Markt versammelt, als am 17. Dezember 1994 um 16 Uhr das Glockenspiel im neuen Dachreiter des Willibrordi-Doms zum ersten Mal erklang: "Großer Gott wir loben dich". "Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es auf dem Marktplatz", erinnert sich Dombaumeister Professor Dr. Wolfgang Deurer. Markierte dieses Ereignis doch den krönenden Abschluss des nahezu fünf Jahrzehnte dauernden Wiederaufbaus des Doms.

"Der Dom hatte im 19. Jahrhundert mal eine Uhrenglocke", weiß Deurer, der die Planungen für den Dachreiter — ein auf dem First sitzendes schlankes Türmchen — nach dem Tod seines Vaters übernahm. "Ein Glockenspiel hat es vor 1994 allerdings nie gegeben." Erst durch eine Spende von Dr. Hans und Klara Tienes konnten die 25 Glocken bei der Firma Königliche Eijsbouts in den Niederlanden gegossen werden. "Ansonsten hätten wir losziehen müssen, Spenden sammeln", sagt Deurer. "Fünf Jahre — solange hätte der Dombauverein sicherlich noch gebraucht, um die einzelnen Glocken zu finanzieren."

Nicht ohne Dachreiter

Angedacht wurde der Dachreiter bereits 1949. "In den alten Protokollen ist er jedenfalls erwähnt", sagt Karl-Heinz Tieben, Chef des Willibrordi-Dombauvereins. Von einem Glockenspiel war damals allerdings noch keine Rede. "1954 hat mein Vater den ersten Reiter gezeichnet", erzählt Deurer. Dann lagen die Pläne mehrere Jahrzehnte auf Eis. "Es war fraglich, ob das Projekt jemals finanziert werden konnte", sagt der Dombaumeister, der später einen Posaunenengel für die Turmspitze entwarf. Gesamtkosten inklusive Bauarbeiten: rund 850 000 Mark. Das Glockenspiel schlug mit weiteren 125 000 Mark zu Buche.

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"Die Weseler standen dem geplanten Klang vom Dom zunächst skeptisch gegenüber", erinnert sich Wolfgang Deurer. Es hagelte Kritik: Ein Glockenspiel gehöre nicht nach Wesel. "Für den Dombauverein war dagegen immer klar: Es muss ein Dachreiter und damit auch ein Glockenspiel her", berichtet Deurer.

Heute sind die Willibrordi-Töne ein Markenzeichen der Hansestadt. "Die Resonanz auf die Melodien ist groß", weiß Pfarrerin Martina Biebersdorf. "Fällt das Glockenspiel aus, weil der Blitz eingeschlagen hat, rufen viele an und fragen was los sei." Die Dom-Pfarrerin wählt regelmäßig neue Liedfolgen aus, die Küster Werner Tschoepe dann per Computer programmiert. Insgesamt 46 Stücke stehen zur Verfügung. "Das erste Lied richtet sich immer nach der Kirchenjahreszeit, das letzte ist ein volkstümliches", sagt Biebersdorf. Am heutigen Karsamstag schweigt das Glockenspiel.

Wunsch: Tisch, um live zu spielen

Neue Melodien sind in den vergangenen fünf Jahren nicht hinzugekommen. "Wir können zwar Stücke auf einem Keyboard einspielen", erklärt Domkantor Ansgar Schlei. "Doch schöner wäre es, wenn die Glocken künftig live bedient werden könnten." Dabei sahen die ersten Pläne einen Spieltisch in Glocken-Nähe vor. "Doch die Kosten explodierten, so dass wir darauf verzichtet haben", berichtet Baumeister Deurer. "Aber jetzt kann der Dombauverein über eine Investition mal nachdenken."

(RP)
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