Hamminkeln: Gegen Ärztemangel helfen keine Placebos

Hamminkeln : Gegen Ärztemangel helfen keine Placebos

CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn kam ohne fertige Antworten. Er trug durchaus unterhaltsame Einsichten aus dem "Laboratorium der Demografiepolitik" vor. Der ländliche Raum müsse sich bemühen, attraktiv zu bleiben, sagte er.

"Deutschland wird weniger und älter." Auf diese schlichte wie landläufig bekannte Formel brachte Jens Spahn gestern als Gastredner beim CDU-Neujahrsempfang seine Ausgangshypothese in einem facettenreichen und gar nicht drögen Vortrag über die Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion aus dem münsterländischen Ahaus hatte keine fertigen Antworten im Gepäck, sondern kam mit teils überraschenden Einsichten aus dem "Laboratorium der Demografiepolitik", wie es CDU-Parteichef Norbert Ness formulierte.

Bürgermeister Holger Schlierf saß bei der CDU in der ersten Reihe zwischen Landratskandidatin Christiane Seltmann (l.) und Sandra Neß, Gattin des Parteichefs. Foto: Bosmann, Jürgen (bosm)

2030 sei jeder dritte Deutsche jenseits der 60, stieg Spahn ein in seine rund 45-minütigen Betrachtungen. Das habe durchaus außenpolitische Bedeutung vor dem Hintergrund, dass in Ägypten und Brasilien jeder Zweite deutlich unter 30 Jahre alt sei. Das erzeuge "Wanderungsdruck" in Richtung Europa, das insgesamt altere. "Nur wir sind ganz vorne und hinter Japan inzwischen das ältestes Land der Erde." Dann demonstrierte der Mann mit der markanten Nerd-Brille wie lebendig Statistik sein kann. Die gute Nachricht: Die Lebenserwartung der Deutschen nehme täglich um sechs Stunden zu. "Im Durchschnitt, gut, nicht jeder hat was davon."

Die weniger gute Nachricht: Die Geburtenzahlen sind weiter rückläufig, eine Tendenz, die nicht leicht zu stoppen sei. Auch nicht mit Geld. Es brauche ein kinderfreundlicheres gesellschaftliches Klima, in dem "Kinderlärm als Zukunftsmusik" verstanden werde. Deutlich weniger Kinder brächten die örtliche Infrastruktur ins Wanken: Lehrer, Pfarrer, Kaufleute, Ärzte, Apotheker — einst Säulen im Dorf — würden zu Raritäten. Der ländliche Raum müsse enorme Anstrengungen unternehmen, um attraktiv zu bleiben, damit die Grundversorgung für die Bevölkerung nicht in Gefahr gerate. Als Beispiel nannte der Gesundheitsexperte die ärztliche Versorgung. Es müsse gelingen, Mediziner fürs Land zu begeistern. Mit guter Bezahlung, aber auch durch Rahmenbedingungen. "Ein Landarzt, der abends um neun noch Patienten versorgt, muss mehr verdienen als der Arzt in Düsseldorf, der um 14 Uhr seine Praxis schließt."

"Wir können nicht für Ärzte ein Theater und ein Kino bauen", hatte zuvor Bürgermeister Holger Schlierf gesagt. "Gegen drohenden Ärztemangel helfen keine Beruhigungsmittel und Placebos." Spahn stellte den Zugang zum Medizinstudium über den Abi-Notenschnitt infrage, ein Grund für die Dominanz von Frauen an den medizinischen Fakultäten, deren Berufsziel nicht "die Einzelkämpferpraxis auf dem Land" sei. Er könne sich vorstellen, dass junge Leute, die nachgewiesen hätten, sich um andere Menschen kümmern zu wollen, einen leichteren Zugang zum Studium bekämen. Und es spreche wenig dagegen, junge Mediziner zu verpflichten, eine Zeit lang aufs Land zu gehen, um es "positiv erleben" können.

Als weiteren Bereich für gesellschaftliche Veränderungen nannte Spahn die Wirtschaft, die den "Zukunftsmarkt der Single-Rentner" längst entdeckt habe. Vor dem Hintergrund warnte er davor, das Renteneintrittsalter wieder zurückzuschrauben. Es dauere nicht mehr lange, dann wechselten die "Baby-Boomer" aufs Altenteil. Und das müsse finanziert werden.

(RP)