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Zu Gast auf einem Hausboot in Wesel Ganz ruhig

In einem Hausboot auf dem Diersfordter Waldsee haben Redakteurin Barbara Grofe und Fotograf Ekkehart Malz die Stille gesucht. Und gefunden.

Besuch auf einem Hausboot auf dem Diersfordter Waldsee
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Besuch auf einem Hausboot auf dem Diersfordter Waldsee

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Foto: Malz Ekkehart

Zum Heulen schön ist es. Die Sonne geht unter und macht ein unwirkliches Licht. Schäfchenwolken, die gerade unperfekt genug sind, um perfekt zu sein, spiegeln sich im Wasser des Diersfordter Waldsees. Das liegt so ruhig da wie die Ostsee und schillert ein bisschen ölig. Ein Eisvogel fliegt, ein Schwan schwimmt vorbei. Und es ist ruhig. Ganz wunderbar ruhig. Das ist die Idee dieses Ausflugs aufs Wasser, in eines der beiden Hausboote der Dingebauers: Ruhe finden, zur Ruhe kommen. Kein Straßenlärm, kein Autohupen, keine Telefone, kein Geschreie hoch von der Straße, keine kreischenden Motorräder, die man anflehen möchte, den Motor nicht aufheulen zu lassen.

Zwei Stunden vorher. An einem Donnerstagabend gegen halb acht geht der Bürotag zu Ende. Normalität wäre jetzt, sich ins Auto zu setzen, auf die Autobahn zu fahren, heimzukommen, vielleicht noch ein Glas Wein zu trinken, darüber nachzudenken, was morgen so ansteht, und schnell einzuschlafen. Normalität erlaubt wenig Ausbrechen und wenig Auszeitnehmen. Anfangen, durchziehen, Wochenende.

Heute aber geht es nicht auf die Autobahn, heute geht es raus Richtung Rees und dann nach Diersfordt. Das Straßendrumherum wird grüner, die Autos werden weniger, die Straßen schmaler. Zeitlich liegen nur wenige Minuten zwischen Ballungsgebiet Wesel und dem Diersfordter Waldsee - was das Tempo und die Stimmung angeht, sind es Jahre. Ganz plötzlich ist da nur noch das leise Brummen der Kiesfahrzeuge auf der anderen Seite des Wassers. Und das Gefühl, als stünde man an einem skandinavischen See.

Eisvogel und Biberburg, so heißen die beiden Hausboote von Dorothee und Volker Dingebauer, die Gäste seit September mieten können. "Vielleicht haben Sie Glück und Sie sehen einen Biber", sagt Dorothee Dingebauer zur Begrüßung, als sie dem Gast zwei Schlüssel gibt. Einen für das kleine Tor, das den Rest der Welt fernhält vom Diersfordter Waldsee, einen für das Holzhaus auf dem Wasser.

Eine halbe Stunde später zerfließt die Sonne im Wasser. Langsam wird es kühl, die vorsommerlichen Frühlingstage sind vorbei, es ist noch einmal frisch geworden. Und doch: Hineingehen in das Hausboot, das so hübsch eingerichtet und gemütlich ist, ist keine Option. Der Himmel ist zu weit, die Stille ist zu beruhigend, der Mond zu nah.

Je leiser und ruhiger es draußen wird, desto lauter werden die Gedanken. Immer ist das nicht angenehm, die Gedanken scheren sich schließlich einen Dreck darum, ob man sie gerade gebrauchen kann oder nicht. Wenn das Grundrauschen nur laut genug ist, wenn nur ausreichend los, Lärm da ist, lassen sie sich leicht wegschieben. Schade eigentlich, man müsste sich mehr Zeit nehmen für sie und das, was da so kommt und geht.

Dieser Gedanke jetzt gerade wird nicht vom Lärm runtergetrötet: dass es traumhaft ist, hier am Rande des Diersfordter Waldsees. Dass die Dinge, die im Moment nicht optimal sind (und es gibt immer Dinge, die nicht optimal sind), vielleicht nicht so riesig sind, wie sie sich in diesem einen Moment anfühlen. Der Blick in den mittlerweile nachtdunklen Himmel und aufs Wasser, das sich nur ganz leicht bewegt und Kreise wirft, auf die roten Lichtchen, die ganz in der Ferne blinken, schubsen das eine oder andere wieder in die richtige Relation. Oder wenigstens in die richtige Richtung. Und das ist ja auch schon viel.

Kollegen hatten vor diesem Ausflug aufs Hausboot gefragt, ob es nicht vielleicht doch ein bisschen Angst macht, so allein auf dem Wasser, allein da draußen. Eine berechtigte Frage, aber nein, macht es nicht. Irritierend sind die Bootsgeräusche, die immer mal wieder zu hören sind, und irritierend ist auch die vollständige Ruhe, die ein Städter sonst nicht gewohnt ist. Dennoch: Ich wollte gerade an keinem anderen Ort sein. Hätte ich einen Wunsch frei, ich wünschte nur, es wäre wärmer, um weiter draußen sitzen zu können auf dieser Holzveranda. In dem Wunsch würden Kerzen brennen und es gäbe Wein und noch viel mehr Gedanken, die einfach mal in Ruhe gelassen werden. Die nicht gestört werden von Autohupen und Telefon und von Geschreie von der Straße, die sich ausnahmsweise einmal in ihrem ganz eigenen Tempo um die Frage drehen dürfen, was denn jetzt genau Glück ist.

Eine Antwort auf die Frage ist diese: Aussteigen, egal wie lange, mal zu sich kommen, das ist Glück. Und dann vielleicht auch die Möglichkeit, dass ein Biber vorbeikommt.

Info Wer mehr über die Hausboote erfahren will, findet alles Wichtige im Internet unter www.hausboot-niederrhein.de.

(RP)
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