Hamminkeln Franz Müntefering streichelt die Seele seiner Genossen

Hamminkeln · 18.26 Uhr, Bahnsteig 2 in Mehrhoog. Es fährt ein die Regionalbahn RB 35 aus Wesel. Wie jeden Tag um diese Zeit. Aus dem Abteil der 1. Klasse steigt ein älterer Herr aus, dunkler Anzug, schwarze Aktentasche, ein marineblauer Regenschirm unter den Arm geklemmt, die grauen Haare akkurat gescheitelt.

Franz Müntefering, ehemals Vizekanzler im Kabinett Merkel, plaudert mit Ehrhard Scholz, Chef des SPD-Ortsvereins Ringenberg. Der sitzt nach Feierabend immer im Zug, fährt mit dem "Bärenticket" erster Klasse und hat den prominenten Alt-Genossen gleich erkannt und sich zu ihm gesetzt, um mit dem Franz - Genossen duzen sich - nach Mehrhoog zu fahren.

Dort warten SPD-Ortsvereinsvorsitzender Michael Möllenbeck, Parteichef Bruno Lipkowsky und Wilfried Fenske aus Brünen, um "Münte" über die Bahnhofstraße in den Gasthof Pollmann zu führen. Hermann Pollmann hat trotz "Ruhetag" den Saal geöffnet. Hier soll der inzwischen 74-Jährige über Demographie sprechen, über die Herausforderungen der rasant älter werdenden Gesellschaft. Und über die Betuwe. Natürlich. Schließlich war er Ende der 90er Jahre mal für kurze Zeit Bundesverkehrsminister. Und Mehrhoog wird unter dem leiden, was kommen soll.

Der Abend wird anders, als es sich die wahlkämpfenden Genossen vorgestellt haben. Aber er wird gut. Sehr gut sogar. Über die Betuwe erfahren knapp 100 Zuhörer nichts Neues. Wie auch. Müntefering setzt die Mehrhooger auf die politische Schiene zu den Genossen Uli Krüger nach Berlin und Mike Groschek nach Düsseldorf. "Ihr müsst Eure Vorstellung deutlich machen." Das machen sie hier seit fast 25 Jahren, empfinden die "unbeschreibliche Arroganz der Bahn" aber als Prellbock. Münte rät, was man in solchen Fällen immer rät: "Dicke Bretter bohren."

Ein gute halbe Stunde spricht er über die wachsende Zahl der Alten, die "gut drauf" seien und denen eine schwindende Zahl von Jungen gegenüber stehe. Dem müsse sich die Politik stellen. Es brauche einen Plan, das in den Griff zu kriegen. Klare Botschaft: "Wenn man's so laufen lässt, geht's zu Lasten der Schwachen."

Der knorrige Sauerländer wirkt aufgeräumt, wirft einen Blick ins Jahr 2050, "auch wenn ich dann im Himmel bin, wo die Sozis hinkommen". Das kommt an. Müntefering ermuntert, die Stärken des ländlichen Raums zu betonen gegen die Abwanderung der Jugend in die Zentren. Eine intakte Infrastruktur für Familien - Schulen, Kindergärten, ärztliche Versorgung, bezahlbarer Wohnraum seien wichtige Größen in Dörfern, deren Pfund die soziale Nähe sei. "Deutschland ist weitgehend eine Kleingartenkolonie und sollte es bleiben."

Als er zur aktiven Sterbehilfe gefragt wird, erlebt man einen nachdenklichen Mann. "Vorsicht an der Bahnsteigkante!" Das in ein Gesetz zu packen, nein, das sei keine humane Perspektive. "Menschen sollten nicht versuchen, das Sterben abzuschaffen." Man müsse Menschen auf ihrer letzten Etappe begleiten, nicht das Leben abkürzen. Er spricht über seine Frau und seine Mutter. Ein Mikro brauchte es in der Phase nicht.

Dann wollten die Genossen noch Rat, wie sie vor Ort aus dem Tal der Tränen wieder aufsteigen. "Man soll regelmäßig seine Verwandten anrufen." In den restlichen 316 Stunden und 16 Minuten bis zur Schließung der Wahllokale sei Zeit. An den Ständen müsse man sehen, "dass ihr fröhliche Sozis seid". Dann ist's Zeit. Die RB 35 hält um 21.54 Uhr auf Gleis 1. Die Freunde lässt er an dem Abend dankbar zurück mit dem guten Gefühl, in der SPD zu sein.

(RP)