1. NRW
  2. Städte
  3. Wesel

Wesel/Hamminkeln: Fracking-Befürworter schrecken auf

Wesel/Hamminkeln : Fracking-Befürworter schrecken auf

Der plötzliche Vorstoß von EU-Kommissar Oettinger und Bundespolitikern mehrerer Parteien für die umstrittene Fracking-Technologie trifft vor Ort auf geschlossenen Widerstand. Eine Pilotanlage will niemand vor der Haustür haben.

Wenn es eines Beleges dafür bedurft hätte, dass der Niederrhein keine Region der Glückseligkeit in der globalen Welt ist, hat den nun die wie aus dem Nichts aufflammende Debatte um Fracking geliefert. Denn der Vorstoß von EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU), assistiert von CDU-, SPD- und FDP-Politikern in Bund und Land, im Zuge der Krim-Krise die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern und Fracking (Gasförderung mit Chemie) zu fordern, erschreckt die Region. Auch hier sind die "Aufsuchungsgebiete" der Förderer im Gasfeld "Saxon 1 West" (Flüren/Diersfordter Wald) schon abgesteckt (RP berichtete mehrfach). Am Niederrhein, der sich als Bollwerk gegen die riskante Technologie zur Gasgewinnung formiert hat, beobachtet man die plötzliche Offensive der Fracking-Befürworter alarmiert.

 Jürgen Linz, CDU Wesel: "Dass auch CDU-Politiker Fracking in NRW begrüßen, hat mich sehr irritiert. Im Rat sind wir einstimmig gegen Fracking. Daran halten die CDU und ich fest."
Jürgen Linz, CDU Wesel: "Dass auch CDU-Politiker Fracking in NRW begrüßen, hat mich sehr irritiert. Im Rat sind wir einstimmig gegen Fracking. Daran halten die CDU und ich fest." Foto: Malz, Ekkehart (ema)

Wobei Gabriele Obschernicat, Sprecherin der Bürgerinitiative gegen Gasbohren, noch relativ gelassen reagiert. "Für mich kommt die Offensive der Lobbyisten absolut nicht überraschend", sagt die Mehrhoogerin. "Es wäre doch naiv zu glauben, dass die Konzerne von ihren Absichten, die Vorkommen auszubeuten, ablassen." Putins Annexionspolitik habe lediglich die Gelegenheit geliefert.

 Friedrich Eifert, Fraktionschef der FDP in Wesel: "Einer Probe in einer weniger dicht besiedelter Region würden wir uns anschließen, um zu schauen, wie Fracking laufen könnte."
Friedrich Eifert, Fraktionschef der FDP in Wesel: "Einer Probe in einer weniger dicht besiedelter Region würden wir uns anschließen, um zu schauen, wie Fracking laufen könnte." Foto: Bosmann, Jürgen (bosm)

Obschernicat sieht in der Forderung nach einer Pilotanlage fürs Bohren das Eingeständnis, dass es keine wissenschaftliche Erkennnisse über die Methoden gebe, mit einem brisanten Chemie-Cocktail unter hohem Druck Erdgas aus tiefen Gesteinsschichten zu sprengen. Dass die breite Front gegen Fracking am Niederrhein bricht, daran glaubt die Mehrhoogerin nicht. Bestätigt wird sie von Hamminkelns CDU-Parteichef Norbert Neß. "Ein totes Pferd wird nicht dadurch lebendig, indem man immer wieder versucht, es zu reiten. Wir wollen kein Fracking. Die Menschen am Niederrhein sind keine Versuchskaninchen für unausgegorene Technologien." Dafür erhält er auf Facebook jede Menge Zustimmung. Für Neß kommt die "Geisterfahrt" seines Parteifreundes Oliver Wittkes zur Unzeit. Das Programm der Hamminkelner CDU, das heute Abend verabschiedet wird, formuliert eine klare Absage an Fracking.

Auch der Weseler Norbert Meesters, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, wundert sich über den Kurs des ehemaligen CDU-Landesgenerals, der mit seiner Meinung ziemlich allein dastehe. Denn: "Es bleibt beim von allen Fraktionen im Land getragenen Moratorium für Fracking. Es gibt keine Chance auf Genehmigung, so lange nicht im intensiven Dialog mit Bürgern, Wissenschaft und Unternehmen die vielen offenen Fragen und Risiken abschließend geklärt sind." Einen anderen Blickwinkel bringt Wesels Stadtwerke-Geschäftsführer Franz Michelbrink ein — den des Wasserproduzenten und -verkäufers. Er sagt: "Der Schutz des Trinkwassers ist eine generationenübergreifende Aufgabe. Fracking ist unverantwortlich."

Wesels CDU-Bürgermeisterkandidat Jürgen Linz zeigte sich erleichtert nach Rücksprache mit der Landes-CDU. Wittke habe eine "Einzelmeinung" geäußert. Friedrich Eifert (FDP) schätzt die Position von Lindner, für den ein Versuchsprojekt ein Chance sein könnte. Allerdings, so Eifert: "Die Vorkommen reichen nur für 20 Jahre. Wollen wir diese Kurzfristausbeutung? Und was dann?"

(RP)