Flüchtling will in Wesel Deutsch lernen: Wer hilft?

Saddam Ameen aus dem Irak : Flüchtling will Deutsch lernen: Wer hilft?

Der 28-jährige Saddam Ameen ist mit seiner Familie aus dem Irak geflohen und kann nicht zurückkehren. Beim Deutschlernen braucht er intensive Unterstützung.

Eine fremde Sprache zu lernen, ist für Saddam Ameen besonders schwer – in seiner Familie daheim im kurdischen Teil des Irak ist kaum jemand zur Schule gegangen und auch der 28-Jährige ist Analphabet. Für den Familienvater ist eine Rückkehr in die Nähe von Erbil ausgeschlossen. Dort wäre sein Leben in Gefahr, ist er sich sicher, und seiner Frau drohte die Zwangsverheiratung. Daher ist es für Saddam Ameen sehr wichtig, Deutsch und auch das Lesen und Schreiben zu lernen. Aufgrund einer Lernbehinderung kann er keinen Kurs besuchen – zweimal hat er es vergeblich versucht. Die einzige Chance sind Freiwillige, die sich mit Geduld um den in Wesel lebenden Iraker kümmern. Genau auf solche Menschen hofft Ulrich Grundmann, Flüchtlingspate aus Friedrichsfeld, für seinen Schützling: „Er braucht eben eine andere Art von Förderung“.

Der Iraker und seine Frau Sarwin Sofi befinden sich in einer schwierigen Lage. Die heute 25-Jährige stammt aus einer einflussreichen Erbiler Familie, der Vater ist Polizei- und der Onkel Gerichtspräsident. Die Verbindung mit Saddam Ameen, der eine Sisha-Bar besaß und keine Bildung vorweisen kann, galt in der Familie der Frau als nicht standesgemäß. Sie wurde mit einem Onkel zwangsverheiratet, von diesem misshandelt.

Sarwin Sofi gelang die Flucht, sie heiratete Saddam Ameen – und nach mehreren Versuchen, sich vor der drohenden Rache durch die Familie von Sarwin Sofi zu verstecken, flohen sie mit ihren inzwischen zwei kleinen Kindern über die Türkei in Richtung Deutschland. 15 000 Dollar hat er an die Schlepper gezahlt, sagt Saddam Ameen. Im Februar 2016 kamen sie an, seit einem Jahr sind die Eltern als Flüchtlinge anerkannt – zunächst für drei Jahre.

Die beiden Töchter, fünf und vier Jahre alt, besuchen die Kita, im August kam noch ein Sohn auf die Welt. Eine Rückkehr gibt es nicht mehr, das Ehepaar hat große Angst, entdeckt zu werden.

„Wenn er zeigt, dass er sich integriert, hat er gute Aussicht auf eine Verlängerung“, sagt Ulrich Grundmann über den Familienvater – und dass er sich anstrengen will, daran hat auch Jamal Abdullah, ein ebenfalls aus dem kurdischen Teil des Irak stammender Freund von Saddam Ameen, keinen Zweifel. „Er ist sehr motiviert und möchte die Sprache lernen“, weiß Jamal Abdullah. Er selbst ist auch bereit, beim Unterricht für seinen Freund mitzuhelfen, doch alleine schafft er es nicht. Drei bis vier Menschen, die nicht unbedingt eine pädagogische Vorbildung mitbringen müssen, hoffen er und Ulrich Grundmann, wären eine gute Grundlage. Wenn ein Pädagoge dabei wäre – umso besser.

Im Irak sind Analphabeten nicht ungewöhnlich, berichtet Jamal Abdullah. „40 Prozent der Menschen gehen nicht zur Schule“. In Saddam Ameens Familie ist das seit Generationen so. Sein besonderes Problem: Er kann sich das Gelernte schlecht merken, braucht also Zeit und persönliche Unterstützung. Wenn jeder freiwillige Helfer eine bis anderthalb Stunden pro Woche mit dem Familienvater lernen könnte, wäre das ein wichtiger Anfang, glaubt Ulrich Grundmann. „Ganz sicher kann Saddam Ameen auch etwas zurückgeben“, sagt der Friedrichsfelder: Hilfe im Garten oder ähnliche Arbeiten. Ihm liegt das Schicksal der fünfköpfigen Familie am Herzen: „Wenn wir keinen Weg für eine gelungene Integration finden, kann auf die Familie die Abschiebung in den Irak zukommen“. Das wäre für Saddam Ameen ein Todesurteil, ist er überzeugt.

(rme)
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