Experte in Schermbeck: „Wolf mit Radau verjagen“

Infoabend in Schermbeck : Expertentipp: „Wolf mit Radau verjagen“

Hunderte waren am Montagabend zu einem Infoabend  in Schermbeck gekommen, bei dem Vertreter des Umweltministeriums und des Landesamtes für Natur Dutzende Fragen zum Thema Wolf beantworten mussten.

Die Information erfolgte zeitig: Am Montagmorgen wies  NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser das Wolfsgebiet Schermbeck aus (wir berichteten), am Abend kamen Vertreter des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) und des NRW-Umweltministeriums ins gut gefüllte Gahlener Café Holtkamp, um während einer Bürgerversammlung über das Thema Wolf zu informieren. Die Besucher kamen aus Schermbeck und der gesamten Region.

„Wir teilen gerne unser Wissen mit Ihnen“, stellte LANUV-Präsident Thomas Delschen zu Beginn fest, bevor er einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Wolfes in Deutschland seit dem Jahre 1995 gab und den Hintergrund für die erste Ausweisung eines Wolfsgebiets in Deutschland.

Ausführlich stellte Matthias Kaiser als LANUV-Fachbereichsleiter für Artenschutz und Leiter der Wolfs-Arbeitsgruppe in NRW das am Montag freigeschaltete Internet-Portal www.wolf.nrw.de vor. Auf dieser Internet-Seite kann jeder tagesaktuelle Informationen über das Auftreten eines Wolfes bekommen. Auf einer Karte werden alle Nachweise lokalisiert. Ferner findet man Angaben zum allgemeinen Wolfsmanagement, eine detaillierte Beschreibung des Wolfsgebietes Schermbeck, eine Auflistung der 70 Wolfsberater in NRW, Tipps zum Herdenschutz, die Förderrichtlinien sowie Empfehlungen über den Umgang mit unauffälligen Wölfen. „Wir sind auf Ihre Mitarbeit angewiesen“, ermunterte Kaiser die Bürger, entdeckte Wölfe ebenso zu melden wie tote Schafe oder totes Wild. Die Kontaktdaten der Ansprechpartner findet man auf der Internet-Seite.

Als Vertreter des Umweltministeriums berichtete Christian Stang über die Förderrichtlinien, die auch im Mittelpunkt der drei Dutzend Fragen innerhalb der anschließenden Fragerunde standen. Zur Entschädigung zahlt das Land für die durch den Wolf direkt getöteten Nutz- und Haustiere einschließlich der Jagd-, Herdenschutz- und Hütehunde. Gezahlt wird auch für die infolge eines Wolfsübergriffs später verendeten oder aus Tierschutzgründen getöteten Tiere sowie für die Verluste durch Verwerfen. Darüber hinaus werden auch sonstige Kosten für Tierarzt, Tierkörperbeseitigung, Sachschäden an Zäunen sowie Untersuchungskosten entschädigt.

Innerhalb des Wolfsgebietes werden Entschädigungen nur dann gezahlt, wenn spätestens innerhalb eines Jahres Schutzmaßnahmen durchgeführt werden. Das Land fördert Präventionsmaßnahmen zum Schutz von Schafen, Ziegen und Gehegewild. Bei Bedarf kann die Förderung von Präventionsmaßnahmen für weitere Tierarten zugelassen werden. Arbeitskosten und Folgekosten sind nicht förderfähig. 80 Prozent der Kosten werden gefördert. Bewilligungsbehörden sind die höheren Naturschutzbehörden bei den Bezirksregierungen. Die „Förderrichtlinien Wolf“ unterliegen den EU-Beihilfevorgaben. Das heißt: Für jeden Empfänger gilt eine Obergrenze von 15.000 Euro innerhalb von drei Steuerjahren.

Die Leiterin eines Raesfelder Kindergartens erkundigte sich nach den Bedrohungen durch den Wolf. Kaiser: „Ich sehe keine Gefahren. Man sollte den Kindern keine Angst machen.“ Er empfahl, befürchtete Wölfe vorab mit Radau oder Trillerpfeifen zu verjagen. Der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes, Josef Tumbrinck, riet dazu: „Laden Sie Fachleute zum Gespräch ein.“

Offen blieb die Frage der Besitzerin einer Wanderherde nach der Art von förderwürdigen Schutzmaßnahmen. Offen blieb auch die Frage, ob und wie man Nutztiere in einem offenen Stall vor dem Wolf schützen kann. Die Gahlener Schafszüchterin Christiane Rittmann erfuhr, dass es keine Entschädigung für Schutzmaßnahmen gibt, die vor der Ausweisung des Schermbecker Wolfsgebietes vorgenommen wurden.

Der Wolf steht unter Naturschutz. Seine Tötung wird mit einer Geldstrafe bis zu 50.000 Euro bestraft oder mit Gefängnis. Das Beseitigen von auffälligen Wölfen ist erlaubt. Allerdings muss dazu eine artenschutzrechliche Ausnahmeregelung vorgelegt werden. Wann der Wolf ein auffälliges Verhalten zeigt, steht noch nicht exakt fest. Derzeit erstellt eine Arbeitsgruppe ein Papier für die im November stattfindende Umweltkonferenz.

Die Frage nach dem Kostenträger beantwortete Stang so: „Der Steuerzahler zahlt das.“ In den Jahren 2009 bis 2017 seien insgesamt 1660 Euro gezahlt worden. Die Diskussion über die Bezahlung nutzte eine Zuhörerin zur Feststellung: „Hier wird nur über Geld geredet. Ich möchte mein Geld nicht dazu verwenden, dass es Viehhalter bekommen, um ihren Gewinn zu erhöhen.“ Die Formulierung wurde mit lauten Unmutsbezeugungen quittiert. Kreislandwirt Wilhelm Neu forderte, dass die Arbeitsleistung für die Durchführung von Schutzmaßnahmen mit in die Förderleistung einbezogen werden müssen.

Auf die Frage nach dem Zeitraum bis zur Zahlung der Fördergelder für eine Schutzmaßnahme antwortete Stang: „Sie dürfen vor einer Bewilligung nicht anfangen. Ich geh davon aus, dass die Mitarbeiter möglichst schnell einen Bescheid erteilen.“

„Ich fand, das war hier ein gutes Stück demokratischen Verhaltens“, lobte LANUV-Präsident Delschen am Ende der zweistündigen Veranstaltung die Besucher und die Tatsache, „dass man sich nicht niederbrüllte.“ Hämisches Gelächter an einigen Stellen und ab und zu ein Raunen als Zeichen der Unzufriedenheit mit einer Antwort hielten sich in Grenzen.

Die Karte zeigt das 958 Quadratkilometer große Wolfsgebiet Schermbeck. Foto: Helmut Scheffler
LANUV-Präsident Thomas Delschen (l.) dankte den Besuchern für die gute Gesprächskultur. Foto: Helmut Scheffler

Als stellvertretender Pressesprecher des Umweltministeriums nahm Peter Schütz drei Erkenntnisse mit nach Düsseldorf: „Die Infopolitik muss sich verbessern. Die Sorgen und Nöte der Eltern schreien danach, dass wir auch in Kitas und Schulen gehen. Außerdem müssen die Förderrichtlinien überarbeitet werden.“

(hs)
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