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Niederrhein: Experiment: drei Tage freiwillig im digitalen Off

Niederrhein : Experiment: drei Tage freiwillig im digitalen Off

Für Sina Honnen ist das Handy ständiger Begleiter. Wie sind ein paar Tage ohne Internet? Ein Selbstversuch.

Es klingt nach keiner großen Herausforderung: Drei Tage ohne Handy und Internet, ein verlängertes Wochenende. Ich befürchte, dass es trotzdem nicht leicht wird. Denn mein Handy ist mein ständiger Begleiter. Nicht nur, wenn ich das Haus verlasse: im Bett, am Schreibtisch, in der Bahn, beim Kochen, im Club. Es ist nicht so, dass ich das bewusst wollen würde, im Gegenteil. Es stresst mich. Immer online sein. Immer auf der Stelle zurückschreiben. Immer aktualisieren. Immer sehen, was der Rest der Welt macht. Es nervt, und trotzdem kann ich nicht aufhören.

Das heißt: Doch, kann ich schon. Wenn ich mit meinen Eltern esse, meine Freundinnen treffe oder meine Oma besuche, vermisse ich mein Handy nicht. Zeige keine Entzugserscheinungen. Eher habe ich das Gefühl, dass das Internet zu meinem Lückenfüller geworden ist gegen Langeweile. Schnell mal Facebook checken. Ein Video. Ein Kommentar. Ein Foto. Und jede Menge Nachrichten. Aber da ist eben auch das sinnlose Rumspielen, das dumpfe "Davorgehänge". Und jetzt will ich mal ausprobieren, wie viel Zeit mir dieses kleine Gerät raubt. FREITAG Ich treffe meine besten Freundinnen zum Mädelsabend und erzähle von meinem Selbstversuch. Obwohl wir gerade stundenlang alles Mögliche besprochen haben, ist es trotzdem seltsam, als wir uns verabschieden - nur für zwei Tage. Sonntagabend werden wir uns schon wiedersehen. Aber normalerweise tauschen wir in 48 Stunden viele Informationen aus. Wer zieht was an, wer bringt was mit, ein Foto, eine Neuigkeit. Nichts, was lebensnotwendig wäre. Aber ich hab' mich daran gewöhnt. Und ja: Ich habe auch Angst, etwas zu verpassen. SAMSTAG Ich schlage die Augen auf, und wie gewohnt geht der erste Griff zum Handy neben dem Bett. Aber heute nur, um den Wecker auszuschalten. Normalerweise würde ich jetzt nachsehen, wer mir geschrieben hat. Dann in Facebook herumscrollen. Der größte Teil davon interessiert mich nicht, aber ich sehe es mir trotzdem an. Heute stehe ich einfach auf und lasse das Handy in der Schublade verschwinden. Beim Frühstück sehe ich mir kein Youtube-Video oder eine Folge meiner Serie an. Ich sitze einfach da und esse mein Müsli. Gegen 11 Uhr fahre ich mit meiner Familie zu meiner Patentante. Zähneknirschend muss ich feststellen, dass ich jetzt gerne ein Foto in die Gruppe schicken würde. Von meinem Sekt. In meiner Hand. Klingt albern. Aber es macht Spaß, diese Dinge miteinander zu teilen. Den Rest des Tages bin ich zum Glück so beschäftigt, dass ich gar keine Zeit habe, an mein Handy zu denken. Als ich später ins Bett gehe, habe ich kein bisschen das Gefühl, dass mir an diesem Tag etwas gefehlt hätte. SONNTAG Heute steht nichts Besonderes an. Was soll ich sagen, mir ist langweilig. Ich versuche zu lesen, aber das Buch fesselt mich nicht. Ich bin so daran gewöhnt, non-stop unterhalten zu werden, dass eine simple Geschichte mich offensichtlich nicht mehr packen kann. Ich bin froh, als es endlich Zeit wird, mich für das abendliche Treffen mit Freunden fertigzumachen. In unserer Runde ist es normal, dass fast alle Handys auf dem Tisch liegen, dass man mal schnell was googelt, per Whatsapp nachfragt, wenn jemand fehlt. Immerhin: In Gesellschaft fällt es mir leicht, die Finger vom Handy zu lassen. MONTAG - EIN FAZIT Ich schlafe aus, aber dann halte ich es nicht mehr aus. Ich resigniere und mache das Internet an. Kein Facebook, kein Google, nur schnelle Kontaktaufnahme, kurze Rekapitulation des Abends. Und, ehrlich gesagt, bin ich unglaublich froh darüber, dass ich so einfach mit Freunden und Familie kommunizieren kann, besonders, wenn wir uns länger nicht sehen. Ich empfinde das als großes Glück meiner Generation, das es so viel einfacher macht, Freundschaften auf Distanz zu erhalten. Ich schiebe das schlechte Gewissen, meinen Selbstversuch unterbrochen zu haben, zur Seite. Am Nachmittag mit der Family bleibt das Handy unter Verschluss. So gehen die drei Tage wunderbar zu Ende. Und ich? Bin erleichtert über die großartigen Möglichkeiten, die das Internet mir bietet, und darüber, dass ich seiner virtuellen Welt zumindest zeitweise entfliehen kann.

(SH)