Wesel: Ergreifendes Konzert zur Passion

Wesel : Ergreifendes Konzert zur Passion

Wohlklingende Dramatik in St. Mariä Himmelfahrt: Mehr als 200 Besucher erlebten in Wesel die Matthäus-Passion.

Gleich zu Beginn der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach konnten die mehr als 100 Akteure mit der Choralfantasie in der Wechselrede zwischen der "Tochter Zion" und dem "Chor der Gläubigen" als Frage und Antwort verschiedener Volksgruppen überzeugen. Kraft, Ausdruck und Souveränität strahlten die Sänger des Collegium vocale und des Vokalensembles Cantare et sonare zusammen mit zwei Orchestern der Duisburger Philharmoniker und den fantastischen Solisten unter der Leitung von Kantor Willem Winschuh aus.

Besonders Tobias Glagau (Tenor) und Mirjam Hardenberg (Sopran) überraschten mit einer brillanten Melodramatik und einer bildhaften Schilderung der Affekte. Glagau, in der Rolle des Evangelisten, erzählte in einer packenden Art und Weise die Passions-Geschichte. Ebenso gestaltete Matthias Zangerle (Bass-Bariton) in der Rolle Jesu seine Partie sehr eindringlich mit einer markant, warmen Stimme. Neben der erstklassig besetzten Rolle des Evangelisten und des Jesus stach vor allem Mirjam Hardenberg mit ihrem leuchtenden Sopran hervor. Sie verstand es mit dem Orchester zu harmonieren und die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche mitzureißen.

Das gelang auch der Altistin Silke Weisheit in der "Erbarme Dich"-Arie. Sie wirkte authentisch und zelebrierte regelrecht mit wohlklingender, dramatischer Intensität die von Verzierungen und Koloraturen geprägte Arie. Ihre Gesänge klangen ausgesprochen akzentuiert, fließend und spannend intoniert. Die hervorragenden Solisten wurden von Tobias Scharfenberger ergänzt, der stimmliche Dramatik im Bass-Rezitativ und der Arie "Gerne will ich mich bequemen" entwickelte.

Winschuh gelang es Emotionen aufzubauen, ohne dabei überladen oder lyrisch zu erscheinen, was nicht zuletzt auf die guten Solisten zurückzuführen war. Er gab den Instrumentalisten viel Freiraum, damit sie ihre eigene Interpretation der Musik Bachs mit einbringen konnten. Er ließ die Musiker in einem sehr raschen Tempo musizieren, was in der Arie "Gebt mir meinen Jesum wieder" wohltuend wirkte. Wortklang und Aussage bestimmten den Aufführungsstil, was dem Bekenntnischarakter der Passion zugutekam.

Die Zuhörer erlebten in mehr als drei Stunden einen umhüllend operngleichen und dennoch transparenten Klang und gaben sich der dramatischen Leidensgeschichte Jesu hin, die durch die scheinbar wechselnden Positionen der Musiker und Sänger sehr lebendig wurde.

Ausdrücklich hatte Kantor Willem Winschuh darum gebeten, am Schluss auf Applaus zu verzichten und die letzten verhallenden Töne auf sich wirken zu lassen. Das Publikum folgte dieser verständlichen Bitte, stand schweigend auf, um damit allen Mitwirkenden für eine lange intensive Probenarbeit und eine bewegende Aufführung zu danken.

(RP)
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